Gesucht und gefunden (1)

Die Top 5 der Suchbegriffe, die im September auf dieses Weblog führten:

Alzheimerdorf
ist ein Pionierprojekt in den Niederlanden und taucht in der Liste der Suchworte in 40 (vierzig) unterschiedlichen Varianten auf

Weltalzheimertag
findet jedes Jahr am 18. September statt

Skulptur drei Beine im Kreis
stelle ich mir etwas schwierig vor, aber probieren geht über studieren

alzheimerblog.wordpress.com
ja, hier sind Sie richtig

Alzheimer Religion
Kenne ich nicht. Wer hat die gegründet und woran glaubt man da?

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Gottesdienstfrust am Weltalzheimertag 2010

KWG

Ich hätte es wissen können, aber ich wollte da hin, denn die Pfarrerin, die von evangelischer Seite den Gottesdienst hielt, hat ein Buch herausgegeben, das zum Besten gehört, das ich in all den Jahren über den Umgang mit Alzheimer gelesen habe. Die Mehrzahl der Autoren und Autorinnen kennt Demenz nicht nur aus beruflicher Perspektive, sondern aus der langjährigen Begleitung von betroffenen Menschen im persönlichen Umfeld.

Also auf in die KaWeGe – wie der Berliner sagt, wenn er die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche meint – zum „ökumenischen Gottesdienst für pflegende Angehörige, Pflegekräfte, Ehrenamtliche und Menschen mit Demenz“.

Gestaltet und verantwortet wurde der Gottesdienst von der Alzheimer Gesellschaft Berlin und vom geistlichen Zentrum für Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Achtzig bis hundert Menschen werden wohl in der Kirche gewesen sein zum Thema „gut, dass es dich gibt“.

Die Orgel improvisiert sich mit einem Freestyle-Arrangement Marke „brausend-dröhnend“ an einen Choral heran. Von der Melodienführung war bis zum Beginn des Singens nichts zu vernehmen.

HALLO: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Wie sollen sich dementiell veränderte Menschen da hineinfinden? Und daran, dass erst eine Strophe vorgesprochen und dann gesungen wird, denkt hier niemand. Demente, die nicht mehr lesen können, sind hier nicht vorgesehen.

Nun ist der katholische Priester mit seinem Eingangsgruß und dem Kreuzzeichen dran, dann die Pfarrerin mit der evangelischen Variante. Die konfessionell gebundenen Gottesdienstbesucher kennen die Variante ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft, aber die der anderen nicht. Die kirchenfernen Besucher kennen keine der Antworten. Deshalb gibt es leichte Verunsicherungsreaktionen, die vermeidbar wären, wenn alle einen Gottesdienstablauf mit den liturgischen Teilen, Gebeten und Texten in die Handbekommen hätten.

Zur Erinnerung: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Auch ehrenamtliche Mitarbeitende sind in den Gottesdienst einbezogen. Eine von ihnen liest einen Psalm. Es ist leise und lese-technisch eine Zumutung, denn die Vortragende artikuliert schlecht, verschluckt Endsilben und verwäscht Silben ineinander. Ein paar mal dachte ich: „Ach das meint sie“, was mir aber auch nur möglich war, weil ich den Psalm kannte. Ein Kirchenraum klingt anders als das heimische Wohnzimmer, kann auch einen Nachhall haben. Deshalb ist eine Sprechprobe für Menschen, die keine Erfahrung mit einem solchen Raum haben umso wichtiger.

Abgesehen davon könnte man einen Psalm von allen sprechen lassen. Da könnten noch manche von den Dementen mitmachen. Aber für die war – außer auswendigem Mitsingen – an keinem Ort des Gottesdienstes eine Möglichkeit sich einzubringen.

Und wenn man schon kein Blatt zum Gottesdienstablauf erstellen will, dann könnte man Texte und Lieder mit einem Beamer auf eine Leinwand projizieren. Das ist in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bei Gottesdiensten für ein junges Publikum durchaus üblich, warum dann nicht auch bei dementiell veränderten Menschen?

