Blogparade: Ohne Apotheke*r fehlt dir was

ohne-apotheke_r3

Pharmama, in deren Blogroll auch dieses Blog gelistet ist, hat zur Blogparade „ohne Apotheke*r fehlt dir was“ eingeladen. Sofort habe ich in die Maske der Suchfunktion dieses Blogs die Begriffe „Apotheke“ und „Apothekerin“ eingegeben und war ganz erstaunt, daß es keinen Treffer gab.

Und das, obwohl die Versorgung mit Medikamenten zu den ganz wesentlichen Alltagsdingen gehört, die das Befinden beeinträchtigen, wenn es nicht funktioniert. Als Mama noch zuhause wohnte, hatte sie um die Ecke eine Stammapotheke, deren Besitzerin sie verehrte. Sie wurde mit ihren unterschiedlichen Krankheiten viele Jahre lang dort gut beraten und betreut – auch in der Zeit ihrer beginnenden dementiellen Veränderung als sie noch zuhause leben konnte. Ich hatte nie den Eindruck, daß ihre zunehmende Orientierungslosigkeit ausgenutzt wurde, also ihr irgendetwas aufgeschwatzt wurde. Sie war ganz traurig als die Apothekerin ihre Apotheke aus familiären Gründen verkaufte. Sie erzählte meiner Mutter, daß ihre Mutter zunehmend auf ihre Hilfe angewiesen sei und sie deswegen die Apotheke abgeben würde. Mama hat das immer wieder mit großer Hochachtung erzählt und hat sich selbst zu späteren Zeiten nach ihrem Umzug ins Heim immer wieder an diese Apothekerin, die sich immer viel Zeit für sie genommen hat, erinnert.

Mein Blog  setzt erst nach Mamas Umzug ein und erzählt vom Leben im Heim und was mich in dieser Zeit bis zu ihrem Tod beschäftigt hat. Da Mama nicht nur eine Demenz hatte, sondern zugleich chronische Schmerzpatientin war und unter Depressionen litt, war die Zusammenstellung der entsprechenden Medikamente immer wieder eine Herausforderung. Sie (und ich) hatten das Glück, daß ein sehr kompetenter Facharzt für Schmerztherapie regelmäßig ins Heim kam und die richtige Einstellung immer wieder anpaßte, denn besonders im November, wenn das Wetter feucht wurde, konnte es vorkommen, daß die bisherige Medikation vom einen zum anderen Tag nicht mehr griff.

Ich weiß auch, daß die Apotheke, mit der das Heim zusammenarbeitete, immer sehr fix war. Praktisch hatte ich aber nur insofern damit zu tun, daß ich die Rechnungen überweisen mußte. Und da ich in den alltagspraktischen Vollzügen nichts mit der Beschaffung der Medikamente zu tun hatte, hat die Apotheke es auch nicht ins Blog geschafft, obwohl deren Arbeit hinter den Kulissen für Mama sehr wichtig war.

Nun habe ich auch bei „myblog“ nachgesehen, wo ich mit dem Alzheimerblog begann bevor ich zu WordPress umzog. Dort kommt die Apotheke zwei Mal vor, aber nicht als medizinischer Dienstleister, sondern als Ort, zu dem Mama mit Günter im Rahmen einer Shoppingrunde ging. Als sie von Heim 1 nach Heim 2 zog, war eine längere Autofahrt angesagt, bei der ihr folgendes auffiel:

Mama gefällt die Autofahrt ausnehmend gut. Sie liebt Autofahren und kommentiert, was sie alles sieht. „Hier gibt es aber viele Apotheken. Die Leute müssen hier kränker sein als anderswo, denn sonst können diese Apotheken nicht alle überleben“. Mama liest aus dem fahrenden Auto Straßennamen und bringt auch die zusammen, die sie nicht kennen kann wie etwa die Knipproder Strasse. Ihr gefällt das viele Grün und die Herbstfarben, die sie sieht.

weiterlesen hier.

