Das erste Mal …

… seit Mamas Tod Anfang März – nein: genau genommen das erste Mal seit ich sie vor fast 6 1/2 Jahren nach Berlin geholt habe, wache ich am Wochenende morgens auf und frage mich nicht als erstes, wie das Wetter heute draußen ist, wie ich es für morgen einschätze und ob es günstiger ist – wetterbedingt und auch S-Bahn-Chaos beeinflußt – am Samstag oder am Sonntag, mich auf den Weg zu Mamas Heim zu machen.

Ich liege einfach da, und der Tag liegt vor mir. Ich kann das Wochenende spontan so gestalten, je nach dem, wonach mir ist. Ein Gefühl, das ganz weit entfernt ist und sich immer noch unwirklich anfühlt. …

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Rezension: „der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger

Lili hat einige Gedanken zu meinem Blogeintrag „Pornos der Hochkultur“ eine Rezension zu „der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger geschrieben. Damit es nicht in den Kommentaren untergeht, stelle ich diese kleine Rezension von Lili hier als eigenen Blogeintrage ein. Sie schreibt:

Ich habe das Buch von Arno Geiger vor wenigen Tagen gelesen und war sehr beeindruckt. Er schreibt übrigens nichts „Unappetitliches“, was ihm übrigens in manchen Rezensionen als „Verklärung“ vorgeworfen wurde. Das Buch lässt dem Vater absolut die Würde. Ich habe es gelesen, weil es Arno Geiger gerade auch darum ging, seinen eigenen Umgang mit dem Vater, dessen beginnende Demenz lange nicht erkannt wurde und die Kinder ungeduldig, unzufrieden mit dem Vater sein ließ, darzustellen. Ich habe mich selbst so sehr wieder erkannt in den Dialogen und fand auch manche Überlegung des Autors für mich sehr hilfreich und teils auch entlastend in meinem Umgang mit meinem dementen Schwiegervater.

Den Vater von Arno Geiger kenne ich nur aus dem Buch. Ich finde nicht, dass er ihn verraten hat. Letztlich gilt die Überlegung für all jene Autoren, die über ihre Familien schreiben oder Menschen, die sie kennen und erkennbar sein lassen, dass sie gut darüber nachdenken müssen, was sie schreiben.

Das Buch von Tilmann Jens kenne ich nicht. Bei ihm gilt, dass wir alle den Vater, über den er schreibt, kennen und wahrscheinlich schockiert sind, dass jemand mit solcher Bildung und Intelligenz dement wird. Aber in seinem Fall gilt jedenfalls, dass der Vater selbst soviele Zeugnisse seines Lebens hinterlassen hat, die er gestaltete, dass ich den Vorwurf des Kolumnisten nicht für richtig halte.

Im übrigen möchte ich als betroffene Angehörige schon auch dafür sprechen, dass es manchmal wichtig ist, auch die unappetitlichen Aspekte zu streifen. Es passieren Dinge, die einen völlig ratlos lassen und man ist als Angehöriger froh, dann zu hören, dass dieses Verhalten professionell Pflegenden bekannt ist und auch klar ist, wie man damit umzugehen hat.

Ich finde es gut, dass Demenz in unserer Gesellschaft nicht mehr totgeschwiegen wird, sondern immer wieder ein Thema ist (gerade Sonntag sah ich in 3-Sat ein Feature dazu). Wir kommen nicht darum herum.

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für Arno Geiger

In Weimar hat heute Arno Geiger den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten. In der Würdigung heißt es:

Geigers Werke, besonders Es geht uns gut, Anna nicht vergessen, Alles über Sally, Der alte König in seinem Exil, sind – so die Begründung der Jury – Zeitromane von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz. In ihren Themen kann sich unsere Gesellschaft in der technisch-globalen Moderne erkennen: Es geht um die Freiheit des Willens, um Menschenwürde, um Sprache und Persönlichkeit, um den Umgang mit Krankheit und Altern, um interkulturelle Erfahrungen.

Zugleich zeugen diese Werke von einer Ethik der familialen und sozialen Verantwortung, die sich bewährt, wenn der Charakter stärker wird als die Intelligenz, das Verstehen wichtiger wird als das Wissen. So schreibt Geiger mutige Charakterbücher, die den Leser nach dem Sinn des eigenen Lebens und Alterns fragen lassen.

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Zu seinem Buch „der alte König in seinem Exil“, in dem es um die Demenzerkrankung seines Vaters geht, heißt es:

Das Buch ist vieles zugleich: Autobiographie, Familiengeschichte, Vatererzählung, Dorfchronik und vor allem stark familiär gefärbte Krankheitsgeschichte der Alzheimer-Demenz. Es geht um Geigers 1926 geborenen Vater, bei dem sich 1995 erste Anzeichen der Krankheit zeigten. Als der Vater vorübergehend in ein Pflegeheim musste, begann der Sohn mit dem Schreiben über den Vater und der Aufarbeitung von dessen Lebensgeschichte.

