Wer pflegt, wird arm …

Am Beispiel von Frau Lonn, die sieben Jahre ihre Mutter gepflegt hat und bei deren Tod Mitte 50 ist, zeigt eine Reportage von Deutschlandradio Kultur, wie das pflegerische Engagement von Angehörigen in die Armutsfalle führt. Die sehr hörenswerte Sendung ist hier nachzuhören und nachzulesen.

Top Ten oder Top Five

Gespräch mit einer Freundin nach der Nominierung zum Grimme-Online-Award

SIE: Wieviele Beiträge sind das denn in deinem Weblog, die so über die Jahre zusammengekommen sind?
ICH: So an die 750 sind es schon.
SIE: Und welche zehn findest du so wichtig, daß du dir wünschst, jeder, der auf dein Blog kommt liest sie.
ICH: Zehn sind zu viel.
SIE: Also gut: Fünf
ICH: (zähle auf …) Bis auf den ersten sind das aber sicher keine, für die das Blog in der Kategorie WISSEN nominiert wurde.
SIE: Dann erst recht.
ICH: (etwas perplex) Findest Du?
SIE: Aber klar – unbedingt.
Na dann …

An diesem Beitrag habe ich am längsten gearbeitet. Jede/r kann schneller als erwartet in die Situation kommen, für einen Angehörigen einen Platz in einem Pflegeheim suchen zu müssen. Deshalb einige Hinweise: Wie finde ich ein gutes Pflegeheim?

Sie war ein kommunikatives Naturtalent. In der DDR arbeitete sie in der Datenerfassung. Nach der Wende war sie arbeitslos und fand in Mamas Wohngruppe eine Stelle als hauswirtschaftliche Fachkraft. Was daraus werden kann, wenn noch eine gute Fortbildung und Supervision vom Haus dazukommt, steht in: Besondere Mitarbeiter

Für viele Menschen, die zuhause pflegen, sind die Alzheimer-Angehörigengruppen eine wichtige Unterstützung – oft die einzige Möglichkeit einmal über das zu sprechen, was sie bewegt. Die Kranken werden gleichzeitig in einem anderen Raum betreut. Es gibt Gruppen, in denen sich Angehörige treffen, die zuhause pflegen und „Heimgruppen“, also Angehörige, die von der besonderen Situation eines Pflegeheims betroffen sind. Ich war in einer gemischten Gruppe: Neulich in der Alzheimer-Angehörigengruppe

Dementiell veränderte Menschen leben in der Vergangenheit. Auch schmerzhafte und traumatische Erfahrungen leben wieder auf. Der für mich emotional schwierigste Beitrag: Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen – oder: Wenn die Vergangenheit nicht (mehr) vergangen ist

Über 100 000 Menschen aus osteuropäischen Ländern pflegen in deutschen Familien. Ein Blick hinter die Kulissen: Legal – illegal – scheißegal

Bonus, weil allerschönst:
Sein Besuch war der Höhepunkt der Woche. Mama hat ihn sehnlichst erwartet und sehr vermißt, wenn er aus Urlaubs- oder Krankheitsgründen nicht kam: Wenn der Therapiehund kommt

Ich reiche die Frage als Blogstöckchen weiter.

Nominierung für den Grimme-Online-Award

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Dieses Weblog ist für den diesjährigen Grimme-Award ausgewählt worden und zwar in der Kategorie WISSEN. 1350 Vorschläge gab es, aus dem 23 Internetseiten nominiert wurden. Ich freue mich, daß mein Nischenthema-Blog ausgewählt wurde. Ich war einigermaßen fassungslos als mich die Redaktion letzte Woche benachrichtigt hat. Wer immer von den Mitlesenden mein Blog vorgeschlagen hat: Vielen Dank dafür!

Weitere Infos zum Grimme online Award und einen Link zur Abstimmung gibt es hier. Zur Stimmabgabe für den Publikumspreis geht es hier.