Wer sich an der Blogparade von pharmama beteiligen will, kann das bis zum 5. Mai 2016 tun. Die Blogartikel kann man bei ihr in den Kommentaren der Einladung zur Blogparade posten.

Zum Weiterlesen in meinem Blog:

Schmerzfreiheit hat höchste Priorität
Schmerztherapie: Helden des Alltags

 

 

Cannabis als Schmerztherapie

Screenshot tagesschau.de

Screenshot tagesschau.de

Medizinisches Cannabis hat fast keine Nebenwirkungen. Ob bei Athritis, Parkinson, Schmerztherapie bei Krebs in Endstadium oder posttraumatischen Belastungsstörungen: In Israel ist Cannabis akzeptierter Teil der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Wie das organisiert wird und warum diese Therapie in Deutschland politisch nicht gewollt ist, zeigt ein Beitrag der Tagesschau-Video-Blogs hier.

Informationsbogen für Demenzpatienten bei Krankenhausaufnahme

Die deutsche Alzeheimergesellschaft hat einen sehr hilfreichen Informationsbogen für dementiell veränderte Menschen bei Krankenhausaufenthalt entwickelt. Er enthält die wesentlichen Informationen zu den Basics bis jemand da sein kann, der bescheid weiß, jedoch nicht vor Ort wohnt über persönliche und gesundheitlich relevante Belange (Betreuer, gesundheitliche Einschränkungen, Essen, Trinken, Ausscheidungen, Körperpflege, Hilfsmittel, abwehrendes Verhalten, Rituale …).

Demas – Demenz anders sehen lernen …

Demas-Screenshot

Demas-Screenshot

…ist ein internet-basiertes Programm, das von der Universität Stendhal-Magdeburg entwickelt wurde und für pflegende Angehörige von demenzkranken Menschen gedacht ist. Es bietet Schulung, Beratung und Austausch per Internet an und ist auf zehn Wochen angelegt.

Auf der Internetseite des Angebots heißt es:

Die Bedienung ist sehr einfach ausgelegt, sodass grundlegende Computerkenntnisse für die Nutzung ausreichen. Wie im Bild dargestellt, laufen die Gruppensitzungen in einer Video-Konferenz ab. Das Bild- und Tonsignal jedes Teilnehmers wird somit direkt in den Gesprächsraum übertragen. Die psychologische Fachkraft, die die Schulungen leitet und die Gespräche moderiert, ist in der Mitte dargestellt. Damit die Gespräche nicht durcheinander laufen, müssen Wortmeldungen zuerst mittels Mausklick angezeigt werden. Ihr/e Gruppenleiter/in erteilt Ihnen dann das Wort.

Für die Nutzung benötigen Sie einen Computer mit Breitband-Internetverbindung (z.B. DSL oder Internet über den Kabelanschluss). Das ebenso erforderliche Zubehör (Webcam und Headset) wird Ihnen kostenlos von uns zur Verfügung gestellt. Eine Webcam ist eine kleine Kamera, die zur Bildübertragung an den Computer angeschlossen wird; bei einem Headset handelt es sich um einen Kopfhörer mit Mikrofon zur Übertragung der Sprache.

Die Startseite des Programms ist hier.

Mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus

Screenshot: Fakt-Sendung vom 22.10.2013

Screenshot: Fakt-Sendung vom 22.10.2013

Demenz ein unterschätztes Problem in Krankenhäusern“ lautete der Titel eines ausgezeichneten Beitrags im Polit-Magazin FAKT vom 22. Oktober 2013. Das Video ist hier (7 Minuten), eine Zusammenfassung des Sendetextes hier nachzulesen.