Geigers Buch behandelt das Thema Altern und Demenz auf eine neuartige Weise: nicht diagnostisch wie Jonathan Franzen (Das Gehirn meines Vaters, Die Korrekturen, 2002), nicht als Abrechnung wie Tilman Jens (Demenz: Abschied von meinem Vater, 2009), nicht in der Verpackung einer Fiktion (wie in Martin Suters Roman Small World, 1997), sondern mit Empathie, in einer demütigen Haltung gegenüber der Krankheit, die das Familienleben grundlegend verändert.

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Arno Geiger

Artikel aus der Thüringer Allgemeinen (screenshot)


Die Thüringer Allgemeine hat aus diesem Anlaß ein Interview mit dem Preisträger geführt, in dem es u.a. heißt:

Kann man in der Demenz einen Sinn erkennen?
Einen Sinn sicher nicht. Aber die Krankheit macht gewisse Dinge anschaulich. Bei mir hat die Konfrontation mit dieser schrecklichen Krankheit und dem damit verbundenen schleichenden Verlust Denk- und Erkenntnisprozesse ausgelöst. Das macht es natürlich nicht weniger schlimmer und rechtfertigt auch nichts. Aber ich sehe in der Zerbrechlichkeit meines Vaters jetzt auch meine eigene Zerbrechlichkeit. Ich beschäftige mich stärker damit, was der Mensch eigentlich ist. Eine Frage, die man sich möglicherweise da und dort einfach auch zu selten stellt.

Wie lautet die Antwort – was ist der Mensch und was macht ihn aus?Der Mensch ist unvollkommen und schwach, eigentlich schon von Geburt an und das bleibt so ein Leben lang. Trotzdem ist in dieser Unvollkommenheit etwas Ganzes, das bleibt, bis zum Schluss. Als 30-Jähriger mag ich das Gefühl haben, dass mir nichts passieren kann, ich bin gesund, ich bin intelligent, ich bin stark, mir steht die Welt offen. Aber dann kommt so eine Krankheit wie die meines Vaters, und ich bin überfordert und ich bin völlig hilflos und ich bin schwach. Das ist das, was ich in meinem Vater Tag für Tag sehe. Die Person ist da. Wie er sich bewegt, wie er reagiert, das ist ganz mein Vater. Jeder bleibt eine eigenständige Persönlichkeit, begrenzt von Schmerz, Leid in unterschiedlichsten Ausformungen. Aber der ganze Mensch geht nicht verloren in diesem Schmerz und in diesem Leid, so traurig die Situation dann auch ist.

Unbedingt Lesen!!!

Mein Mann ist dement – wenn die Liebe an ihre Grenzen kommt …

heißt eine Dokumentation, die am Samstag, den 17. September um 18.02 im rbb gezeigt wird. Ein halbes Jahr hat ein Fernsehteam des NDR zwei Paare begleitet. Im Sendetext heißt es:

Erika Weber hat Angst vor dem Tag, an dem ihr Mann sie nicht mehr erkennt. Dann wird sie sich ganz allein fühlen, obwohl sie doch ihren Ehemann Wolfgang an ihrer Seite hat. Seit 35 Jahren ist die Erzieherin mit dem ehemaligen Lehrer nun verheiratet. Zwei Kinder hat das Paar groß gezogen, ein Haus gebaut. Träume hatten sie für einen gemeinsamen Lebensabend, aber die haben sich nun alle in Luft aufgelöst. Vor acht Jahren wurde bei ihm eine Demenz diagnostiziert, seither wird er nach und nach wieder zum Kind. Jetzt fragt sie sich, wie lange sie ihren Mann noch zu Hause betreuen kann.

1,3 Millionen Demenzkranke leben in Deutschland, Tendenz steigend. Die meisten werden von Familienangehörigen gepflegt – oft unter enormen Schwierigkeiten. Denn nicht immer sind die Kranken leichte Patienten: Aggressivität und körperliche Attacken können zum Krankheitsbild gehören. Auch Erika Weber wurde schon einmal von ihrem kranken Mann angegriffen. Für sie der schlimmste Moment ihrer Ehe, obwohl sie weiß, dass er nichts dafür kann. Auch Karin David fragt sich, wie lange sie die Pflege ihres Mannes Dieter zu Hause noch bewältigen kann. Dass die ehemalige Kauffrau keinen Freiraum mehr für sich hat, im täglichen Zusammenleben „keine Luft mehr bekommt“, hat sie an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gebracht. Doch ihren Mann ins Heim geben? „Dann hätte ich ein schlechtes Gewissen“, sagt sie.