Aufreger: Wohin mit Oma

– wenn die Pflege der Eltern zum Problem wird – ist der Titel der aktuellen Ausgabe des Stern.

Titelbild Stern  43, Pflegebedürftigkeit, Heimplatz, Pflegeheim, AngehörigeWieder mal den Nerv getroffen, abgesehen davon daß ich die Überschrift etwas daneben finde. Die Zeiten, wo alte Menschen unter „Oma“ oder „Opa“ subsummiert wurden, dachte ich, seien vorbei. Der Artikel ist enttäuschend und bleibt bei sehr allgemeinen Feststellungen im Stil von: Verlassen Sie sich nicht auf externe Bewertungen, sondern auf das, was Sie im Heim vorfinden … ein Gespräch mit der Heimleitung reicht nicht …

Wer wegen des Titelthemas das Heft kaufen will, dem sei davon abgeraten. Es lohnt sich nicht.

Abgesehen davon finde ich die Illustration geschmacklos. Die meisten Angehörigen quälen sich sehr damit herum, und versuchen die Entscheidung so lang wie möglich hinauszuschieben, gerade auch, weil in der Öffentlichkeit das Klischee vom „Abgeben im Heim“ wie ein Postpacket besteht. Diese Art von Berichterstattung ist diskriminierend.

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Besondere Mitarbeiter

Im Lauf der Jahre habe ich viele Mitarbeiter aus unterschiedlichen Berufen kennengelernt. Viele von ihnen sind sehr engagiert und gestalten mit ihren Fähigkeiten den Alltag in der Wohngruppe. Eine, die vor einigen Monaten in Rente gegangen ist und die ich sehr vermisse ist Margit. Gelernt und gearbeitet hatte sie in der Datenverarbeitung, aber der Betrieb wurde nach der Wende abgewickelt. Als in ihrer Nähe Mamas Heim gebaut wurde, hat sie sich dort als Mitarbeiterin in der Hauswirtschaft beworben. In der Wohngruppe ist sie für alles rund um die Nahrungszubereitung, was nicht in der zentralen Küche gemacht wird, zuständig. Dazu gehören auch besondere Essenswünsche oder Vorlieben, aber auch daß mehrmals in der Woche in der Wohngruppe Kuchen gebacken wird. Auch Hilfestellungen beim Essen, Sauberkeit der Zimmer – abgesehen von der Grobreinigung – , Kennzeichnen der Wäsche und Anregung der Bewohnerinnen gehören zu ihren Zuständigkeiten. Margit war ein besonderer Glücksfall wegen ihrer überragenden kommunikativen Fähigkeiten. Wenn Mama gar nicht mehr essen wolte, dann war es Margit, die es dann doch irgendwie schaffte, daß Mama etwas aß. Sie hatte eine besondere Gabe auf die dementiell veränderten Menschen einzugehen. Ein besonderes Erlebnis verbinde ich mit ihr.

Manchmal werden in Mamas Heim auch Menschen vorübergehend aufgenommen, deren Angehörige eine Auszeit brauchen. So wurde Herr Vogel für einige Wochen Mamas Mitbewohner. Die beiden verstanden sich prächtig, unterhielten sich gut und hatten Vorlieben für die gleiche Fernsehsendungen. Herr Vogel war schon einige Wochen da, sodaß ich dachte, er sei dauerhaft im Heim, denn normalerweise ist die „Verhinderungspflege“, die Angehörige in Anspruch nehmen können, auf drei Wochen im Jahr begrenzt.

Ich besuchte Mama an einem späten Vormittag. Sie hatte lange geschlafen und ich fuhr mit ihr ins Gruppenwohnzimmer zu ihrem Platz zum Frühstücken. Herr Vogel saß schon am gemeinsamen Tisch der beiden. Er freute sich sichtbar über Mamas Kommen. Als wir uns gesetzt hatten schmetterte er ihr ein fröhliches „Guten Morgen – hast Du gut geschlafen? Wie geht es Dir denn heute?“ entgegen. Mama drehte sich zu mir und meinte: „Mausi, was will denn der Herr von uns? Ich kenne den nicht. Warum dutzt der mich denn?“ Herrn Vogels Gesichtszüge entgleisten. Er war fassungslos: „Das kann doch nicht sein, daß Du mich nicht kennst. Seit Wochen sitzen wir hier zusammen, essen miteinander, unterhalten uns und und schauen miteinander fern. Ich glaube, Du brauchst eine Brille“ meinte er aufgeregt.

