Wer pflegt, wird arm …

Am Beispiel von Frau Lonn, die sieben Jahre ihre Mutter gepflegt hat und bei deren Tod Mitte 50 ist, zeigt eine Reportage von Deutschlandradio Kultur, wie das pflegerische Engagement von Angehörigen in die Armutsfalle führt. Die sehr hörenswerte Sendung ist hier nachzuhören und nachzulesen.

Schniefen … Schnauben … undsoweiter

Therapiehund Largo - Plüschtiervariante

Therapiehund Largo – Plüschtiervariante

… oder vornehmer gesagt: Die Erkaeltungssaison ist eroeffnet. Ich laufe im Schniefen-und-Schnaufen-Modus, sofern man ueberhaupt von LAUFEN reden kann. Ich bin vertrant. Das muesste eigentlich niemand naeher interessieren – noch nicht einmal in Zeiten von Twitter und Facebook, wo man jederzeit seinen Beziehungs- oder Gesundheitsstatus der Welt mitteilen kann. Und wer mich kennt, weiss, dass ich zu solchen Befindlichkeitsbekundungen wenig Neigung habe. Aber ich habe mich angesteckt. Und dass das nicht nur fuer mich von Bedeutung ist, wird hoffentlich durch diees Posting deutlich.

Warum ich diesen Blogbeitrag trotzdem damit eroeffne, hat mit dem Thema PFLEGENDE ANGEHOERIGE zu tun. Das bin ich zwar seit dem Tod von Mama und Guenter nicht mehr, aber ich habe diese Zeit noch sehr lebhaft in Erinnerung. Als pflegender und-oder-betreuender Angehoeriger geraet man – je laenger umso mehr – ins soziale Abseits, in die Isolation. Man hat kaum Zeit um soziale Kontakte zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Und man hat zunehmend weniger Themen, die man mit anderen teilen kann. Man ist froh um jede Zusammenkunft, an der man teilnehmen kann ohne dass man weite Wege – fuer die man nicht die Zeit und auch nicht die Energie, die man nicht hat – auf sich nehmen muss. Wenn es zudem wenig oder gar nichts kostet ist das ein weiterer Pluspunkt. Denn wer aktiv pflegt und betreut hat wenig freie Zeit und oft wenig(er) Geld zur Verfuegung.

Vor einigen Tagen nahm ich an einem abendlichen Seminar teil. Als ich den Seminarraum betrat, war mir klar, daß die Seminarleiterin total erkältet war. Da waren nicht mehr Papiertaschentücher gefragt, sondern da war eine Klorolle im Einsatz. Wenn ich nicht eine Stunde unterwegs gewesen wäre, wäre ich sofort umgekehrt. In mir stieg Panik auf: Scheiße, was ist, wenn ich eine Erkältung bekomme … STOP ! Du pflegst und betreust nicht mehr. Mama und Günter sind tot.

Selbst in Mamas letzten Jahren, die sie im Heim verbracht hat, lief immer der innere Zensor in mir mit. Ich wusste, wie sehr sie auf meine Besuche wartet. Wenn ich krank werde, dann ist sie versorgt, unabhängig davon ob ich komme oder nicht. Aber jeder betreuende und heimbesuchende Angehörige weiß: Wenn ich oder ein anderer von uns einen grippalen Infekt, eine Darmgrippe oder irgendetwas anderes Ansteckendes ins Heim einschleppt, dann reduziert das die Lebensqualität der Wohngruppe erheblich, denn dann sind alle gruppenübergreifenden Aktivitäten gestrichen, damit sich die Infektion nicht ausbreitet.

In Mamas Wohngruppe hieß das: Kein Besuch vom Therapiehund, denn der ist in verschiedenen Gruppen im Einsatz; keine Teilnahme am Gottesdienst, keine Teilnahme am Ausflug zum Tierbauernhof, denn das Zusammentreffen mit Bewohnern aus anderen Wohngruppen könnte die Krankheitserreger verbreiten. Kein Besuch im Kaffeestübchen. Das waren nun die Lieblingsaktivitäten meiner Mutter. Aber für andere Bewohner füge ich hinzu: Keine Bewegungsgruppe, keine Singgruppe, keine Kunsttherapie, keine Beschäftigungstherapie, keine Kochgruppe – um nur einige zu nennen.