Dann wird ein Text aus dem ersten Korintherbrief vorgelesen, der vom Leib und den vielen Gliedern handelt. Es ist eine für meine Ohren etwas umständliche Übersetzung. Ich tippe auf Luthertext. Das hat für evangelische Kirchgänger sicher einen hohen Wiedererkennungswert, aber für die anderen? Hier wäre – egal welche Übersetzung man benützt – eine Visualisierung sinnvoll: Text im Gottesdienstblatt oder per Beamer auf die Leinwand, denn:

Hallo: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Die Predigt ist gut gemeint mit dem Tenor: Wir können alle Unterschiedliches und brauchen einander – wie die Glieder am Leib sich brauchen. Ein Beispiel blieb bei mir hängen: „Wenn wir alle Orgel spielen könnten, dann wäre niemand da um Zuhören …“. Ich fühle mich zugetextet. Überdruß steigt in mir hoch. Ich schaue auf die Uhr: Wann ist das hier endlich vorbei? Aber ich kann hier nicht raus ohne andere zu stören. Es gibt keine Visualisierung, nichts wo ein dementer Mensch sich verankern könnte. In Mamas Heim bekommt immer jeder beim Gottesdienst etwas in die Hand – ein „Geschenk von der Kirche“, das dann in den Alltag mitgeht. Das kann eine Karte, ein Zweig, ein Apfel, ein Schneckenhaus oder etwas anderes Kleines sein.

Auch eine Solistin mit einer sehr schönen Stimme wirkt mit. Ich verstehe den Gesang nicht, aber weil ich die Melodie kenne, höre ich „motherless child“ heraus. Aha, es geht wohl um „sometimes I feel like a motherless child“. Auch hier keine Verstehenshilfen – keine Niedrigschwelligkeit.

HALLO: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Irgendwann waren auch Fürbitten dran, die mich – ich kann es nicht anders ausdrücken – gelinde gesagt verblüfft haben. Ich kenne das so, dass Gott gebeten wird für Nöte und Anliegen von Anwesenden oder Abwesenden. Hier kam eine ziemlich lange persönliche Einleitung, die eine eigene Befindlichkeit oder eine persönliche Erfahrung thematisierte, an die dann eine Fürbitte drangehängt war. Diese Art der Verbindung von persönlicher Erfahrung in der Ich-Form und Fürbitte in der dritten Person empfand ich als sehr vereinnahmend. Ich sah und hörte förmlich die Handlungsanweisung: Formulieren Sie eine Fürbitte, in der Sie die Lebenswirklichkeit der Anwesenden aufgreifen und thematisieren …“. Sehr didaktisch, aber wie heißt es so schön: Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Was mich bei christlichen Gottesdiensten oft nervt ist die penetrante Geldsammelei. Ich habe nichts gegen einen Behälter am Ausgang, in den ich etwas reinlegen kann, wenn ich das Ziel der Sammlung unterstützen will. Es ist mir zuwider, wenn Leute mit Körben so am Ausgang positioniert sind, dass ich mich genötigt fühle. Dann mag ich gar nicht, selbst wenn ich unter anderen Umständen etwas gegeben hätte. Zum anschließenden Kaffeetrinken hatte ich keine Lust mehr.

Fazit:: Hier sind Fachleute für Demenz geballt auf einem Haufen:
-das Zentrum für Seelsorge für Demente und ihre Angehörigen
– die Pfarrerin, die in der Krankenhausseelsorge und in einem Seniorenstift arbeitet und ein herausragendes Buch zum Thema Umgang mit Dementen herausgegeben hat und
– die Alzheimergesellschaft Berlin

Und trotzdem ist das Ergebnis wenig reflektiert dürftig. Am Besten hat mir der katholische Priester gefallen, der spontan für seinen erkrankten Kollegen eingesprungen ist: Freundliche Ausstrahlung, langsames und gut verständliches Sprechen und Gesten (Kreuzzeichen). Dieser ansonsten sehr sprachlastige Gottesdienst hätte gut noch Einiges an Zeichen und Bildern vertragen.

Ach, ich würde diese Fachleute alle gern zu dem Pfarrer und der Kirchenmusikerin und Katechetin schicken, deren Alzheimer-Gottesdienst meine lebenslang religiös abstinente Mutter so gerne mag, dass sie seit vier Jahren regelmässig jeden Monat dabei ist und traurig ist, „dass es das nicht öfter gibt“.

Wie schon am Anfang des Artikels bemerkt: Ich hätte es besser wissen können, denn in der Alzheimerangehörigengruppe hatte ich schon so einiges Frustrierende über diese jährlich stattfindenden Gottesdienste zum Weltalzheimertag gehört. Aber mich zog die Pfarrerin wegen des tollen Buches an.