In meinem Kopf war gähnende Leere – eine Art Blackout. Ich wußte nicht, wie ich reagieren sollte. Wenn ich Mama zustimme, dann werde ich Herrn Vogel nicht gerecht. Wenn ich aber sage: „Das ist doch der Herr Vogel. Mit dem hast du dich schon öfter unterhalten“, dann fühlt sie sich nicht verstanden und vielleicht sogar beschämt. Ich hatte das Gefühl, egal, was ich mache oder wie ich reagiere, ich kann es nur falsch machen, denn beide haben ihre für sie jeweils subjektive Realität, und die paßt nicht zusammen.

Plötzlich steht Margit neben den beiden mit der Kaffeekanne in der Hand und fragt Mama ob sie Kaffee mag. Mama nickt und bekommt ihre Tasse Kaffee. Dann spricht sie mit breitem Lächeln Herrn Vogel an: „Herr Vogel, für Sie auch noch Kaffee?“ Er nickt und bekommt auch noch eine Tasse Kaffee, dann sagt Margit indem sie sich an beide wendet: „Na, det is doch schön, wenn ihr zwei beide Euch jeden Morgen neu kennenlernen könnt“. Herr Vogel antwortet: „Ja, det stimmt“. Und auch Mama nickt zustimmend.

Care Packet: Nockerlgrieß

Mama liebt Grießnockerlsuppe. Und es gibt lebensmitteltechnisch fast nichts, was es in Berlin nicht gibt: Leberknödelsuppe und Leberspätzlesuppe gibt es in der Dose bei Karstadt ebenso wie Weihenstephaner Milchprodukte. Ein Weddinger Metzger in der Müllerstraße zwischen italienischem Eisstand, türkischer Bäckerei, libanesischem Gemüsehändler, vietnamesischem Imbiß und deutschem Sonnenstudio stellt immer freitags und samstags frische Weißwürste in Biolandqualität her und fragt dann auch noch, ob man süßen Senf und Breze dazu haben möchte. Doch im Hinblick auf Nockerlgrieß ist Berlin kulinarische Wüste. Versuche mit allen möglichen anderen Grießsorten schlugen fehl führten zu unbefriedigenden Resultaten. Mama konnte nicht verstehen, warum ich nicht einfach im nächsten Supermarkt Nockerlgrieß kaufe. Ich kontaktierte die Herstellerfirma. Die bedauerte, denn sie dürfe nur an Wiederverkäufer liefern. Einen Nockerlgrießhandel wollte ich aber nicht betreiben. Glücklicherweise war eine Freundin aus Studienzeiten bereit, für regelmässigen Nockerlgrießnachschub zu sorgen. Heute ist wieder eines dieser Care-Packete angekommen.

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Der Nockerlgrießbedarf ist bis 2011 gesichert.

Ein ganz besonderes Geschenk an einem schweren Tag

Frau Wegener ist seit vier Monaten die neuste Mitbewohnerin in Mamas Gruppe. Sie ist noch sehr kommunikativ, und wer es nicht anders weiß, würde sie erst einmal für eine Besucherin halten. Sie ist eine freundliche und herzensgute Frau, die – wenn es nötig ist – auch einmal ein klares Wort sagt. Sie hilft auch oft und gern den anderen Bewohnerinnen, die außer Mama kaum oder gar nicht mehr sprechen. Ich habe mich immer wieder mal mit ihr unterhalten und sie auch einmal zu den Kaninchen oder ins Eiscafe mitgenommen als Mama schlief. Im Eiscafé war sie gleich sehr experimentierfreudig und hat einen Becher probiert, von dem sie noch nie was gehört hatte: „Man muß doch immer offen für was Neues sein“ war ihr Kommentar dazu. Offen für Neues war sie auch als sie meine Digitalkamera sah, die ich ihr zeigte und erklärte. Früher hat sie auch gern fotografiert. Wir haben zwei Erinnerungsfotos gemacht. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, ihrer Tochter, die sie alleine großgezogen hat und wie betrübt sie ist, daß sie keinen Kontakt zu ihr hat…