Aber bei Günter war es noch schlimmer: Ich habe ihn in seiner letzten Lebensphase – bis auf zwei Wochen im Hospiz – zuhause gepflegt. Er bekam ambulant Chemotherapie, Bestrahlungen und später auch eine Antikörpertherapie. Da ist jede Erkältung der SuperGAU, weil sie nämlich in Frage stellt, ob die Chemo- oder Antikörpertherapie fortgesetzt werden kann. An den Tagen, an denen er in die Charité zur ambulanten Chemo oder Antikörpertherapie musste, wurde erst einmal Blut abgenommen und im Labor festgestellt, ob alles so weit in Ordnung ist um die Chemo stattfinden zu lassen. Bei erhöhten Entzündungsparametern beispielsweise wurde dann keine Chemo gemacht, sondern der Patient wieder nach Hause geschickt. Sie kannten sich untereinander, die sich am Dienstag oder Freitag in der Tagesklinik trafen und nahmen aneinander Anteil. Immer wieder erzählte Günter von dem einen oder anderen Mitpatienten, der nach Verkündung der Laborwerte ohne Chemo nach Hause geschickt wurde: „Wir können heute keine Chemo bei Ihnen machen, weil …“. „Nach Hause“ hieß dann durchaus, daß jemand nach Stralsund oder in die hinterste Pampa vom Flächenland Brandenburg fahren musste: Außer Spesen nichts gewesen.

Und genau darum macht es mich unglaublich wütend, wenn Leute, die krankheitsbedingt eigentlich ins Bett gehören, unter Menschen gehen und ihre Keime, Bazillen undsoweiter weiterverbreiten. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen in Deutschland privat gepflegt werden und wie viele Menschen chronisch krank sind, dann ist das rücksichtslos mindestens gedankenlos.. Es geht ja nicht nur um die Chemotherapie von Krebskranken. In gleicher Weise sind auch Menschen mit vielen anderen chronischen Krankheiten deren Immunsystem herabgesetzt ist, betroffen. Auch pflegende Angehörige haben oft aufgrund der großen Belastungen eine geschwächte Abwehr.

In unserer Gesellschaft sind diese Halb-, Viertel- und Dreiviertelkranken hoch akzeptiert. Da wird bewundernd von Herrn Müller gesprochen, der sich trotz Erkältung zur Chorprobe schleppt oder Frau Adam, die trotz Grippe Lektorendienst im Gottesdienst macht oder Herr Schulz, der trotz Infekt die Jugendgruppe leitet und Frau Maier, die trotzdem die Stadtteilbibliothek betreut. Ihnen allen wird große Anerkennung gezollt, weil sie sich in ihrem gesundheitlich angeschlagenen Zustand zu irgendwelchen beruflichen oder Freizeitaktivitäten hinreißen lassen. Der Anerkennungsgrad steigt proportional mit dem hinfälligen Zustand dessen, der eigentlich unter Quarantäne gehört und nicht unter Menschen. Dass wir pflegende Angehörige deshalb – gerade aber nicht nur – in der Erkältungssaison noch mehr isoliert sind als sowieso durch die Krankheit des Angehörigen bedingt, das fällt unter den Tisch. Pflegende Angehoerige sind nämlich unsichtbar und werden in der Schniefen-Schnauben-Rotzen-Saison noch unsichtbarer (gemacht).

Herr Müller, Frau Adam, Herr Schulz und Frau Maier werden gelobt und heroisiert, weil sie sich verausgaben und vielleicht sogar erschöpfen. Wir pflegende Angehörige, die sich mehr verausgaben und erschöpfen, wir werden nicht bewundert und wollen das meist auch gar nicht. Aber trotzdem wäre es ganz schön, wenn man – gerade in der dunklen Jahreszeit – in den Frauenkreis gehen könnte, an einem Märchenabend teilnehmen könnte oder irgendwas Schönes und Entspannendes, was einem wieder Kraft und Anregung geben könnte, machen könnte ohne unsicher zu sein, ob man es riskieren kann dahin oder dort hin zu gehen, weil wieder jemand von der Schniefen-Schnauben-Rotzen-Fraktion unterwegs ist.

