Hart aber Fair: Diagnose Alzheimer: Und wer hilft den Angehörigen?

Gerade mal zwei Wochen ist es her, daß bei „Hart aber Fair“ im Anschluß an den Spielfilm mit Christiane Hörbiger über das Thema Alzheimer diskutiert wird. Heute liegt der Schwerpunkt der Fragestellung auf den betroffenen Angehörigen.

Folgende Gäste sind eingeladen:
Ursula van der Leyen, geschäftsführende Bundesministerin für Arbeit und Soziales, ihr Vater Ernst Albrecht ist an Demenz erkrankt
Martina Rosenberg, Journalistin und Buchautorin „Mutter, wann stirbst du endlich?“; pflegte jahrelang ihre demenzkranke Mutter
Dr. Oliver Peters, Oberarzt Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Charité Berlin; leitet die „Gedächtnissprechstunde“ für Demenzkranke und forscht an einem wirksamen Impfstoff gegen Alzheimer – war schon vor vierzehn Tagen dabei
Malte Sieveking, pflegte seine demenzkranke Frau – sein Sohn David Sieveking, der Regisseur des Films „Vergissmeinnicht“ war vor zwei Wochen dabei
Armin Rieger, Leiter eines privaten Pflegeheims in Augsburg
Heike Nordmann, Pflegeexpertin der Verbraucherzentrale NRW

Mo 28. Oktober 21.00 h
Hart aber Fair
Diagnose Alzheimer: Und wer hilft den Angehörigen

So gut und wichtig ich es finde, daß der Schwerpunkt auf der Angehörigenperspektive liegt: Aber wer wird eingeladen: Abgesehen von Malte Sieveking lauter Leute, die man schon aus anderen Talkshows kennt – sozusagen die Standardbesetzung beim Thema Demenz. Und: Es sind alles Angehörige, die – finanziell gesehen – in sehr priviligierten Verhältnissen leben.

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Mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus

Screenshot: Fakt-Sendung vom 22.10.2013

Screenshot: Fakt-Sendung vom 22.10.2013

Demenz ein unterschätztes Problem in Krankenhäusern“ lautete der Titel eines ausgezeichneten Beitrags im Polit-Magazin FAKT vom 22. Oktober 2013. Das Video ist hier (7 Minuten), eine Zusammenfassung des Sendetextes hier nachzulesen.

Für mich gehören die Erfahrungen, die ich mit meiner Mutter in Allgemeinkrankenhäusern machen mußte, zu den schlimmsten. Allgemeinkrankenhäuser sind nicht auf dementiell veränderte Menschen eingerichtet. Man hat gar nicht die Zeit den Patienten das Essen anzureichen. Was nach einer bestimmten Zeit nicht gegessen ist, wird weggeräumt. Aber das sind noch eher die „milderen“ Situationen. Einmal habe ich meine Mutter mit einem Bauchgurt fixiert vorgefunden. Sie lag – ich sage es jetzt so drastisch wie es war – in ihrer eigenen Schei… Bauchgurt ist so ziemlich das Fieseste was es gibt. Man hat keinen Bewegungsspielraum mehr mit dem Unterkörper.

Da ich die gesetzliche Betreuung hatte, befragte ich das Krankenhauspersonal und wollte die richterliche Genehmigung sehen, die für solche Zwangsmaßnahmen vorgeschrieben ist. Eine solche lag nicht vor. Glücklicherweise hatte ich – es liegt schon ein paar Jahre zurück – ein Handy mit Fotofunktion. Seitdem habe ich grundsätzlich bei Krankenhausbesuchen eine Digitalkamera mitgenommen. Ich sagte dem Pflegepersonal, daß ich mit dieser Vorgehensweise nicht einverstanden bin, daß dieses Handeln illegal ist, da keine richterliche Genehmigung vorliegt. Ich hätte alles fotografisch dokumentiert und würde auch bei zukünftigen Besuchen eine Digitalkamera mit mir führen. Sollte es nochmal zu einem derartigen Vorfall kommen, dann würde ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde einleiten, eine Strafanzeige machen und die lokale Presse benachrichtigen.

Nach den meisten Krankenhausaufenthalten war meine Mutter immer mehr oder weniger lang durch den Wind. Eine positive Ausnahme gab es. Dort wußte ich, daß meine Mutter gut aufgehoben ist und deshalb soll es hier lobend erwähnt werden: Das Krankenhaus in Rüdersdorf (östlich von Berlin). Wie aber der „normale“ Krankenhausalltag für Demenzkranke aussehen kann – ohne das oben erwähnte extreme Beispiel von Fixierung – habe ich in zwei früheren Blogeinträgen im alten Alzheimerblog beschreiben: Indirekte Aggressionen und Entlassungsturbulenzen.