Für mich gehören die Erfahrungen, die ich mit meiner Mutter in Allgemeinkrankenhäusern machen mußte, zu den schlimmsten. Allgemeinkrankenhäuser sind nicht auf dementiell veränderte Menschen eingerichtet. Man hat gar nicht die Zeit den Patienten das Essen anzureichen. Was nach einer bestimmten Zeit nicht gegessen ist, wird weggeräumt. Aber das sind noch eher die „milderen“ Situationen. Einmal habe ich meine Mutter mit einem Bauchgurt fixiert vorgefunden. Sie lag – ich sage es jetzt so drastisch wie es war – in ihrer eigenen Schei… Bauchgurt ist so ziemlich das Fieseste was es gibt. Man hat keinen Bewegungsspielraum mehr mit dem Unterkörper.

Da ich die gesetzliche Betreuung hatte, befragte ich das Krankenhauspersonal und wollte die richterliche Genehmigung sehen, die für solche Zwangsmaßnahmen vorgeschrieben ist. Eine solche lag nicht vor. Glücklicherweise hatte ich – es liegt schon ein paar Jahre zurück – ein Handy mit Fotofunktion. Seitdem habe ich grundsätzlich bei Krankenhausbesuchen eine Digitalkamera mitgenommen. Ich sagte dem Pflegepersonal, daß ich mit dieser Vorgehensweise nicht einverstanden bin, daß dieses Handeln illegal ist, da keine richterliche Genehmigung vorliegt. Ich hätte alles fotografisch dokumentiert und würde auch bei zukünftigen Besuchen eine Digitalkamera mit mir führen. Sollte es nochmal zu einem derartigen Vorfall kommen, dann würde ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde einleiten, eine Strafanzeige machen und die lokale Presse benachrichtigen.

Nach den meisten Krankenhausaufenthalten war meine Mutter immer mehr oder weniger lang durch den Wind. Eine positive Ausnahme gab es. Dort wußte ich, daß meine Mutter gut aufgehoben ist und deshalb soll es hier lobend erwähnt werden: Das Krankenhaus in Rüdersdorf (östlich von Berlin). Wie aber der „normale“ Krankenhausalltag für Demenzkranke aussehen kann – ohne das oben erwähnte extreme Beispiel von Fixierung – habe ich in zwei früheren Blogeinträgen im alten Alzheimerblog beschreiben: Indirekte Aggressionen und Entlassungsturbulenzen.

Das Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken hat eine Studie durchgeführt. Unter anderem wurden Pflegedienstleitungen danach befragt, wie hoch der Anteil von dementen Patienten bei ihnen sei. Er wurde auf sechs Prozent geschätzt. Aus epidemologischen Studien weiß man aber, daß dieser Anteil in der Realität um die zwanzig Prozent liegt.

Anscheinend bekommt dieses Thema jetzt vermehrt Beachtung in den Medien. In der ZEIT vom 13. Oktober 2013 wird von einem Krankenhaus in Schottland berichtet, das viele Fachleute aus dem Ausland besichtigen wegen seines modellhaften Umgangs mit Demenzkranken: Wo bin ich hier? ist der Artikel überschrieben. Aber auch in Deutschland gibt es bereits erste Ansätze. Die Westfälischen Nachrichten vom 1.3.2013 berichten über eine Praxiswerkstatt „Demenzpatienten im Krankenhaus: Zuwendung ist entscheidend.

Wer ganz viel Zeit, Interesse und Ausdauer hat, kann sich in die Arbeit die Versorgung demenzkranker älterer Menschen im Krankenhaus (pdf-Datei, 95 Seiten), die am Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld entstanden ist, vertiefen.