Alle jubeln nur ich nicht …

… eine Rezension zur Graphic Novel Kopf über den Wolken von Paco Roca

Kopf in den Wolken Schon seit Mitte Dezember letzten Jahres liegt die Graphic Novel „Kopf in den Wolken“ von Paco Roca auf meinem Schreibtisch. Der Berliner reprodukt-Verlag hat mir dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Der Verlag beschreibt den Inhalt folgendermaßen: Wenn seine Gedanken wandern, ist Emilio wieder der Leiter einer Bankfiliale, in Wirklichkeit aber verbringt der stille Pensionär seine Tage in einem Altersheim. Die Ausflüge in seine Vergangenheit sind Symptome der Alzheimerkrankheit, die Emilio vor den Ärzten und Pflegern so gut es geht zu verstecken versucht. Auf die Patienten, die sich nicht mehr selbst versorgen können, wartet nämlich die geschlossene Abteilung für demente Fälle – die letzte Station. Gemeinsam mit anderen Patienten – dem eigensinnigen Miguel, der mit kleinkrimineller Energie dem Heimalltag trotzt, Doña Rosario, die glaubt, im Orientexpress gen Istanbul zu reisen, und dem Ehepaar Dolores und Modesto, denen Alzheimer nur noch eine gemeinsame Erinnerung gelassen hat – nimmt Emilio den Kampf gegen das Vergessen auf. Mit feiner Beobachtungsgabe, leisem Humor und viel Empathie blickt Paco Roca auf Menschen, die zumeist ein Leben abseits der allgemeinen Wahrnehmung fristen.

Das Buch und der Film („Wrinkles“) wurden mehrfach ausgezeichnet. Die Rezensionen überschlagen sich vor Begeisterung. Nur ich kann in diesen Jubel nicht einstimmen. Für mich ist die positive Resonanz nicht nachvollziehbar.

Inspiriert ist die Geschichte von Erfahrungen, die Paco Roca oder seine Freunde in ihrem Umfeld mit der Alzheimer-Krankheit gemacht haben. Nun weiß ich nicht, wie in Spanien, der Heimat des Zeichners, mit dementiell veränderten Menschen umgegangen wird und wie die Heime im Spanien sind. Das Heim, das dargestellt wird, ist in jeder Hinsicht ein Negativbeispiel. Positiv finde ich die Solidarität der Bewohner, die einander unterstützen.

Die Grundlage dieses Buches ist jedoch die Angst vor der Krankheit. Es geht darum, die Krankheit so lange wie möglich zu verschleiern, zu verbergen und zu tricksen um nicht in die obere Etage verlegt zu werden, in der diejenigen untergebracht sind, die nicht mehr selbständig leben können.

Foto: reprodukt

Foto: reprodukt

„Kopf in den Wolken“ ist nicht nur sehr schlau erzählt sondern auch gezeichnet – so lösen sich etwa in einem Gesicht allmählich Augen, Nase und Mund auf und es bleibt eine leere Kopfform. Auf einer einzigen Doppelseite zeigt Paco Roca die lähmende Monotonie eines Tages im Altersheim – ein einfacher Bildausschnitt des Gemeinschaftsraums zieht sich über elf Panels. Auf dem zwölften Bild wird der Protagonist von seinem Zimmernachbar am Abend harmlos gefragt: „Na, wie war dein Tag?“ heißt es in einer Rezension des ORF.

Hinter einer solchen Darstellung steckt eine defizitäre Sichtweise, die unterstellt, daß das Fortschreiten der Krankheit nur mit Abbau und Persönlichkeitsverlust (Auflösung der Persönlichkeit) verbunden ist. Meine Mutter hat noch in ihrer letzten Lebenswoche im Rahmen eines Beschäftigungsangebotes erstmals in ihrem Erwachsenenleben zum Pinsel gegriffen und ein Bild ausgemalt.

Gesamteindruck: Die Graphic Novel „Kopf in den Wolken“ sagt sehr viel mehr über die Ängste von (noch) nicht Betroffenen vor der Alzheimer-Krankheit, die weit verbreitet sind, als über die Veränderungen, die Demenz für Betroffene und Angehörige mit sich bringt.