Das Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken hat eine Studie durchgeführt. Unter anderem wurden Pflegedienstleitungen danach befragt, wie hoch der Anteil von dementen Patienten bei ihnen sei. Er wurde auf sechs Prozent geschätzt. Aus epidemologischen Studien weiß man aber, daß dieser Anteil in der Realität um die zwanzig Prozent liegt.

Anscheinend bekommt dieses Thema jetzt vermehrt Beachtung in den Medien. In der ZEIT vom 13. Oktober 2013 wird von einem Krankenhaus in Schottland berichtet, das viele Fachleute aus dem Ausland besichtigen wegen seines modellhaften Umgangs mit Demenzkranken: Wo bin ich hier? ist der Artikel überschrieben. Aber auch in Deutschland gibt es bereits erste Ansätze. Die Westfälischen Nachrichten vom 1.3.2013 berichten über eine Praxiswerkstatt „Demenzpatienten im Krankenhaus: Zuwendung ist entscheidend.

Wer ganz viel Zeit, Interesse und Ausdauer hat, kann sich in die Arbeit die Versorgung demenzkranker älterer Menschen im Krankenhaus (pdf-Datei, 95 Seiten), die am Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld entstanden ist, vertiefen.

Das neue Wort, das ich heute gelernt habe im Zusammenhang mit diesem Blogeintrag: Demenzsensibles Krankenhaus

Programmtipp: stiller Abschied

Screenshot ARD

Screenshot ARD

Zum 75. Geburtstag von Christiane Hörbiger zeigt die ARD zur Zeit viele der Filme dieser beeindruckenden Schauspielerin. Am Montagabend (14. Oktober) wird zur besten Sendezeit um 20.15 h der Spielfilm aus dem Jahr 2012 „stiller Abschied“ gezeigt. In diesem Film spielt Christiane Hörbiger eine Geschäftsfrau, die selbst noch im Alter von 70 Jahren ihr Unternehmen führt. In der Homepage zur Sendung heißt es:

„Es beginnt mit Kleinigkeiten, die man noch amüsant finden kann: Mal steigt Charlotte in ein falsches Auto, mal kommt sie in Hauspantoffeln ins Büro. Doch es wird schlimmer. Immer öfter kann sie sich nicht mehr an alltägliche Begriffe erinnern, weiß bei Konferenzen plötzlich nicht mehr, worum es eigentlich geht, und fühlt sich in der Firma von allen Seiten hintergangen.

Doch obwohl Charlotte sehr genau spürt, dass sie ihre Vergesslichkeit und ihre Aussetzer nicht nur dem Alter zuschreiben kann, verdrängt sie das Problem. Mit viel Mühe gelingt es ihr, ihre Umwelt über ihren Zustand hinwegzutäuschen. Ihr Sohn Markus und ihre ebenfalls erwachsene Tochter Sandra bemerken zwar die Veränderungen, wollen die Situation aber zunächst nicht wahrhaben. Erst Markus‘ neue Lebensgefährtin, die ausgebildete Krankenschwester Katrin, findet den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen: Charlotte leidet an fortschreitender Demenz.“

Anschließend wird das Thema in der Talkshow „Hart aber Fair“ von Frank Plasberg um 21.45 h aufgenommen: Diagnose Alzheimer – Mildes Wegdämmern oder Absturz ins Dunkel?

Gäste:
Dr. Oliver Peters (Oberarzt Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Charite Berlin; leitet die „Gedächtnissprechstunde“ für Demenzkranke und forscht an einer wirksamen Therapie gegen Alzheimer)
Cornelia Stolze (Diplom-Biologin und Wissenschaftsjournalistin, Buchautorin „Vergiss Alzheimer! – die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist“)
Werner Hansch (Sportreporter, enger Freund des demenzkranken Rudi Assauer)
Lisa Fitz (Kabarettistin, ihre Mutter leidet an Demenz)
David Sieveking (Dokumentarfilmer, hat den Film „Vergiss mein nicht“ über seine demenzkranke Mutter gedreht)

Montag 14. Oktober 2013
20.15 – 21.45 h: stiller Abschied (ARD)
21.45 – 23.00 h: Hart aber Fair: Diagnose Alzheimer – Mildes Wegdämmern oder Absturz ins Dunkel? (ARD)