Blogeinträge zu ähnlichen Themen:
Religion und Spiritualität im Pflegeheim
„Getröstet und Geborgen“ – eine Bibel für dementiell veränderte Menschen

Schlaglichter von Alzheimergottesdiensten
Wie erklärt man Demenzkranken, was Auferstehung ist?
Kirche ja – Gottesdienst nein: Rosen in meinem Leben
Geschenk von der Kirche: ein Schneckenhaus
Vom Aufgang der Sonne … – ein Gottesdienst für Demenzkranke
Geschenk von der Kirche: Weihnachten
… wie ein Baum gepflanzt am Wasser (Psalm 1)
Vom Säen und Ernten – Abschied und Neubeginn
Weißt Du wieviel Sternlein stehen?

weitere spitituelle Themen:
Zutrauen und Staunen können
Guten Abend – gute Nacht: ein Abendritual in der Wohngruppe
kleine Abschiede – ein Ritual

Statistisches (1): zum Alzheimerdorf

Vor drei Tagen habe ich den Blogeintrag über das Alzheimer-Dorf in den Niederlanden gepostet. Dieser eine Eintrag hatte in den letzten drei Tagen 7 mal mehr Leser, die über Suchmaschinen kamen als alle anderen Artikel dieses Weblogs in den letzten sieben Tagen zusammen.

Ich vermute, daß die an diesem Artikel Interessierten vorwiegend Menschen sind, die beruflich mit dementiell veränderten Menschen zu tun haben, denn wer für seine Angehörigen eine Einrichtung sucht, wird das nicht im fremdsprachigen Ausland tun. Obwohl die Zugriffe auf diesen Artikel immens hoch sind, ist es der einzige Eintrag, der nicht kommentiert wurde. Mich würde interessieren, welche Eindrücke Professionelle von diesem Pionierprojekt haben und wie unter Hauptberuflichen darüber gesprochen wird. Gibt es auch kritische Anmerkungen? Wäre ein solches Projekt auch in Deutschland möglich und wenn ja unter welchen Rahmenbedingungen? Gerne kann der Kommentarbereich unter dem Blog-Eintrag genutzt werden. Es würde mich freuen, wenn Sie davon Gebrauch machen würden.

Pionierprojekt: ein Alzheimerdorf in den Niederlanden

Im Auslandjournal vom gestern wurde ein Beitrag über ein Dorf für dementiell veränderte Menschen in Weesp in der Nähe von Amsterdam gezeigt.

Niederlande,Alzheimer,Siedlung,Projekt

Ihre Krankheit ist eine schwere Belastung, auch für Ehemann Anton, der Greet nicht mehr zu Hause betreuen kann. Nun lebt sie nahe Amsterdam im ersten Dorf speziell für Demenzkranke und ist Teil eines Pilotprojekts, das den Bewohnern trotz Krankheit weiterhin ein normales Leben ermöglichen soll… Ihre Krankheit ist eine schwere Belastung, auch für Ehemann Anton, der Greet nicht mehr zu Hause betreuen kann. Nun lebt sie nahe Amsterdam im ersten Dorf speziell für Demenzkranke und ist Teil eines Pilotprojekts, das den Bewohnern trotz Krankheit weiterhin ein normales Leben ermöglichen soll… Zieht man nach Hogeway, kann man sich für einen von sieben unterschiedlichen Lebensstilen entscheiden: städtisch, handwerklich, indisch, häuslich, kulturell, christlich oder goois, regional-typisch. So müssen sich die Patienten nicht entscheidend umgewöhnen und können auch in ihrer neuen Umgebung leben, wie sie es von früher gewohnt sind. Wohnen darf hier nur, wer in die höchste Pflegestufe eingeordnet wurde, Demenz im fortgeschrittenen Stadium hat und 24 Stunden am Tag betreut werden muss. 160 Euro pro Tag bekommt die Stiftung, die das Heim betreut, aus Kranken- und Sozialversicherung, um Wohnen, Essen und Betreuung der Bewohner zu finanzieren…

(Auszüge aus dem Artikel zur Sendung)

Der vollständige Artikel steht hier

Anmerkungen zu den Lebensstilen:
goois: Bezieht sich eine Region in der niederländischen Provinz Nordholland, zwischen Amsterdam, Amersfoort und Utrecht gelegen. Zur mit Heide, Wald, Wiesen und kleinen Seen geprägten Region zählen neben vielen authentischen Ortschaften verschiedene wichtige Naturschutzgebiete südlich des IJsselmeers. Die größte Stadt ist Hilversum.
indisch: Ist eine falsche Übersetzung. Richtig müßte es heißen „indonesisch“, was mit einer ehemaligen niederländischen Kolonie zu tun hat.
Wegen des hohen muslimischen Bevölkerungsanteils in den Niederlanden plant Hogewey auch für diesen potentiellen Bewohnerkreis ein entsprechendes Lebensumfeld zu schaffen.

