Heimleben rückwärts

Als Mama ziemlich genau vor neun Jahren – im Juni 2005 – in Heim1 einzog, war mir nicht bewußt, wie wichtig für die Lebensqualität im Heim die Kontakte zur Außenwelt sind: Daß Menschen von draußen, die nicht Angehörige und nicht Angestellte des Heimträgers sind, „die Welt ins Heim bringen“ – wie es die Leiterin von Heim2 nannte, in das Mama nach 1 1/4 Jahren umzog und wo sie fast fünf Jahre bis zu ihrem Tod lebte.

Im Heim2 gab es unterschiedliche Gruppenaktivitäten die von den Mitarbeitenden der Wohngruppe im Alltag gestaltet wurden (Kuchenbacken, Spiele …). Dann gab es Aktivitäten, zu denen eine Mitarbeiterin ein bis zwei Mal pro Woche in die Gruppe kam, wie etwa Bewegungsspiele am Tisch oder Beschäftigungsangebote mit unterschiedlichen kreativen Materialien.

Dazu gab es unterschiedliche gruppenübergreifende Angebote von Mitarbeitern des Hauses oder externen Fachkräften: Gartengruppe, Sportgruppe, Heimzeitung, Singgruppe, Kunstgruppe, Tierbauernhofbesuchsgruppe, Monatliches Kaffeetrinken der Geburtstagskinder, Märchengruppe …

Beschäftigungsangebot

Beschäftigungsangebot

Mama hat über Jahre nie am Bastel- und Beschäftigungsangebot in der Wohngruppe teilgenommen. Sie saß immer dabei und kommentierte das Tun der anderen. Frau Erika bot ihr immer wieder etwas eigenes an. So brachte sie einmal Kräuter aus dem eigenen Garten zum Riechen und Schmecken für Mama mit. Die beiden identifizierten die Kräuter und sprachen darüber: Als ich später Frau Erika fragte, meinte sie: „Ihre Mutter hat auch ein Recht auf ein Beschäftigungsangebot. Wenn sie nicht basteln, malen, kneten, stricken oder was auch immer mag, dann müssen wir etwas anderes finden, was sie anregt. In der letzten Woche ihres Lebens hat Mama dann zum ersten Mal einen Baum (aus-)gemalt.  (siehe Bild links).

Und dann gab es noch eine ganze Reihe von Aktivitäten, die – vorwiegend – von Einzelpersonen angeboten wurden, die im Umfeld des Heimes lebten oder von Menschen, die früher einen Angehörigen im Heim hatten. Bei der Suche nach einen Heimplatz hätte ich mir nie vorstellen können (und wußte auch gar nichts davon), welche emotionale Bedeutung es für die BewohnerINNEN hat, daß Menschen von draußen kommen und mit ihnen Zeit verbringen und das tun, was sie gut können.

Ich denke an Herrn G., der fünf Jahre lang jeden Freitag mit seinem schwarzen Hund Largo ins Heim kam. Largos Besuche waren Höhepunkte im Leben meiner Mutter. Sie hat ihn schmerzlich vermißt, wenn er krank oder im Urlaub war oder die Besuche nicht stattfinden konnten, weil wegen einer Infektionskrankheit gruppenübergreifende Aktivitäten gestrichen waren. Largo war ein Therapiehun, dessen 2jährige Ausbildung Herr G. aus eigener Tasche finanziert hat. Da Herr G. ein sehr zurückhaltender Zeitgenosse war, kam die Heilpädagogin mit und moderierte die Besuche.Außer Largo und Herrn G. gab es noch zwei weitere Therapiehundeteams, wobei ein Hundeteam auf Liegendkranke spezialisiert war.

Ich denke an Ehepaar X und Frau Z, die das „Kaffeestübchen“ organisierten, das ich oft mit meiner Mutter besucht habe. Das Kaffeestübchen war ein Raum, der im Stil eines Cafes der 50iger und 60iger Jahre eingerichtet war bis hin zum Geschirr. Am Dienstag- und Freitagnachmittag wurde es geöfnet. Freitagw war Ehepaar X dran, die stets mit mehreren selbst gebackenen Kuchen anrückten. Dienstags war Frau Z. dran, an die ich keine genauere Erinnerung habe.