Das neue Wort, das ich heute gelernt habe im Zusammenhang mit diesem Blogeintrag: Demenzsensibles Krankenhaus

Krankentransport und Demenz

Krankentransport

Krankentransport

Gestern war ich bei einem Gespräch mit der Ärztin, die Günter im Rahmen einer Strahlentherapie ambulant behandelt hat. Zehn Mal wurde er mit dem Krankentransport einer bekannten Berliner Firma hin- und nach Hause gebracht. Die Firma fährt mit Wagen, die das Signet auf der Abbildung oben tragen durch die Stadt. Bis auf eine Ausnahme war es katastrophal und stressig. Grundsätzlich kamen die Fahrer knapp, meistens aber zu spät – und zwar erheblich zu spät. Einmal hatte Günter um 12.00 Uhr einen Bestrahlungstermin und das Fahrzeug holte ihn erst um 12.40 ab. Die Entfernung beträgt laut Routenplaner drei Kilometer und wenn man durchfahren kann, dann dauert es etwa 8 – 10 Minuten. Als ich nun die Herren bei dieser extremen Verspätung fragte, warum sie erst jetzt kämen, antworteten sie mir, sie hätten den Auftrag erst vor 15 Minuten erhalten.

Immer wieder rief ich bei der Firma H. an und mußte nachfragen, warum der Wagen denn noch nicht da sei und wie lange es noch dauert. Ich bekam immer nur verschwommene Aussagen und merkwürdige Begründungen wie beispielsweise, daß Liegendtransporte Vorrang hätten – Günter wurde in einer Sitztrage transportiert.

Eine Nachfrage bei der Krankenkasse erbrachte die Auskunft: „Das macht die Charitè. Da können wir nichts machen“. Darüber – und über anderes – wollte ich mit der behandelnden Ärztin sprechen, denn warum muß die Klinik mit einem Krankentransportunternehmen zusammenarbeiten, dessen schlechte Organisation ein unnötiges Maß an zusätzlichem Streß für die Kranken bedeutet. Bei dem einen optimalen Transport war Günter nach nicht einmal eineinhalb Stunden zuhause. Bei den suboptimalen Transporten dauerte es mindestens drei meistens vier Stunden und mehr. Wenn er nicht pünktlich zu seinem Termin da ist, dann muß er sich quasi hinten anstellen. Er hatte immer wieder Angst, daß er überhaupt nicht mehr dran kommt. Dazu kam, daß die Verwaltung des Krankentransportes den Fahrern falsche oder keine Angaben über den Transportweg machte. So wurde Günter einmal eine dreiviertel Stunde in ein anderes Krankenhaus transportiert.

Was ich von der Ärztin zu diesem Thema erfahren habe hat mich einigermaßen überrascht. Die Ärztin erzählte mir, daß das Kapitel Krankentransport eines der sehr unerfreulichen ihrer Arbeit sie. Jeden Tag gäbe es unendlich viel Ärger damit. Wenn ein Patient einen Krankentransport zu einer ambulanten Therapie benötigt, dann schreibt sie das dem Patienten auf. Mehr hat das Krankenhaus eigentlich nicht mehr damit zu tun. Der Patient setzt sich dann mit seiner Krankenkasse in Verbindung. Die Krankenkasse hat Verträge mit verschiedenen Transportunternehmen. Darunter kann der Patient sich dann ein Unternehmen aussuchen. In der Praxis läuft es dann oft so, daß das Krankenhaus gleich diese Verordnung an die Krankenkasse faxt um das Verfahren zu beschleunigen und die Krankenkasse dann sich mit einem Transportunternehmen in Verbindung setzt, das zu ihren Vertragspartnern gehört.

Außerdem erzählte die Ärztin, daß das Sozialgesetzbuch, das den rechtlichen Rahmen dieser Krankentransporte festlegt, vorschreibt, daß die Patienten von zuhause bis zum Eingang der Therapie-Einrichtung, in der die Behandlung stattfindet, bringen müssen. Es gäbe aber durchaus Verträge von Krankenkassen mit Transportunternehmen, die -gesetzeswidrig – festlegen, daß der Transport von der Wohnung zum Klinikgelände erfolge. Gerade bei dementiell veränderten Patienten könne das zur Folge haben, daß die dann mangels ausreichender Orientierung auf dem Klinikgelände umherirren. Es sei dabei auch schon vorgekommen, daß demente Patienten zu Schaden gekommen seien. Da habe dann die Krankenkasse versucht, das Krankenhaus haftbar zu machen.

Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen.

dementielle Veränderungen durch Metastasen im Gehirn

Eigentlich hatte ich gedacht, daß Alzheimer und Demenz nach dem Tod meiner Mutter im März 2011 – zumindest was das engste Umfeld betrifft – erledigt ist und ich nur noch dann und wann einen Eintrag im Weblog publiziere, wenn ich auf ein Buch, einen Artikel, einen Film, eine Ausstellung, ein Modellprojekt oder irgendetwas anderes Interessantes, was mit dem Thema Demenz zu tun hat, stoße. Dass es dann ganz anders kommt, konnte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht wissen.

Günter hat den Laptop mitgebracht und schaut mit Mama Fotos an

Günter hat den Laptop mitgebracht und schaut mit Mama Fotos an

Die alten „Stammleser“ dieses Weblogs werden sich vielleicht an Günter erinnern, von dem ich immer wieder erzählt habe, weil er mich in der langen Zeit mit meiner Mutter in einer Art und Weise unterstützt hat, wie ich es nie für möglich gehalten hatte. Er kannte sie nicht persönlich bis ich sie nach Berlin holte. Regelmässig hat er sie im Heim besucht, mit mir, aber auch oft ohne mich. Er ging mit ihr in den monatlich stattfinden Gottesdienst für Alzheimerkranke, besorgte dies und jenes, überspielte ihr CDs, kürzte ihre Hosen, sang Lieder aus den 20iger Jahren mit ihr, schob sie in ihrem Rollstuhl durch den Garten  und nahm ihr als „Herr Pfarrer“ die Angst vor dem letzten Gericht und vor der Hölle.

Sie war durch eine katholische Klosterschulerziehung gegangen, deren religiöse Unterweisung durch Druck, Angst und Strafe geprägt war. So hatte sie in ihrem Erwachsenenleben nichts mehr mit Religion zu tun haben wollen. Durch den Pfarrer, der im Heim die Gottesdienste gestaltete, hatte sie einen anderen Zugang bekommen, aber die alten, verschütteten Kindheitsängste brachen wieder auf. Vor dem Sterben hatte sie keine Angst, aber vor dem Danach. . Und Günter hat einen Weg durch die Demenz hindurch gefunden mit ihr darüber zu sprechen und ihr gesagt: Du brauchst Gott nur sagen, wenn Dir etwas auf dem Herzen liegt, was Dir leid tut. Dann vergibt er das. Und sie fragte: Und das reicht? ER: Ja, das reicht. Das hat sie getröstet und beruhigt, und seitdem war Günter immer wieder auch der „Herr Pfarrer“ wenn er sie besuchte. Er spielte dann das Spiel mit und war einige Minuten als Herr Pfarrer bei ihr und ging dann, weil doch noch andere Leute auf seinen Besuch warten. Einige Minuten später kam er dann wieder als Günter.

Die Beziehung zu ihrm war meiner Mutter so wichtig, daß sie einmal zu mir sagte: „Du darfst dich aber nie mit dem Günter streiten“. Warum nicht? Weil ich Angst habe, daß er dann nicht mehr zu mir kommt. Er sprach mit ihr darüber, daß er sie weiterhin besuchen wird – so wie es seine Gesundheit zuläßt – unabhängig davon ob er mit mir Knatsch hat oder nicht.

Im Mai 2010 hatte er einen Fahrradunfall und konnte sie nicht mehr besuchen. Es war Mama ganz schwer zu vermitteln, warum er nicht mehr (mit)kommen kann. Zu Weihnachten waren wir noch einmal gemeinsam bei ihr. Da hatte er bereits seine erste Krebs-OP und einer Chemotherapie, die er nicht vertrug, hinter sich. Auch bei ihrer Beerdigung hat er mich begleitet. Es folgten zwei weitere Chemotherapien, die er leider auch nicht vertrug – wobei das eine sehr freundliche Umschreibung für die heftigen Nebenwirkungen (Übelkeit, massive Gewichtsabnahme …) ist. Und nach jeder dieser Chemotherapien lag eine längere Erholungsphase.

