150 000 oder: wie alles anfing

Screenshot: Alzheimer-Weblog (1)

Screenshot: Alzheimer-Weblog (1)

Irgendwann letztes Wochenende war es soweit: Der 150 000. Besucher kam auf dieses Weblog. Für ein „Nischenblog“ mit einem Thema, das weitgehend tabu ist, finde ich das ganz beachtlich. Eigentlich hatte ich das Blog angefangen, weil ich meine Mutter, die nicht mehr allein leben konnte, nach einem Krankenhausaufenthalt (erst Allgemeinkrankenhaus dann Gerontopsychiatrie) nach Berlin geholt habe und den Menschen, die sie gekannt haben, ermöglichen wollte, mitzubekommen, wie es ihr geht und wie es für sie in Berlin weitergeht. Auch empfand ich oft die Fragen nach ihr und ihrer Krankheit belastend und wollte mich durch das Weblog etwas entlasten.

Begonnen habe ich auf der myblog-Plattform am 16. Juni 2005 mit der Fahrt nach Berlin. Nachdem es dort immer wieder technische Schwierigkeiten gab und manchmal das Weblog tagelang nicht erreichbar war, bin ich im August 2010 dann zu wordpress umgezogen. Erschienen sind 715 Beiträge, die – hier auf wordpress – etwas über 300 Mal kommentiert wurden (ohne meine eigenen Kommentarantworten). Myblog weist keine Kommentarstatistik aus.

Die meisten Menschen kommen über Suchmaschinen. Die meisten suchen nach der Kombination „alzheimerblog“ und „wordpress“. Nachdem diese Suchanfrage immer ziemlich geballt auftritt, vermute ich, daß es sich um Menschen handelt, die eine Ausbildung im Bereich Altenpflege machen. In der Beliebtheitsskala folgt dann das Demenzdorf in den Niederlanden. Über Referrer kommen relativ wenige LeserINNEN, die meisten über einige Medizin-Blogs wie Frau Pharmama, Herr Medizynicus und Herr Altenheimblogger sowie aus dem außermedizinischen Bereich Frau Wildgans.

Bleibt mir nur noch, für all das Interesse und die Kommentare zu danken. Der erste Eintrag vom 16. Juni 2005 ist auf wundersame Weise vom myblog-Weblog verschwunden. Ich stelle ihn hier nochmal rein:

Jetzt ist diese Berlin-Fahrt, vor der mir so graute, schon wieder eine Woche her. Welche Komplikationen würden unterwegs auftreten, wenn Mama merkt, daß ich sie nach Berlin hole? Sie will nach wie vor in ihre Wohnung zurück. Aber es lief alles ganz anders als erwartet.
Am Freitag bin ich ganz früh zu meiner Mutter geflogen mit meinem Freund. Vormittags war ich noch beim Vormundschaftsgericht um den Betreuerausweis abzuholen. Dabei habe ich erfahren, daß ich eine richterliche Genehmigung brauche um die Wohnung meiner Mutter kündigen zu können – auch wenn im Betreuerausweis als Zuständigkeit „Wohnungsangelegenheiten“ angegeben sind.

Danach sind wir in die Wohnung und haben Kleidung und Andenken zusammengepackt. Ich traf einen Nachbarn, der mir noch einiges, was in der letzten Zeit vor dem Krankenhausaufenthalt passiert ist, erzählt hat.

Sie hat den Mitarbeitern vom ambulanten Pflegedienst einmal sogar die Ravioli hinterher geschmissen, die dann im Flur an der Wand klebten. Am nächsten Tag hat sie dann die Nachbarin beschimpft, was das für eine Sauerei in diesem Haus ist. Das brauche man sich doch nicht bieten zu lassen. Die Nachbarin meinte: „Diese Sauerei haben Sie gestern gemacht – und die machen Sie auch wieder weg“ – was meine Mutter dann auch tat.

Nachmittags kam dann eine Freundin mit Auto und wir sind ins Bezirkskrankenhaus gefahren. Ma hatte Beruhigungsmittel bekommen. Als ich ihr sagte, daß ich sie abholen komme, meinte sie: „Und wohin“. Ich: „Ich möchte Dich nach Berlin mitnehmen“. Da wollte sie nicht hin. Sie ging davon aus, dass sie in ihre Wohnung zurückkommt.
Ich: „Da können wir auch hinfahren. Gaby und Günter sind da und warten draußen mit dem Auto“. Die Schwestern haben mir Medikamente für das Wochenende und für notfalls während der Fahrt mitgegeben. Es war eine größere Aktion bis wir sie auf dem Rücksitz untergebracht hatten (zweitüriges Auto). Sie fährt wahnsinnig gern Auto und die erste Zeit ging es auch ganz gut mit: „Wir hatten einen Stau … die vielen Baustellen“ etc. Wir hatten nur eine Pause an einer Autobahn-Raststätte.
Glücklicherweise war es kein Problem mit dem Behindertenklo. Sie sagte dann zu mir: „Ich verstehe gar nicht, wie wir in die Lage gekommen sind“. Wir fuhren dann mit dem Aufzug hoch und ich ließ sie bei Günter und Gabi und brachte den Schlüssel zum Behindertenklo zurück. Als ich bei den anderen war, wollte ich Ma beim Einsteigen helfen und faßte sie an der Schulter an. Da meinte sie ziemlich scharf: „Fassen Sie mich nicht an – ich mag das nicht“.

