Alle jubeln nur ich nicht …

… eine Rezension zur Graphic Novel Kopf über den Wolken von Paco Roca

Kopf in den Wolken Schon seit Mitte Dezember letzten Jahres liegt die Graphic Novel „Kopf in den Wolken“ von Paco Roca auf meinem Schreibtisch. Der Berliner reprodukt-Verlag hat mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Der Verlag beschreibt den Inhalt folgendermaßen: Wenn seine Gedanken wandern, ist Emilio wieder der Leiter einer Bankfiliale, in Wirklichkeit aber verbringt der stille Pensionär seine Tage in einem Altersheim. Die Ausflüge in seine Vergangenheit sind Symptome der Alzheimerkrankheit, die Emilio vor den Ärzten und Pflegern so gut es geht zu verstecken versucht. Auf die Patienten, die sich nicht mehr selbst versorgen können, wartet nämlich die geschlossene Abteilung für demente Fälle – die letzte Station. Gemeinsam mit anderen Patienten – dem eigensinnigen Miguel, der mit kleinkrimineller Energie dem Heimalltag trotzt, Doña Rosario, die glaubt, im Orientexpress gen Istanbul zu reisen, und dem Ehepaar Dolores und Modesto, denen Alzheimer nur noch eine gemeinsame Erinnerung gelassen hat – nimmt Emilio den Kampf gegen das Vergessen auf. Mit feiner Beobachtungsgabe, leisem Humor und viel Empathie blickt Paco Roca auf Menschen, die zumeist ein Leben abseits der allgemeinen Wahrnehmung fristen.

Das Buch und der Film („Wrinkles“) wurden mehrfach ausgezeichnet. Die Rezensionen überschlagen sich vor Begeisterung. Nur ich kann in diesen Jubel nicht einstimmen. Für mich ist die positive Resonanz nicht nachvollziehbar.

Inspiriert ist die Geschichte von Erfahrungen, die Paco Roca oder seine Freunde in ihrem Umfeld mit der Alzheimer-Krankheit gemacht haben. Nun weiß ich nicht, wie in Spanien, der Heimat des Zeichners, mit dementiell veränderten Menschen umgegangen wird und wie die Heime im Spanien sind. Das Heim, das dargestellt wird, ist in jeder Hinsicht ein Negativbeispiel. Positiv finde ich die Solidarität der Bewohner, die einander unterstützen.

Die Grundlage dieses Buches ist jedoch die Angst vor der Krankheit. Es geht darum, die Krankheit so lange wie möglich zu verschleiern, zu verbergen und zu tricksen um nicht in die obere Etage verlegt zu werden, in der diejenigen untergebracht sind, die nicht mehr selbständig leben können.

Foto: reprodukt

Foto: reprodukt

„Kopf in den Wolken“ ist nicht nur sehr schlau erzählt sondern auch gezeichnet – so lösen sich etwa in einem Gesicht allmählich Augen, Nase und Mund auf und es bleibt eine leere Kopfform. Auf einer einzigen Doppelseite zeigt Paco Roca die lähmende Monotonie eines Tages im Altersheim – ein einfacher Bildausschnitt des Gemeinschaftsraums zieht sich über elf Panels. Auf dem zwölften Bild wird der Protagonist von seinem Zimmernachbar am Abend harmlos gefragt: „Na, wie war dein Tag?“ heißt es in einer Rezension des ORF.

Hinter einer solchen Darstellung steckt eine defizitäre Sichtweise, die unterstellt, daß das Fortschreiten der Krankheit nur mit Abbau und Persönlichkeitsverlust (Auflösung der Persönlichkeit) verbunden ist. Meine Mutter hat noch in ihrer letzten Lebenswoche im Rahmen eines Beschäftigungsangebotes erstmals in ihrem Erwachsenenleben zum Pinsel gegriffen und ein Bild ausgemalt.

Gesamteindruck: Die Graphic Novel „Kopf in den Wolken“ sagt sehr viel mehr über die Ängste von (noch) nicht Betroffenen vor der Alzheimer-Krankheit, die weit verbreitet sind, als über die Veränderungen, die Demenz für Betroffene und Angehörige mit sich bringt.

Kopf in den Wolken
Paco Roca
• Aus dem Spanischen von André Höchemer
• Lettering von Christian Maiwald | Font: Paco Roca
104 Seiten, farbig, 17 x 24 cm, Klappenbroschur
ISBN 978-3-943143-71-3
reprodukt Verlag, EUR 18,00

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