Im Detail kann man das gar nicht beschreiben. In den 2 1/2 Jahren seiner Erkrankung hatte er 20 stationäre Krankenhausaufenthalte – von der Tagesklinik und diversen ambulanten Untersuchungen nicht gesprochen – und er hat fast keine der möglichen Komplikationen ausgelassen. Seine Lieblingsärztin meinte ein halbes Jahr vor seinem Tod: Herr G., wenn der liebe Gott wieder einmal neue Nebenwirkungen verteilt, dann melden Sie sich aber nicht gleich wieder als Erster.

Im Juli dann schlugen ihm die Ärzte eine Antikörpertherapie vor, die in der Tagesklinik gemacht werden konnte und die schlug gut an. Die vergleichsweise geringfügigen Nebenwirkungen (Juckreiz) konnte man gut in den Griff bekommen. Alles schien sich gut zu entwickeln bis Günter Ende August – also sieben Wochen später – dann im Lendenwirbelbereich über Schmerzen klagte. Er wurde ganz schnell in die Klinik aufgenommen und mußte innerhalb von wenigen Tagen viele Untersuchungen über sich ergehen lassen, bei denen Metastasen in den Knochen und drei Metastasen im Gehirn entdeckt wurden. Es gab dann noch eine Serie von Bestrahlungen, die dem Zweck dienten, das Wachstum der Gehirnmetastasen zu verlangsamen. Ansonsten wurden alle therapeutischen Maßnahmen bis auf die Schmerztherapie eingestellt.

Bis zwei Wochen vor seinem Tod im November 2012  habe ich ihn dann zuhause mit der Hilfe eines ambulanten Pflegedienstes betreut und versorgt. Und dabei kam ich an meine Grenzen, denn die Metastasen wachsen und je nachdem welche Region im Gehirn betroffen ist, so sind dann die Veränderungen. Ich erlebte Demenz im Schnellverfahren und war darauf nicht vorbereitet. Günter, der ein Technik-As gewesen war und meine ganzen technischen Geräte aufgebaut und programmiert hat, konnte nicht mehr mit den Fernbedienungen seiner technischen Geräte umgehen und war nur noch an guten Tagen in der Lage, sein Telefon zu benutzen. Das Aufstehen fiel ihm immer schwerer, aber am schwierigsten waren die emotionalen Ausbrüche, die er selber nur schwer verkraftet hat.

Als er sich dann Pläne zeichnete, was in welchem Schrank wo ist und die Schrankfächer beschriftete, da hatte ich ein deja-vu-Erlebnis. Das kannte ich von meiner Mutter. Nach und nach fiel es ihm auch immer schwerer, Gedanken zuende zu denken und sprachlich auszudrücken. Ich versuchte dann zu kombinieren und zu raten. Manchmal gelang es, aber manchmal auch nicht. Ende Oktober kam er dann nochmal ins Krankenhaus, und da wurde klar, daß es zuhause nicht mehr geht.

Glücklicherweise habe ich sehr schnell einen Hospizplatz gefunden, und so konnte er die letzten zwei Wochen bis zu seinem Tod im L.azarus-Hospiz verbringen. Im Rahmen des Möglichen war das die beste Lösung. Im Hospiz hatte er ein Zimmer für sich. Die Pflegekräfte waren sehr zugewandt und engagiert. Er wollte meistens in Ruhe gelassen werden, und auf seine Wünsche wurde eingegangen. Was ich aber äußerst schwierig fand war, daß auf die dementiellen Aspekte seiner Verfassung – wie ich finde – nicht adäquat eingegangen wurde.