Die Finanzierung der 5000 Euro monatlich pro Bewohner wird über die Pflegeversicherung gewährleistet. In diese bezahlt jeder je nach Höhe seines Arbeitseinkommens ein. Greets Mann muß nur 100 Euro monatlich für ihre Teilnahme an diversen Gruppenaktivitäten bezahlen.

Das Video über die Alzheimer-Siedlung in den Niederlanden ist hier (6:47 min)
(Dieser Videobeitrag ist wesentlich ausführlicher als die ZDF-Beiträge bei „heute in Europa“ vom 17.9. 2010 oder im „Morgenmagazin“ vom 21.9.2010).

Einen über den Videobeitrag hinaus weiterführenden, sehr ausführlichen und anschaulichen Artikel über „Die Kraft der Illusion – ein Dorf für Demenzkranke“ aus dem Rheinischen Merkur kann man hier nachlesen.

Eine Bilderstrecke findet man hier.

Nachtrag vom 19. September 2010:

Vor drei Tagen habe ich diesen Blogeintrag über das Alzheimerdorf in den Niederlanden gepostet. Dieser eine Eintrag hatte in den letzten drei Tagen 7 mal mehr Leser, die über Suchmaschinen kamen als alle anderen Artikel dieses Weblogs in den letzten sieben Tagen zusammen.

Ich vermute, daß die an diesem Artikel Interessierten vorwiegend Menschen sind, die beruflich mit dementiell veränderten Menschen zu tun haben, denn wer für seine Angehörigen eine Einrichtung sucht, wird das nicht im fremdsprachigen Ausland tun. Obwohl die Zugriffe auf diesen Artikel immens hoch sind, ist es der einzige Eintrag, der nicht kommentiert wurde. Mich würde interessieren, welche Eindrücke Professionelle von diesem Pionierprojekt haben und wie unter Hauptberuflichen darüber gesprochen wird. Gibt es auch kritische Anmerkungen? Wäre ein solches Projekt auch in Deutschland möglich und wenn ja unter welchen Rahmenbedingungen? Gerne kann der Kommentarbereich hier dafür genutzt werden. Es würde mich freuen, wenn Sie davon Gebrauch machen würden.

Nachtrag vom 13. Dezember 2010:

In der Berliner Zeitung vom 26. Oktober wird unter dem Titel Der Traum von Hogewey wird das niederländische Demenzdorf auch mit einigen kritischen Fragen konfrontiert. Wie ist es ethisch einzuordnen, wenn für dementiell veränderte Menschen eine künstliche Lebenswelt inszeniert wird?

Nachtrag vom 14. Dezember 2010:

Gestern erschien auf der Website vom Innovationskreis Demenz ein Artikel, der einen eintägigen Arbeitsbesuch in Hogewey am 20. Januar 2011 für Deutschsprachige ausschreibt. Mit 295 Euro ist man als professionell in diesem Bereich Tätiger dabei.

Nachtrag 23. September 2011:

In schöner Regelmässigkeit bekomme ich Anfragen von Leuten, die das Demenzdorf besuchen können. Ob man da übernachten kann etc.? Mich wundert das, denn dies ist ein Weblog, in dem ich über das Demenzdorf schreibe. Wenn Sie also Kontakt aufnehmen wollen, bemühen Sie eine Suchmaschine Ihres Vertrauens und finden Sie die Kontaktmöglichkeiten heraus.

Nachtrag 22. Juli 2012:
In der Badischen Zeitung ist ein Artikel über Hogewey unter der Überschrift „die blaue Pille“ erschienen, der auf die beiden Ebenen vor und hinter den Kulissen dieses Ortes eingeht – sehr gelungen!
http://www.badische-zeitung.de/gesundheit-ernaehrung/die-blaue-pille–61120289.html

Religion und Spiritualität im Altenheim

Der Altenheimblogger hat ein Posting über seinen neuen Praktikanten verfaßt, der Atheist ist. Der 17jährige Praktikant sollte einer schreienden Frau, die sich dadurch beruhigt, einen Rosenkranz geben und weigerte sich mit Hinweis auf seine atheistische Einstellung.

