Gottesdienstfrust am Weltalzheimertag 2010

KWG

Ich hätte es wissen können, aber ich wollte da hin, denn die Pfarrerin, die von evangelischer Seite den Gottesdienst hielt, hat ein Buch herausgegeben, das zum Besten gehört, das ich in all den Jahren über den Umgang mit Alzheimer gelesen habe. Die Mehrzahl der Autoren und Autorinnen kennt Demenz nicht nur aus beruflicher Perspektive, sondern aus der langjährigen Begleitung von betroffenen Menschen im persönlichen Umfeld.

Also auf in die KaWeGe – wie der Berliner sagt, wenn er die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche meint – zum „ökumenischen Gottesdienst für pflegende Angehörige, Pflegekräfte, Ehrenamtliche und Menschen mit Demenz“.

Gestaltet und verantwortet wurde der Gottesdienst von der Alzheimer Gesellschaft Berlin und vom geistlichen Zentrum für Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Achtzig bis hundert Menschen werden wohl in der Kirche gewesen sein zum Thema „gut, dass es dich gibt“.

Die Orgel improvisiert sich mit einem Freestyle-Arrangement Marke „brausend-dröhnend“ an einen Choral heran. Von der Melodienführung war bis zum Beginn des Singens nichts zu vernehmen.

HALLO: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Wie sollen sich dementiell veränderte Menschen da hineinfinden? Und daran, dass erst eine Strophe vorgesprochen und dann gesungen wird, denkt hier niemand. Demente, die nicht mehr lesen können, sind hier nicht vorgesehen.

Nun ist der katholische Priester mit seinem Eingangsgruß und dem Kreuzzeichen dran, dann die Pfarrerin mit der evangelischen Variante. Die konfessionell gebundenen Gottesdienstbesucher kennen die Variante ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft, aber die der anderen nicht. Die kirchenfernen Besucher kennen keine der Antworten. Deshalb gibt es leichte Verunsicherungsreaktionen, die vermeidbar wären, wenn alle einen Gottesdienstablauf mit den liturgischen Teilen, Gebeten und Texten in die Handbekommen hätten.

Zur Erinnerung: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Auch ehrenamtliche Mitarbeitende sind in den Gottesdienst einbezogen. Eine von ihnen liest einen Psalm. Es ist leise und lese-technisch eine Zumutung, denn die Vortragende artikuliert schlecht, verschluckt Endsilben und verwäscht Silben ineinander. Ein paar mal dachte ich: „Ach das meint sie“, was mir aber auch nur möglich war, weil ich den Psalm kannte. Ein Kirchenraum klingt anders als das heimische Wohnzimmer, kann auch einen Nachhall haben. Deshalb ist eine Sprechprobe für Menschen, die keine Erfahrung mit einem solchen Raum haben umso wichtiger.

Abgesehen davon könnte man einen Psalm von allen sprechen lassen. Da könnten noch manche von den Dementen mitmachen. Aber für die war – außer auswendigem Mitsingen – an keinem Ort des Gottesdienstes eine Möglichkeit sich einzubringen.

Und wenn man schon kein Blatt zum Gottesdienstablauf erstellen will, dann könnte man Texte und Lieder mit einem Beamer auf eine Leinwand projizieren. Das ist in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bei Gottesdiensten für ein junges Publikum durchaus üblich, warum dann nicht auch bei dementiell veränderten Menschen?

Dann wird ein Text aus dem ersten Korintherbrief vorgelesen, der vom Leib und den vielen Gliedern handelt. Es ist eine für meine Ohren etwas umständliche Übersetzung. Ich tippe auf Luthertext. Das hat für evangelische Kirchgänger sicher einen hohen Wiedererkennungswert, aber für die anderen? Hier wäre – egal welche Übersetzung man benützt – eine Visualisierung sinnvoll: Text im Gottesdienstblatt oder per Beamer auf die Leinwand, denn:

Hallo: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Die Predigt ist gut gemeint mit dem Tenor: Wir können alle Unterschiedliches und brauchen einander – wie die Glieder am Leib sich brauchen. Ein Beispiel blieb bei mir hängen: „Wenn wir alle Orgel spielen könnten, dann wäre niemand da um Zuhören …“. Ich fühle mich zugetextet. Überdruß steigt in mir hoch. Ich schaue auf die Uhr: Wann ist das hier endlich vorbei? Aber ich kann hier nicht raus ohne andere zu stören. Es gibt keine Visualisierung, nichts wo ein dementer Mensch sich verankern könnte. In Mamas Heim bekommt immer jeder beim Gottesdienst etwas in die Hand – ein „Geschenk von der Kirche“, das dann in den Alltag mitgeht. Das kann eine Karte, ein Zweig, ein Apfel, ein Schneckenhaus oder etwas anderes Kleines sein.