Im Hospiz geht es um Lebensqualität in der letzen Lebensphase. Dabei ist die Schmerztherapie ein sehr wesentlicher Faktor. Es wird nichts gegen den Willen des Patienten gemacht, was ich auch richtig finde. Aber im Hospiz hatte ich mit Günter ähnliche Probleme wie ich sie von stationären Krankenhausaufenthalten meiner Mutter kannte. Essen, Trinken und Medikamente werden hingestellt. Wenn sie dann nach einer gewissen Zeit nicht genommen sind, werden sie weggenommen, weil der Patient sie nicht will und ja nichts gegen seinen Willen geschehen soll.

Das geht aber an der Realität der dementiellen Veränderung vorbei. Wenn ich da war, dann konnte ich ihm erklären, daß das seine Schmerzmedikamente sind, und er die jetzt nehmen muß um zu vermeiden, dass er Schmerzen bekommt. Ähnlich war es mit dem Essen. Es geht dabei nicht um große Mahlzeiten, sondern um ein paar Löffel Griesbrei. Wenn er nichts im Magen hat, dann ist ihm übel von dem massiven Medikamenten. Also habe ich ihm erklärt, daß er doch ein paar Löffel Griesbrei essen soll, damit ihm nicht so schlecht ist. Er tat das dann auch. Aber die meisten Pflegekräfte taten das nicht. Für mich war das dann belastend. Ich hätte mir  Unterstützung von den Pflegekräften im Sinn von motivierendem Erklären gewünscht, aber dazu waren die meisten nicht bereit, weil das ihrer Meinung nach gegen den freien Willen des Gastes verstößt.

Ich war vorher uneingeschränkt positiv von Hospizen überzeugt, denke inzwischen, dass es gute Orte für Menschen sind, die noch kognitiv gut drauf sind und ihre Wünsche äußern können. Von daher habe ich durch diese Erfahrung eine realistischere Einschätzung bekommen.

Erst nach Günters Tod ist mir bewußt geworden, daß bei all meiner Beschäftigung mit Alzheimer und Demenz in den letzten Jahren nirgendwo der Aspekt von dementiellen Veränderungen als Folge von Metastasen im Gehirn auftaucht. Für Angehörige, die das dann erleben ohne vorher mit Demenz und Alzheimer konfrontiert gewesen zu sein, stelle ich mir das unglaublich schwierig vor.

Nachtrag 13. Januar 2013:
Vor einigen Tagen ist eine gute Freundin in dem gleichen Hospiz verstorben. Sie konnte bis relativ kurz vor ihrem Tod klar kommunizieren. Für sie war es der optimale Ort.

Unprofessionell oder professionell?

Dieses Posting hat nichts mit Alzheimer oder Demenz speziell zu tun, sondern mit Pflegebedürftigkeit allgemein. Ein Freund hat Pflegestufe 1 genehmigt bekommen, damit er sich sein Leben so organisieren kann, daß er noch möglichst lang zuhause bleiben kann. Letzten Freitag haben wir zusammen einen Ausflug gemacht. Als wir zu ihm nach Hause kamen, waren zwei Anrufe auf seinem Anrufbeantworter aufgezeichnet.

Anruf Nummer 1:
„Guten Tag, hier Ros… (Rest des Namens war vernuschelt nicht verständlich – auch nach dreimaligem Abhören nicht). Ich bin Pflegeberaterin“ (ist das ein Beruf? Was für eine Qualifikation steckt dahinter? Ich vermute mal, jede/r kann sich so bezeichnen. Für mich hört es sich an wie ich-bin-Avon-Beraterin oder ich-bin-Tupper-Beraterin. Da kommt jemand von einer Firma ins Haus und will einem deren Produkte verkaufen.) Dann war zu erfahren, daß man mit ihr einen Beratungstermin unter der Telefonnummer xyz vereinbaren kann oder eine Nachricht hinterlassen kann, wann man einen nochmaligen Anruf wünscht.