Wer beim Altenheimblogger regelmäßig liest, was ich unbedingt empfehle (siehe Blogroll), weiß, daß es sich um ein katholisches Altenheim handelt. Von daher muß auch ein atheistischer Praktikant damit rechnen, daß das Thema Religion in unterschiedlicher Ausprägung auf ihn zukommen wird. Er kann erwarten, daß seine Weltanschauung respektiert wird und er nicht mit unerwünschten Missionierungsversuchen attackiert wird. Andererseits kann von ihm erwartet werden, daß er mit den religiösen und spirituellen Bedürfnissen der Bewohner respektvoll umgeht.

Ich habe in den letzten Jahren ganz unterschiedliche Erfahrungen mit diesem Thema gemacht. Als ich einen Heimplatz für meine Mutter suchte, habe ich ein evangelisches Heim, das von Diakonissen geführt wurde, angeschaut, das mir ganz gut gefallen hat. Neben einem breiten Angebot an medizinischen, pflegerischen, kulturellen und sozialen Angebot, gab es auch gottesdienstliche Veranstaltungen und Seelsorge, also Einzelgespräche mit dem Heimpfarrer oder Schwestern auf Wunsch. Für meine Mutter war in ihrem Erwachsenenleben Religion kein Thema, von daher war mir dieser Bereich bei der Suche eines Heimplatzes nicht wichtig. Aus unterschiedlichen Gründen fiel dieses Heim dann doch aus meiner engeren Auswahl. Einige Monate später lernte ich einen Altenpfleger kennen, der in diesem Haus gelernt hatte. Er erzählte mir, daß der Sonntagsgottesdienst in alle Räume übertragen wurde. Ich fragte nach, ob er tatsächliche meinte, was ich verstand: In jedem Zimmer und in allen Gemeinschaftsräumen war Gottesdienst angesagt, und man mußte sich das anhören, ob man wollte oder nicht. Er bestätigte das mit den Worten: „Das Klo war der einzige Ort, wo man sich entziehen konnte. Sogar auf den Fluren hat man es gehört“. Eine solche religiöse Vereinnahmung finde ich völlig daneben. Schön, wenn es so ein Angebot gibt für alle, die sich dafür interessieren, aber Gottesdienst als Zwangsveranstaltung darf nicht sein.

In guten Heimen wird erhoben, was für den Bewohner von Bedeutung ist, wie er seinen Tag gestaltet, welchen Beruf er hatte, welche Freizeitaktivitäten und Interessen er pflegt, wie seine Essensgewohnheiten sind, aber auch, ob Religion für ihn wichtig ist und wie seine spirituellen Bedürfnisse sind. Und so wie ich von Mitarbeitenden erwarte, daß sie die Bewegungsfähigkeit fördern, auf Essenswünsche eingehen und pflegerisch kompetent arbeiten, so finde ich es wichtig, daß auch auf spirituelle Bedürfnisse eingegangen wird.

Im ersten Heim, in dem meine Mutter lebte, hatte sie einen Mitbewohner, der in der evangelischen Kirche jahrzehntelang sehr engagiert gewesen war. Auch die meisten anderen Bewohner der Wohngruppe waren evangelisch. Abends gab es nach dem Essen ein Abschlußritual für die Bewohner mit Abendlied und Vaterunser, das ich hier beschrieben habe. Für mein Empfinden war das für die Bewohner dieser Gruppe und die Mitarbeitenden stimmig. Zur Wohngruppe, in der meine Mutter jetzt lebt, würde das nicht passen, denn dort leben vorwiegend Leute aus der ehemaligen DDR, für die Religion oft nicht wichtig ist.

Im alten Weblog habe ich auch einige Gedankensplitter und Erlebnisse rund um das Thema Religion und Spiritualität beschrieben. In dem Haus, in dem meine Mutter jetzt lebt, wird von einem freien Träger geführt. Es gibt unterschiedliche spitituelle Angebote: Feste werden gefeiert, einmal monatlich gibt es in der Kirche einen Gottesdienst für Demenzkranke, der Pfarrer besucht die Bewohner, die das wünschen. Es gibt noch ein spezielles Besuchsprogramm, weil das Heim Praktikumsort für Studierende der evangelischen Fachhochschule ist, die sich mit dem Themenbereich „Seelsorge an Demenzkranken“ spezieller beschäftigen wollen.