Auch eine Solistin mit einer sehr schönen Stimme wirkt mit. Ich verstehe den Gesang nicht, aber weil ich die Melodie kenne, höre ich „motherless child“ heraus. Aha, es geht wohl um „sometimes I feel like a motherless child“. Auch hier keine Verstehenshilfen – keine Niedrigschwelligkeit.

HALLO: Wir sind in einem Gottesdienst, der sich ausdrücklich auch an Demente richtet.

Irgendwann waren auch Fürbitten dran, die mich – ich kann es nicht anders ausdrücken – gelinde gesagt verblüfft haben. Ich kenne das so, dass Gott gebeten wird für Nöte und Anliegen von Anwesenden oder Abwesenden. Hier kam eine ziemlich lange persönliche Einleitung, die eine eigene Befindlichkeit oder eine persönliche Erfahrung thematisierte, an die dann eine Fürbitte drangehängt war. Diese Art der Verbindung von persönlicher Erfahrung in der Ich-Form und Fürbitte in der dritten Person empfand ich als sehr vereinnahmend. Ich sah und hörte förmlich die Handlungsanweisung: Formulieren Sie eine Fürbitte, in der Sie die Lebenswirklichkeit der Anwesenden aufgreifen und thematisieren …“. Sehr didaktisch, aber wie heißt es so schön: Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Was mich bei christlichen Gottesdiensten oft nervt ist die penetrante Geldsammelei. Ich habe nichts gegen einen Behälter am Ausgang, in den ich etwas reinlegen kann, wenn ich das Ziel der Sammlung unterstützen will. Es ist mir zuwider, wenn Leute mit Körben so am Ausgang positioniert sind, dass ich mich genötigt fühle. Dann mag ich gar nicht, selbst wenn ich unter anderen Umständen etwas gegeben hätte. Zum anschließenden Kaffeetrinken hatte ich keine Lust mehr.

Fazit:: Hier sind Fachleute für Demenz geballt auf einem Haufen:
-das Zentrum für Seelsorge für Demente und ihre Angehörigen
– die Pfarrerin, die in der Krankenhausseelsorge und in einem Seniorenstift arbeitet und ein herausragendes Buch zum Thema Umgang mit Dementen herausgegeben hat und
– die Alzheimergesellschaft Berlin

Und trotzdem ist das Ergebnis wenig reflektiert dürftig. Am Besten hat mir der katholische Priester gefallen, der spontan für seinen erkrankten Kollegen eingesprungen ist: Freundliche Ausstrahlung, langsames und gut verständliches Sprechen und Gesten (Kreuzzeichen). Dieser ansonsten sehr sprachlastige Gottesdienst hätte gut noch Einiges an Zeichen und Bildern vertragen.

Ach, ich würde diese Fachleute alle gern zu dem Pfarrer und der Kirchenmusikerin und Katechetin schicken, deren Alzheimer-Gottesdienst meine lebenslang religiös abstinente Mutter so gerne mag, dass sie seit vier Jahren regelmässig jeden Monat dabei ist und traurig ist, „dass es das nicht öfter gibt“.

Wie schon am Anfang des Artikels bemerkt: Ich hätte es besser wissen können, denn in der Alzheimerangehörigengruppe hatte ich schon so einiges Frustrierende über diese jährlich stattfindenden Gottesdienste zum Weltalzheimertag gehört. Aber mich zog die Pfarrerin wegen des tollen Buches an.

Blogeinträge zu ähnlichen Themen:
Religion und Spiritualität im Pflegeheim
„Getröstet und Geborgen“ – eine Bibel für dementiell veränderte Menschen

Schlaglichter von Alzheimergottesdiensten
Wie erklärt man Demenzkranken, was Auferstehung ist?
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… wie ein Baum gepflanzt am Wasser (Psalm 1)
Vom Säen und Ernten – Abschied und Neubeginn
Weißt Du wieviel Sternlein stehen?

weitere spitituelle Themen:
Zutrauen und Staunen können
Guten Abend – gute Nacht: ein Abendritual in der Wohngruppe
kleine Abschiede – ein Ritual

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8 Gedanken zu „Gottesdienstfrust am Weltalzheimertag 2010

  1. Ach Mensch!
    Als ich den Jesus vor der blauen Glaswand sah, wußte ich immerhin sofort, dass es der Berliner Dom ist. Denn da war ich auch schon drin, als ich in Berlin war.