In dem Bereich, in dem ich verantwortlich war, bin ich immer wieder sehr deutlich geworden. Ich leite Wochenseminare in der beruflichen Fortbildung. Immer wieder gab es Teilnehmende, die gesundheitlich sehr angeschlagen kamen. Ich verstehe, dass man sich auf eine Fortbildungswoche freut, für die man sich lange vorher angemeldet hat und auch bezahlen muss. Dennoch habe ich gelegentlich Teilnehmende zum Arzt und damit nach Hause geschickt: ERSTENS, weil die Anforderungen in der Woche so hoch sind, dass man sie – wenn man gesundheitlich angeschlagen ist – nicht erfüllen kann und ZWEITENS betreue ich eine demenzkranke Mutter und habe (eineinhalb Jahre parallel dazu) zwei Jahre lang einen krebskranken Partner gepflegt. Wenn ich mir einen Infekt hole, dann bricht bei letzterem pflegemässig der SuperGAU aus.

Und nun zum Schluß eine Bitte bzw. Anregung, die ich in den acht Jahren meines Bloggens noch nie geäußert habe: Ich halte diese Gedanken und Erwägungen für so wichtig, weil sie viele betreffen, daß ich mich über Verlinkung würde.

Ende der Durchsage. Ich gehe mich weiter auskurieren.

– –

Informationsbogen für Demenzpatienten bei Krankenhausaufnahme

Die deutsche Alzeheimergesellschaft hat einen sehr hilfreichen Informationsbogen für dementiell veränderte Menschen bei Krankenhausaufenthalt entwickelt. Er enthält die wesentlichen Informationen zu den Basics bis jemand da sein kann, der bescheid weiß, jedoch nicht vor Ort wohnt über persönliche und gesundheitlich relevante Belange (Betreuer, gesundheitliche Einschränkungen, Essen, Trinken, Ausscheidungen, Körperpflege, Hilfsmittel, abwehrendes Verhalten, Rituale …).

Demas – Demenz anders sehen lernen …

Demas-Screenshot

Demas-Screenshot

…ist ein internet-basiertes Programm, das von der Universität Stendhal-Magdeburg entwickelt wurde und für pflegende Angehörige von demenzkranken Menschen gedacht ist. Es bietet Schulung, Beratung und Austausch per Internet an und ist auf zehn Wochen angelegt.

Auf der Internetseite des Angebots heißt es:

Die Bedienung ist sehr einfach ausgelegt, sodass grundlegende Computerkenntnisse für die Nutzung ausreichen. Wie im Bild dargestellt, laufen die Gruppensitzungen in einer Video-Konferenz ab. Das Bild- und Tonsignal jedes Teilnehmers wird somit direkt in den Gesprächsraum übertragen. Die psychologische Fachkraft, die die Schulungen leitet und die Gespräche moderiert, ist in der Mitte dargestellt. Damit die Gespräche nicht durcheinander laufen, müssen Wortmeldungen zuerst mittels Mausklick angezeigt werden. Ihr/e Gruppenleiter/in erteilt Ihnen dann das Wort.

Für die Nutzung benötigen Sie einen Computer mit Breitband-Internetverbindung (z.B. DSL oder Internet über den Kabelanschluss). Das ebenso erforderliche Zubehör (Webcam und Headset) wird Ihnen kostenlos von uns zur Verfügung gestellt. Eine Webcam ist eine kleine Kamera, die zur Bildübertragung an den Computer angeschlossen wird; bei einem Headset handelt es sich um einen Kopfhörer mit Mikrofon zur Übertragung der Sprache.

Die Startseite des Programms ist hier.

Heute in den Suchbegriffen

„Meine Mutter ist im Altenheim gefallen. Muß das Altenheim mich benachrichtigen?“

Die Frage hat unterschiedliche Dimensionen, nämlich die des mitmenschlichen Umgangs und die rechtliche. Wenn Sie die gesetzliche Betreuung für den Bereich Gesundheitssorge für ihre Mutter haben, dann müssen Sie über alle gesundheitlich relevanten Veränderungen benachrichtigt werden. Ist das nicht der Fall, dann – rechtlich gesehen – nicht. Wenn Sie die Person sind, die sich hauptsächlich um die Mutter kümmert, dann ist es wünschenswert, wenn die Kommunikation so gut ist, daß Sie so schnell und umfassend wie möglich einbezogen werden. Wenn Sie öfter feststellen, daß Sie nicht angemessen informiert werden, können Sie sich an den Heimbeirat wenden.

Dieses Statement stellt keine Rechtsberatung dar.