Als ich heute am späten Vormittag ins Gruppenwohnzimmer kam – wegen Schienenersatzverkehr hatte sich meine Anfahrt um 40 Minuten verlängert – wirkte sie in sich versunken und reagierte gar nicht auf meinen Gruß, sondern war mit Buntstiften und einer Zeichnung beschäftigt. Das war insofern ungewöhnlich, weil sie ein eher nach außen gewandter Mensch ist und der Lautstärkepegel im Raum erheblich war, und zwar wegen Mama, die alle möglichen Anwesenden mit Ausdrücken aus dem Tierreich, aus der Fäkalsprache oder aus einer Kombination von beidem belegte. Sie war schlecht gelaunt, und das sollte anscheinend jeder mitbekommen.

Heute konnte ihr niemand etwas recht machen und ich schon gleich gar nicht. Schokobrei wollte sie nicht, sondern Brot. Also bekam sie Wurstbrot mit zwei Sorten Wurst, das in Stückchen geschnitten war. Die sollte ich ihr reichen. Sie war ungehalten als ich ihr die Brotstückchen nicht in der Reihenfolge gab, die sie sich vorstellte. Zwischendurch immer wieder abfällige Kommentare über Anwesende. Frau Wegener schaut auf und sagt: „Ich mag das nicht, wenn Sie für jemand hier solche Ausdrücke verwenden. Ich spreche Sie auch nicht so an.“ Mama beeindruckt das überhaupt nicht. Sie will jetzt weg von „den Leuten“. Wir gehen in ihr Zimmer. Das einzige, was ihr paßt, ist Schokolade essen, aber da geht ihr das Auspacken nicht schnell genug. Auch die Musik, auf die sie sonst positiv reagiert, manchmal dann mitsingt und abzulenken ist, kommt heute bei ihr nicht an. Als eine Mitarbeiterin ihr die Medikamente geben will, weigert sie sich zum ersten Mal, die Medikamente zu nehmen und stößt Beschuldigungen aus: „Sie wollen mich nur vergiften“.

Ich zeige ihr den Herbststrauß, den ich mitgebracht habe: „Interessiert mich nicht“ fertigt sie mich ab. Sie will rausgehen, aber als ich den Rollstuhl schiebe, ist ihr das auch nicht recht. Dann will sie wieder ins Gruppenwohnzimmer zurück. Als wir dort sind heißt es: „Und was soll ich hier jetzt“. Ich bin an meiner Grenze. Ich habe nur knapp vier Stunden geschlafen. Außerdem habe ich den weiten Anfahrtsweg aber auch eine anstrengende Woche hinter mir. Wenn es Mittagessen gibt, dann werde ich mich verabschieden. Plotzlich merke ich, daß Frau Wegener neben mir steht und etwas zögert: „Das ist … ich weiß nicht … darf ich Ihnen das schenken? Das habe ich für Sie gemalt, weil Sie immer so nett zu mir sind. Ich hoffe, Sie nehmen mir nicht übel, dass ich Sie in dem Bild geduzt habe“ und überreicht mir ihre postkartengroße Zeichnung:

Geschenk

Ich bin ganz gerührt von diesem Geschenk. Etwas später verabschiede ich mich von Mama und gehe dann zu ihr um auf Wiedersehen zu sagen. Da fragt sie mich: „Sind Sie eigentlich berufstätig?“ Und auf mein Nicken fügt sie hinzu: „Dann brauchen Sie den Sonntag ja auch zur Erholung. Und Ihr Mann?“ Sie kennt meinen Liebsten nicht, denn der konnte aus gesundheitlichen Gründen in den letzten Monaten nicht mehr Mama besuchen. „Er ist krank und ist zuhause“ antworte ich. „Schlimm?“ fragt sie nach. „Ja, schon“ antworte ich. Sie nimmt meine Hand und sagt: „Das tut mir sehr leid. Viel Kraft für Sie“.