Zum Weiterlesen:
Meine Filmkritik zu David Sievekings Film Vergiss mein nicht

Erzählcafe mit dementiell veränderten Menschen

In Großstädten wie Berlin erfreuen sich Erzählcafes steigender Beliebtheit. Die bekanntere Variante: Menschen treffen sich für eineinhalb bis zwei Stunden bei Kaffee und Kuchen. Eine Person mit einer interessanten Lebensgeschichte ist eingeladen um aus ihrem Erleben zu erzählen. Die weniger bekannte Variante besteht darin, daß alle Teilnehmenden über ein Thema ins Gespräch kommen. Diese zweite Variante ist auch mit Menschen mit beginnender Demenz, die noch sprachlich kommunizieren können, möglich. Auf der Gesundheitsseite des Tagesspiegel von heute wird ein solches Erzählcafe, das sich „Erzählsalon“ nennt unter dem Titel Fantasiereise in die Vergangenheit vorgestellt.

Bibel und Demenz: Wie Weintrauben den Glauben stärken

Screenshot

Screenshot

Zum Weltalzheimertag hat evangelisch.de ein Interview mit Uli Zeller geführt. Er ist Krankenpfleger und Seelsorger und sucht nach Wegen, wie Glaube erfahrbar werden kann für Menschen mit Demenz.

Über seine Erfahrungen erzählt er hier. Über Gottesdienste für Demenzkranke habe ich in diesem Weblog immer wieder berichtet. Im Interview geht es auch um Bibelgruppen mit dementiell veränderten Menschen.

Ein weiterer interessanter Ansatz für die Arbeit mit dementiell veränderten Menschen, der im Artikel nicht vorkommt, ist Bibliolog.

Bibel CoverEs gibt auch eine Bibel für Menschen mit Demenz. „Getröstet und geborgen“ heißt sie. Eine Rezension habe ich hier hier geschrieben.

Wenn der Therapiehund kommt …

Da in letzter Zeit häufig nach „Therapiehund“, „Hundebesuchsdienst“ oder „tiergestützte Therapie“ gesucht wird, nehme ich ein Posting aus dem alten Blog über die für meine Mutter so wichtigen wöchentlichen Besuche eines Therapiehundes auf:

Vor ein paar Wochen habe ich schon mal hier im Blog ein Gastspiel gegeben. Ich bin 3 1/2 Jahre alt und ein schwarzer Hovawart. Ich heiße Branco. Als Therapiehund besuche ich einmal in der Woche mit Herrchen an Demenz erkrankte Menschen. Ich arbeite eine Stunde und gehe in zwei Gruppen. In jeder Gruppe bin ich eine halbe Stunde. Wenn ich komme gibt es immer ein ganz großes Hallo.

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Alle freuen sich, daß ich da bin, und viele wollen mich streicheln. Manche hatten selber Hunde oder andere Tiere: Ich erinnere sie an ihre Tiere. Manche fragen, was ich gerne fresse oder wie oft mein schönes Fell gebürstet werden muß.

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Zwischendurch muß ich etwas ausruhen, denn als Therapiehund im Hundebesuchsdienst zu arbeiten ist ziemlich anstrengend. Alle schauen mir beim Ausruhen zu. Ich stehe liege im Mittelpunkt. Das gefällt mir gut.

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Plötzlich hat es mich gejuckt und ich habe mich gekratzt. Eine Frau hat entsetzt gerufen: „Er hat einen Floh! Er hat einen Floh!“. Was denkt die denn von mir? Ich habe k e i n e n Floh.

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Dann hat Herrchen mit der Zunge geschnalzt. Ich habe mich aufgesetzt und schaue in seine Blickrichtung. Ich bin nämlich zweisprachig. Nein – ich belle nicht deutsch und englisch. Bellen tue ich überhaupt nicht wenn ich arbeite. Das könnte die Menschen erschrecken. Zweisprachig heißt, daß ich auf Hörkommandos und Sichtzeichen reagiere. Wenn Herrchen also schnalzt, dann weiß ich, daß ich in seine Richtung schauen muß, weil dann ein Sichtzeichen kommt.

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Leckerli bekomme ich auch. Manchmal sind die alten Leute ein bißchen ungeschickt, aber das macht nichts. Ich freue mich trotzdem. Die alten Leute wissen von früher, was sie nicht machen sollen. Bei den behinderten Kindern in der Therapiehund-Ausbildung war das anders. Da mußte ich lernen, daß die mir ins Maul fassen und dass ich nicht einmal schnappen darf, wenn sie mir Futter aus dem Maul nehmen. Aber das tut hier niemand. Wenn ich meine Abschiedsstreichelrunde gemacht habe, dann bin ich sehr müüüde, werde nach Hause gebracht und schlafe dann erst einmal zwei Stunden. Nächste Woche komme ich wieder.

Brancos erster Besuch in der Alzheimer-Wohngruppe