Mein Freund war ganz aufgeregt: Wer ist das überhaupt? Was will die? Von wo ist die? Wie kommt die überhaupt an meinen Namen und meine Telefonnummer? Ich stehe doch nirgends. Wer kann das wissen? Er ist ganz aufgelöst (siehe unten). Ich beruhige ihn und schlage vor, daß wir die angegebene Nummer anrufen. So erfahren wir am schnellsten, wer dahinter steckt. Der Anrufbeantworter am anderen Ende der Leitung informiert uns, daß es sich um einen „Pflegestützpunkt handelt. Jeder Berliner Bezirk hat einen solchen Pflegestützpunkt, der Betroffene und Angehörige über mögliche Hilfs- und Unterstützungsangebote beraten und auf Wunsch bei der Vermittlung behilflich sein soll. Ich gehe ins Internet: Träger ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte  und auf der Seite „Team“ ist keine Frau Ros… (wie auch immer) angegeben.

Liebe (Un-)Professionelle:
Ihr ruft nicht als Lieschen Müller Eure Freundin an, sondern als VertreterIN einer Institution. Wenn der Angerufene Euch nicht kennt, dann ist die Information enorm wichtig, was Euer institutioneller Hintergrund ist und wie Ihr an seine Daten gekommen seid und wer das in die Wege geleitet hat. Es kann Menschen tief verunsichern oder sogar verängstigen, wenn da auf einmal Frau oder Herr Unbekannt eine Nachricht hinterläßt: Merke: Im Jahr 2012 ist zwar die Nazizeit 62 Jahre und die DDR etwas über 20 Jahre vorbei. Wer aber ein Verfolgungsschicksal hat – sei es nun Nazizeit oder Stasi – oder beides, kann so eine Form der Kontaktaufnahme ganz schlecht ab. Solche Telefonate kann man auch in der Teambesprechung oder in der Praktikantenanleitung im Rollenspiel üben, weil es für ALLE sozialen Einrichtungen gilt.

Also langsam und deutlich etwa so wie auf dem 2. Anruf, der auch noch gespreichert war:

„Guten Tag Herr Müller-Meier. Hier spricht Lisa Mustermann. Ich bin Sozialarbeiterin bei der Volkssolidarität Berlin-Mitte. Sie hatten in unserer Geschäftsstelle angerufen und um einen Beratungstermin gebeten wegen häuslicher Pflege. Ich schlage Ihnen nächsten Dienstag 14. August um 11.00 Uhr bei Ihnen zuhause vor. Sie erreichen mich unter der Tel.nr. Sie können auch eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Nochmal mein Name: Lisa Mustermann von der Volkssolidarität. Auf Wiederhören“.

Mein Freund ist Mitglied in der evangelischen Kirche und war auch einige Jahre ehrenamtlich sehr aktiv. Die Beratung hat er bei der Volkssolidarität wahrgenommen. Die Sozialarbeiterin war sehr kompetent und hat umfassend informiert. Vom Medizinischen Dienst haben die ambulanten Pflegedienste der Volkssolidarität im letzten Jahr die Note 1,0 bekommen.

Zum Weiterleisen verlinke ich auf einen Beitrag aus meinem alten Weblog:
Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen – oder: Wenn die Vergangenheit nicht (mehr) vergangen ist

Mehr zu den Berliner Pflegestützpunkten ist hier zu finden.

Gebet senkt Alzheimer Risiko bei Frauen

Laut einer israelisch-amerikanischen Studie sinkt bei Frauen, die regelmäßig beten, sei es privat oder öffentlich im Gottesdienst, die Wahrscheinlichkeit an Alzheimer zu erkranken um 50 Prozent. Bei bereits Erkrankten verlangsamt das Gebet den Krankheitsprozeß.

Mehr dazu (auf englisch) hier:
http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/158642#.UCEMaaD12TI