Kopf in den Wolken
Paco Roca
• Aus dem Spanischen von André Höchemer
• Lettering von Christian Maiwald | Font: Paco Roca
104 Seiten, farbig, 17 x 24 cm, Klappenbroschur
ISBN 978-3-943143-71-3
reprodukt Verlag, EUR 18,00

Die sind nicht bescheuert …

ist ein Interview in der Printausgabe des Spiegel von letzter Woche (10. März 2014) überschrieben, das online leider nicht kostenfrei zugänglich ist. Michael Schmieder, Heimleiter von Haus Sonnweid, einem Schweizer Heim, das Maßstäbe gesetzt hat und setzt in der Betreuung von Demenzkranken, verwahrt sich gegen den verstörenden Trend, Demenzkranke in Pseudowelten leben zu lassen, sei es das niederländische Heim De Hogeweyk bei Amsterdam oder daß man Demenzkranke in ein Zugabteil setzt und ihnen dann per Filmprojektion Landschaften vorführt, die an ihrem Abteilfenster vorbeifliegen.

Das Interview finde ich sehr empfehlenswert und hoffe, daß es bald kostenfrei zugänglich wird. Dann trage ich den Link hier nach. Leider verbleibt das Interview derzeit im kostenpflichtigen Bereich. Aber es gibt einen nicht weniger lesenswerten Artikel über das Haus Sonnweid und zwar unter dem Titel Endstation Wellness.

Inzwischen gibt es den Artikel doch online und zwar hier. Frau Snoopy hat’s gefunden. Vielen Dank!

Es ist unsere Aufgabe, die Demenz zuzulassen …

… ist ein Artikel in der Berner Zeitung überschrieben, in dem der Facharzt für Geriatrie Jean-Luc Moreau befragt wird, der seit 24 Jahren in einem Heim für dementiell veränderte Menschen arbeitet:

Herr Moreau, jeder sechste Deutschschweizer gibt an, mit Demenz nicht mehr weiterleben zu wollen. Lieber tot als dement – können Sie das nachvollziehen?
Jean-Luc Moreau: Ich verstehe die Angst dahinter. Wir sind alle dermassen ausgerichtet auf Autonomie und fürchten so sehr, die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Die Botschaft der Demenzkranken ist jedoch: Man kann auch leben, ohne alles im Griff zu haben. Eine Demenz ist nicht das Ende. Man kann noch viel für die Lebensqualität tun. Aber das Bild der Demenz in der Öffentlichkeit ist negativ geprägt, das treibt mich um. Es wird meist nur auf verheerenden Zerfall und schweres Leiden fokussiert…

Sind wir als Demenzkranke nicht nur noch Hüllen unserer selbst?
Nein, ganz und gar nicht. Auch wenn wir unser Erinnerungsvermögen verlieren, sind wir immer noch ganze Menschen. Die Tochter einer Heimbewohnerin hier im Oberried sagte mir einmal, ihre Mutter, die es im Leben nicht einfach hatte, wirke als Demenzkranke zum ersten Mal glücklich. Diese Mutter erkannte zwar niemanden mehr. Doch sie lebte ganz spontan und grüsste liebenswürdig jeden, der auf sie zuging…

Unbedingte Lese-Empfehlung!!!

Modellprojekt Märchen für Demenzkranke

Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland wächst. Wie gehen Angehörige und Pfleger richtig mit ihnen um? Ein Projekt erforscht einen erstaunlichen Weg, um die häufig Verängstigten zu beruhigen: durch Märchen … Zum sehr anschaulichen und lesenswerten Artikel in der taz von heute geht es hier.

Computerspiel: Was hat Oma?

Screenshot: Was hat Oma?

Screenshot: Was hat Oma?


Ein Computerspiel hilft Kindern im Grundschulalter zu verstehen, was es bedeutet, wenn die Großmutter Alzheimer hat. Mit Lukas besuchen sie Oma Anni und erkunden ihr Wohnzimmer. Auch die Irritationen bei Lukas als Oma Anni ihn beschimpft, daß er ihr Geld geklaut hat, werden gezeigt. Auf Zusatzseiten gibt es Erklärungen und wichtig Fragen werden altersgerecht beantwortet. Auf Kinderbücher wird hingewiesen und sogar eine eMail ermöglicht Kindern Kontakt aufzunehmen, Kritik zu äußern und weitere Fragen zu stellen.

Entwickelt wurde das Spiel von der durch die DFG geförderten Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Architektur im demografischen Wandel“ der Technischen Universität Dresden. Unterstützt wird das Projekt durch die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Zum Spiel geht es hier.