    Aber dass es so enttäuschend ablief, das tut weh.
    Schade, um die vertane Chance!

  2. Beim Lesen dieses Beitrages gestern kam in mir Ärger hoch. Feierte da die Alzheimer-Gesellschaft sich selbst?
    Hat da niemand bei der Planung mitgewirkt, der mit den Menschen lebt oder zu tun hat, für die der Gottesdienst gedacht war?
    Doch ich habe auch schon manches in dieser Hinsicht bei sogenannten Festgottesdiensten mitbekommen. Wie schön, dass Ihre Mutter das anders erleben darf.

  3. Pingback: Noch ein Beispiel für „Gut gemeint und schlecht gemacht“ « Kraftwort

  4. Vermutlich haben mal wieder viele Köche den Brei verdorben. Das passiert gerne, wenn man 1.) zwischen den Konfessionen ganz lieb sein will und jeder zu Wort kommen soll.
    Und wenn dann 2.) noch gezeigt werden soll, was die begleitende Musik so „auf der Pfanne“ hat.
    Als Verantwortlicher für Gottesdienste im Normalfall kann ich natürlich leicht ins Horn tuten und sagen, so etwas würde mir nie passieren.
    Aber bekannte Kirchenschlager und eine Visualisierung (auch Symbol oder schönes warmes Bild mit klaren Strukturen), darauf wäre ich auch ganz allein gekommen…
    Eigenartig, wenn Experten das dann so machen.

  5. Also ich kenn das aus den Gottesdiensten aus der Kirche hier. Die Akustik ist oft so schlecht, dass ich nur mitraten kann, um was es geht.

    Und ich frage mich beim lesen Deines Beitrages jetzt auch grade spontan, ob es nicht möglich wäre, einen Gottesdienst zu gestalten, wo sehr wenig gesprochen wird? Wo nicht eine Predigt im Mittelpunkt steht, sondern andere Kommunikationsformen? Bilder, Musik, Licht, Berührung,…
    Jede Messe das gleiche Bild: Die Leute hocken verstreut in den Bänken, mit meterweitem Abstand. Wieso nicht mal einen Körperkontakt-Gottesdienst mit knuddeln (-natürlich nur wer mag)? Oh, oh, bloss nicht…. 😉
    Naja….

    Grüssle

    Barbara

  6. Wenn ich bedenke, was als Einziges von der Predigt hängenblieb (vielleicht auch wegen des „ungeschickten“ liturgischen Drumherum), sträuben sich mir noch mal die Nackenhaare.
    Wenn alle Welt Orgel spielen könnte (und das auch noch gleichzeitig tun wollte!), wären wir alle pleite, und die Orgelbauer hätten volle Auftragsbücher.
    Aber die Orgel ist ein Instrument wie die menschliche Stimme. Und auch die gebrauchen wir glücklicherweise nicht immer, sondern hören auch mal zu. Obwohl wir nun wirklich alle mit einer Stimme gesegnet sind und sie auch zu gebrauchen wissen…

    Das Vertraute in einem Gottesdienst ist wichtig, habe ich gelernt. Gerade für kranke Menschen solle man in den traditionellen Formen bleiben. Gut, aber ökumenisch? Wer außer mir kennt die evangelischen UND die katholischen Responsorien, womöglich noch in mehreren Sprachen?
    Studierte Organisten tun gern zu viel, wenn sie sich mal produzieren dürfen. Das ist so, die werden sonst immer eingedämpft.
    Lesen und öffentlich sprechen kann man lernen, üben – und muß es auch. Die Übersetzung kann besser ausgewählt werden.
    Aber was hilft gegen grausliche Prediger?

  7. Hallo,
    hast du mal drüber nachgedacht diesen Blogeintrag (vielleicht etwas umformuliert) an die verantwortlichen Stellen zu schicken? Sonst feiern die sich nur weitrhin selbst wie toll sie doch sind*g*, ohne daß sich je etwas ändert…

    LG Petra

  8. Ich habe sowohl der Pfarrerin als auch der Alzheimergesellschaft und dem geistlichen Zentrum für die Seelsorge an Demenzkranken den Permalink zu diesem Beitrag geschickt. Ob sie meinen Blogeintrag gelesen haben, weiß ich nicht, denn niemand von ihnen hat hier kommentiert oder eine Mail geschickt.

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