Ein afrikanischer Blick auf Alzheimer

Yemma„Yemma – Meine Mutter, mein Kind“ heißt Tahar Ben Jellouns bewegende Erzählung von der Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter. „Ich habe meiner Mutter zu essen gegeben. Meiner Mutter, meinem Kind. Einen Löffel Milch mit Käse. Wie einem Kind, das mit geschlossenen Augen isst, und meine Hand zittert vor Rührung.“ Der hier seine an Alzheimer erkrankte Mutter füttert, ist Tahar Ben Jelloun. Und das Kind ist Lalla Fatma, seine alte Mutter, die mit einer Pflegerin zurückgezogen in ihrem Haus in Tanger lebt. Mal verwechselt sie ihn mit ihrem vor dreißig Jahren gestorbenen jüngeren Bruder. Dann mit ihrem ältesten Sohn Mustafa aus ihrer ersten Ehe mit fünfzehn. Oder sie sieht in ihm nur den kleinen kranken Tahar, den sie in Fes hätschelte. Oder beklagt sich, dass er sie seit seiner (!) Beerdigung nicht besucht hat. Dazwischen Momente von großer Klarsichtigkeit: Von ihrem Bett aus erinnert sie sich an ihre Jugend, ihre Ehen, die Hochzeitsfeste, die Vorbereitungen im Hamman. Eines Morgens bestellt sie Handwerker, die ihr Haus für die Beerdigung schmücken sollen. Dann wieder lacht sie und schminkt sich für ihre drei (verstorbenen) Ehemänner, die sie zum Essen erwartet. Lalla Fatma bevölkert ihr Haus mit Fantomen, Erinnerungen und Halluzinationen. Doch eines Tages bleiben auch die aus. Sie redet nur noch mit sich, singt leise vor sich hin, sagt nichts mehr. Ihr Blick ist leer. Und der Sohn hält ihre Hand, erzählt ihr von seiner Kindheit mit ihr, ihrer Schönheit als junger Mutter – bis auch diese Hautberührung zuviel ist, ihr unerträgliche Schmerzen bereitet. … so der Klappentext.

Berührend und manchmal bestürzend fand ich so manche der aus einer anderen Kultur stammenden Sprachbilder, zu denen ich ganz spontan einen Zugang hatte. Geradezu beklemmend wurde es, als er die Gier zweier Helferinnen im Umfeld der Mutter beschrieb. Die eine bediente sich schamlos an Kleidungsstücken, sodaß nach dem Tod der Mutter davon nichts mehr auffindbar war. Bei der letzten Begegnung nach dem Tod der Mutter mit den Familienangehörigen scannt sie den Raum ab, was sie noch mitnehmen kann oder nicht. Er beschreibt die Ambivalenz zwischen Aggression und Abhängigkeit sowohl auf Seiten der kranken Mutter als auch der erwachsenen Kinder, und auch die Wehrlosigkeit, weil die Krankheit so viel emotional abverlangt, dass man nicht auch noch an dieser Front kämpfen kann.

Man erfährt Einiges über das Altern in Marokko, Rückblenden in die Jugendzeit des Verfassers, gemeinsamer Erlebnisse, und es ist an keiner Stelle kitschig oder sentimental

Sehnsucht nach Zuhause

Beim gestrigen Besuch konnte ich Mama nichts recht machen. Sie nörgelte und meckerte die ganze Zeit an mir herum. Erst wollte sie ins Bewohnercafe. Als wir ankamen, waren ihr zu viele Leute da. Sie wollte aufs Zimmer. Dann wollte sie raus. Draußen war es ihr zu kalt… Die Frage, die sie beschäftigte war, wann sie wieder nach Hause kann. „Zuhause“ steht für ihr altes, eigenständiges Leben. „Zuhause“ ist das Ideal dieses Lebens, denn daß sie sehr isoliert gelebt hat, weil sie kaum noch die Wohnung im dritten Stock verlassen konnte, die keinen Aufzug hatte, das weiß sie nicht mehr. „Morgen mußt Du mich ganz bestimmt nach Hause bringen“ fordert sie von mir.Es ist schwer in so einer Situation angemessene Worte zu finden. Genau vier Jahre ist es her, daß sie im Heim eingezogen ist. Ich habe mich an unseren ersten Sonntagsspaziergang erinnert, bei dem wir die neue Umgebung erkundet haben. Zwischen damals und heute liegen Welten. Und immer noch kann sie sprechen. Und genau dass sie soviel von ihrer Krankheit mitbekommt, macht es so schwer für sie.
Und damals wie heute saß sie am Eingang: Photobucket