Gottesdienst, Demenz, Alzheimer

Astscheibe

Das Konzept für die Gottesdienste hat der Pfarrer mit dem Sozialarbeiter des Heimes und der Heilpädagogin erarbeitet. Ganz wichtig ist, daß er in der Kirche stattfindet und im Normalfall nicht in einem Gemeinschaftsraum, denn das sinnliche Erleben und die Anknüpfung an frühere Erinnerungen sind ganz wichtig: Die Wahrnehmung des Kirchenraums, das Licht, der Geruch, die Gesamtatmosphäre, die Orgelklänge – all das ist ganz wichtig für dementiell veränderte Menschen. Das Gesamtthema eines jeden Gottesdienstes nimmt ein Lebensthema auf, wie zum Beispiel: Vom Aufgang der Sonne … oder wie ein Baum gepflanzt am Wasser ….

Bibel, Demenz, Alzheimer, Gottesdienst, Seelsorge, Gespräch, Gruppenarbeit, Arbeitshilfe

Getröstet und geborgen

Auch eine Bibel für dementiell veränderte Menschen gibt es inzwischen. Für Angehörige und Mitarbeiterinnen in Pflegeheimen gibt es dazu noch eine Arbeitshilfe mit vielen wertvollen Hinweisen. Im Bereich der theologischen Forschung ist Demenz zunehmend ein Thema. Das alles finde ich sehr ermutigend. Was aber jeweils im Heimalltag praktiziert wird, hängt von der Sensibilität und der Bereitschaft der Mitarbeitenden ab, auf diesen Lebensbereich einzugehen auch wenn es für sie in ihrem persönlichen Leben keine oder wenig Bedeutung hat. Eine einfühlsame Mitarbeiterin hat für meine Mutter in der örtlichen Bibliothek ein evangelisches Gesangbuch organisiert. Im Moment ist in diesem Bereich sehr viel im Fluß.

Zum Weiterlesen: Spiritualität – ein Thema für die Pflege von Menschen mit Demenz (eine Arbeitshilfe vom Demenz-Support Stuttgart, 68 Seiten, unterstützt vom Bundesministerium für Jugend, Frauen, Familie und Senioren)

Angekommen im Serienalltag …

Inzwischen ist Demenz nicht nur in medizinischen Informations- und Ratgebersendungen präsent, sondern hat auch Eingang in verschiedene Serien gefunden, und das zur besten Sendezeit, ob im Tatort-Krimi „Altlasten“ oder im 14. Revier vom „Großstadtrevier“ oder schon mehrmals in der Leipziger Sachsenklinik der Krankenhausserie „in aller Freundschaft“. Vor ein paar Wochen wurde in der Sachsenklinik ein Schriftsteller eingeliefert, der Fragen zu wesentlichen Inhalten seines neuen Romans bei einer Lesung nicht beantworten konnte und auf die anwesenden Journalisten zunehmend aggressiv reagierte. Die Situation eskalierte, es kam zu Handgreiflichkeiten, und der Schriftsteller mußte wegen einer verletzten Hand in die Klinik eingeliefert werden. Der Verdacht auf Alzheimer führte zu einer dramatischen Rettungsaktion auf dem Krankenhausdach, von dem sich der Autor stürzen wollte. Glücklicherweise war es „nur“ eine Urämie. Die morgige 488. Folge „Blattschuß“ wird folgendermaßen angekündigt:

Fritz Kuttesch begleitet seinen Freund Robert Walk auf die Jagd. Fritz und Robert sind schon seit Kindertagen befreundet, und seit Fritz Witwer ist, verbringen die beiden noch mehr Zeit miteinander. Robert, der ein erfahrener Jäger ist, gibt seinem Freund genaue Anweisungen, wie er sich im Wald zu bewegen hat. Doch als Robert einen Keiler anvisiert und abdrückt, steht Fritz direkt in der Schussbahn. Mit einer Fleischwunde am Bein wird er in die Sachsenklinik eingeliefert, wobei die Freunde einander gegenseitig Vorwürfe machen. Robert ist fassungslos über Fritz‘ Unvorsichtigkeit, doch dieser beteuert, dass er sich genau an Roberts Anweisungen gehalten hat. Während Fritz operiert wird, muss Robert den genauen Hergang des Unfalls schildern. Sein Bericht und die Aussagen von Fritz nähren bei Dr. Roland Heilmann und Dr. Philipp Brentano einen schlimmen Verdacht: Es könnte sein, dass Robert Walk an Demenz erkrankt ist. Als Robert diese Diagnose hört, ist er außer sich. Er glaubt, Fritz habe den Ärzten Lügenmärchen über ihn erzählt, um ihm die Schuld an dem Unfall unterzuschieben…

14. September 21.00 h ARD
In aller Freundschaft
Folge 488: Blattschuß