Ich war wie vom Donner gerührt und sehr erschüttert. Am Telefon hatte ich es schon gelegentlich nachts erlebt, daß sie mich nicht mehr erkannte und als ihre Schwester ansprach. Natürlich wußte ich, daß sie mich eines Tages nicht mehr erkennen wird. Aber das erste Mal live erleben, daß sie mich für eine Fremde hält, war schon fürchterlich.

Nach etwa 6stündiger Fahrt waren wir dann um 1.00 h in Berlin. Das Heim nimmt um diese Zeit nicht mehr auf. Nun stand der schwierigste Teil der Aktion vor uns: Ma in die Wohnung zu bringen. Ich wohne im zweiten Stock eines Altbaus ohne Lift und für Ma, deren Wohnung im dritten Stock ohne Lift ist, ist das Treppensteigen eine Quälerei. Aber Günter hat es mit ihr geschafft mit Lieder singen („jeden Tag ist kein Sonntag“ und „wenn der liebe Gott nicht will geht gar nichts“). Ich wußte gar nicht, dass sie diese Lieder kann. Sie hatte sogar mehr Text drauf als Günter. Wahrscheinlich haben die restlichen Hausbewohner gedacht, daß da einige angetrunken unterwegs sind.

Wir waren alle sehr k.o. Ich half Ma ins Bett. In dieser Nacht habe ich nur zwei Stunden geschlafen. Sie hat etwas mehr geschlafen und meinte, ich soll das Gewicht, das auf ihren Knien ist, wegtun. Es tut ihr weh – sie habe solche Schmerzen.

Erschütternd war – als sie in einer ihrer Wachphasen sagte:
„Wenn ich nur wüßte wie ich an Tabletten komme … dann würde ich dem allen ein Ende machen … Was bin ich für ein armer Hund … das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht … Ich habe keine Wohnung mehr … ich habe kein eigenes Zimmer und ich habe nicht einmal ein eigenes Bett mehr“.
Sie beschimpfte mich dann, dass ich sie in diese Situation gebracht hätte.

Und ein paar Minuten später: „Du tust mir so leid, daß Du soviel Arbeit mit mir hast. Du bist das beste Kind, das man sich vorstellen kann. Wenn ich Dich nicht hätte“…
Ich habe sie dreimal aufs Klo gebracht und dreimal ein neues Nachthemd angezogen. Am Morgen wollte sie mich dann ununterbrochen um sich haben. Das schien sie für ihr Sicherheitsgefühl zu brauchen. Sie hat mich dermaßen beschäftigt und auf Trab gehalten, daß ich verstanden habe, warum der Stationsarzt auf der Gerontopsychiatrie gemeint hat, man könne sie zuhause nicht pflegen sondern nur im Rahmen einer Einrichtung.

Am Vormittag sagten wir ihr dann, daß wir Medikamente gegen ihre Schmerzen bräuchten und sie da dabei sein müßte. Die Treppen abwärts war noch härter als aufwärts. Wir sind dann zum Heim gefahren und sehr nett empfangen worden. Als wir in die Wohngruppe kamen, war gerade frischer Streusselkuchen gebacken worden.
Am Samstagabend kam dann ein Anruf, dass sie mit ihr unterwegs ins Krankenhaus sind, weil sie gestürzt ist. Sie mußte genäht werden. Sie ist aus ihrem Bett aufgestanden und dann hingefallen. Ich war froh, daß es dort passiert ist und nicht bei mir zuhause. Schon irre: Wir bewegen sie 2 Etagen rauf und runter – bei mir gibt es Türschwellen und dort stürzt sie.Als ich gestern da war, fragte ich sie, wie denn das mit der Stirn (da hat sie ein Pflaster) passiert ist. Sie: „Die haben mich hingeschmissen – aber das werden sie nicht zugeben“.

Wahrscheinlich kann sie den Kontrollverlust nicht wahrhaben, und deshalb waren es „die anderen“, die ihr das getan haben.
Am Sonntag ließ sie sich duschen und die Fingernägel schneiden – ein gutes Zeichen. Mit der Berliner Schnauze scheint sie ganz gut klarzukommen. Am Abend habe ich sie kurz besucht und Kleidung vorbeigebracht. Ich kam ins Wohnzimmer, wo alle Bewohner um den Eßtisch saßen. Sie verspeiste mopsfidel Leberwurstbrote.
Wir gingen dann ins Zimmer, wo sie sich hinlegte. Zum Essen meinte sie, daß ihr der Fraß nicht schmeckt. Es hätte nur „so einen Batz“ gegeben.

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Ein Gedanke zu „150 000 oder: wie alles anfing

  1. Wie gut, dass ich da auch meinen Anteil hatte, obwohl unsere Familie bisher von dieser Krankheit verschont wurde. Befürchtungen hat man halt, aber auch Interesse, denn das hier war stets sehr persönlich und – um dieses Modewort zu gebrauchen- authentisch…
    Blog endet aber nicht hier- oder?

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