Ich denke an Herrn L., einen musikalischen Menschen, der alle zwei Wochen an einem bestimmten Nachmittag mit seinem Akkordeon kam und in verschiedenen Gruppen Schlager vorspielte.

Ich denke an die Absolventen der Regieklasse der Filmhochschule Potsdam unter der Leitung von Volker Koepp. Manche kennen ihn vielleicht von seinem Film „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“. Sein großes Thema ist die Veränderung von Menschen und Landschaften in den Kulturlandschaften Osteuropas. Drei Studierende seiner Regieklasse haben als Abschlußprojekt einen Film mit und über einige Heimbewohner gemacht, der mich tief beeindruckt hat. Mama kam nur in einer kurzen Sequenz vor, die etwa eine halbe Minute dauerte. Aber in dieser halben Minute habe ich eine Seite an ihr entdeckt, die mir vorher verborgen geblieben war. Der Film kam mir vor wie eine Landschaftsstudie über das „Alzheimerland“.

Ich denke an die Kinder der Hortgruppe der nahe gelegenen Kindertagestätte, de immer wieder Mamas Wohngruppe besuchten, Bilder malten, Oster- und Weihnachtsgrüße schickten und auf ganz unterschiedliche Art und Weise Farbtupfer in den Alltag der Wohngruppe brachten.

Ich denke an die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der evangelischen Kirchengemeinde, die einmal monatlich schon eine Stunde vor Gottesdienstbeginn in die Wohngruppen kamen und zum Gottesdienst einluden. In der Kirche waren sie immer freundlich und zugewandt und unterstützen, wenn jemand Hilfe brauchte.

Ich denke an Pfarrer B., der für meine Mutter ganz wichtig wurde. Vor ihrem Heimleben hat sie ein einziges Mal eine evangelische Kirche betreten, weil sie zu einer Konfirmation eingeladen war. An den monatlichen Gottesdiensten für Demenzkranke in der kleinen Dorfkirche nahm sie mit großer Begeisterung regelmässig teil – auch an dem einen oder anderen Kirchenkonzert. Sie bat mich, ihn zu fragen, ob er sic nicht besuchen könnte. Das hat er bis zu ihrem Tod getan und zum Geburtstag den ein oder anderen Bildband mit persönlicher Widmung vorbei gebracht (Mama Orginalton: „Der Herr Pfarrer hat eine Sauklaue“)

Vielleicht habe ich die eine oder andere Aktivität nicht mehr im Blick. Und niemand sage mir, daß das zu viel kostet und nur in Seniorenresidenzen möglich ist. Mamas Heim2 war im mittlerein Preissegment angesiedelt. Es ist eine Frage von Phantasie und guten Willen verbunden mit der Bereitschaft Menschen von draußen mit ihren Fähigkeiten in den Heimalltag zu holen, sie zu ermutigen und zu begleiten.

Mamas Heim2 gehörte zu den ersten Einrichtungen, die sogenannte „Alltagsbeigleiter“ gewonnen und ausgebildet haben: Menschen – meist Frauen – der Altergruppe 55plus, die nach einer längeren Schulung mehrmals wöchentlich Aktivitäten mit den Bewohnern gestaltet haben wie etwa ein Kochgruppe. Gerne erinnere ich mich an die Samstagnachmittage im Sommer, wenn sie mit dem einen oder anderen Hauptamtlichen im Garten des Heimes ein Eiscafe im Stil der 60iger Jahre betrieben: Schokobecher, Schwedenbecher oder Banana-Split waren auf der Eiskarte als Fotos abgebildet und laminiert (welchen Eisbecher möchten Sie denn heute, Frau S.?).

Das größte Kompliment, das ich Mamas Heim machen kann: Wenn ich selbst an Demenz erkranken würde, dann wäre ein solches Haus, wie ich es in dieser Zeit erlebt habe, der Ort an dem ich leben möchte.

Nichts Negatives? Doch – es gibt überall Dinge, die nicht optimal sin. Das einzige, was aus meiner Sicht rückblickend bei meiner Mutter nicht besonders gut lief, war die Krankengymnastik. Darüber schreibe ich einen eigen Beitrag. Und für ein paar Wochen gab es einen Wohngruppenleiter, den ich nicht besonders toll fand. Aber der war auch nur ein paar Wochen da.

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