Polnische Pflegekräfte und Ausbeutung …

so lautete gestern eine Suchanfrage, die zu diesem Weblog führte. Das machte mich neugierig und ich gab diese Kombination meinerseits ein um herauszufinden, was darunter zu finden ist. Natürlich sind Pflegekräfte Haushaltshilfen gemeint. Und seit längerer Zeit gibt es die Möglichkeit, polnische Kräfte legal einzustellen. Ich bin tatsächlich auf eine Agentur gestossen, die sich von jeglicher Form der illegalen Arbeit polnischer Pflegerinnen distanziert.

Wenn man eine polnische Pflegekraft oder Haushaltshilfe legal anstellt d.h. für sie werden im Heimatland Krankenversicherungsbeiträge, Sozialversicherungsbeiträge und Rentenversicherung und Unfallversicherung abgeführt, außerdem wird das Gehaltsniveau im Heimatland – also Polen – herangezogen, dann kostet das je nach Vorqualifikation der betreffenden Person zwischen 1500 und 2400 Euro monatlich.

Dazu sind vom Arbeitgeber die Kosten für Unterkunft und Verpflegung zu tragen und die Kosten für An- und Rückreise. Je nach Fahrtstrecke würden diese zwischen 80 und 200 Euro (für Hin- und Rückfahrt) betragen und alle drei Monate anfallen, weil alle drei Monate eine neue Pflegekraft anreist.

Außerdem wird pro Vertrag eine Bearbeitungsgebühr von etwas über 350 Euro berechnet, das wären 1200 Euro im Jahr für vier Vertragsabschlüsse.

Wenn man einen mittleren Reisekostenwert von 150 Euro zugrunde legt, dann kommt man auf monatliche Aufwendungen zwischen 1666,00 Euro und 2534,00 Euro, wobei die Kosten für Unterkunft und Verpflegung noch nicht eingerechnet sind.

Man geht davon aus, daß 100 000 Pflegebedürftige zuhause versorgt werden. Abgesehen von einer Fernsehdokumentation, in der Familien gezeigt wurden, die eine polnische Pflegekraft legal eingestellt haben und unendlich viel Papierkram damit verbunden war, habe ich noch nie jamanden kennengelernt, der die hier genannten Beträge für eine Pflegekraft aus Osteuropa, egal ob aus Polen, Litauen, Weißrussland oder Rumänien. Mein Eindruck ist vielmehr, daß sich die Herkunftsländer immer weiter nach Osteuropa in die ärmeren Regionen verschieben.

Vermittlung von Haushaltshilfen aus Osteuropa

Einer der häufigen Suchbegriffe, die auf dieses Weblog führen ist die Kombination von „Pflegekraft“ und „Polen“ oder „Osteuropa“.
In den letzten sieben Tagenlas sich das so:
Was kostet eine Polin
Was kostet eine Polin zur Pflege
Polin Pflegekraft
Polin Haushaltshilfe was darf sie kosten
wohnen Betreuung Polin
was kostet Polin die sich um Senioren kümmert

Nur die Suchanfragen nach dem Demenzdorf in den Niederlanden übersteigen die Anfragen nach den Haushaltshilfen aus Osteuropa.

Deshalb sei auf den Blogeintrag von Frau Apfelriemchen verwiesen, die ihre Erfahrungen bei der Suche nach einer polnischen Pflegekraft Haushaltshilfe beschreibt und zwar hier.

Zu diesem Themenbereich habe ich in den letzten Jahren einige Postings verfaßt:
Legal, illegal – scheißegal (2.9.2005)
Nahe Fremde ein Artikel von Felice Röhrs im Tagesspiegel (23.3.2006)
Nahe Fremde Anmerkungen zu einem Artikel von Felice Röhrs im Tagesspiegel (23.3.2006)
Wenn die Welt abhanden kommt (16.4.2006)
Moderne Arbeitssklaven – das illegale Geschäft mit der Pflege (18.9.2007)
Ein Engel für Opa (9.1.2008)
Pflege verfahren – über ein Gerichtsurteil über einen Vermittler von Pflegekräften (18.11.2008)
Und hier im wordpress-blog letztes Jahr im November:
Wieder mal: Pflegehilfen aus Osteuropa
Omas neue Polin (19.11.2011)

Krankentransport und Demenz

Krankentransport

Krankentransport

Gestern war ich bei einem Gespräch mit der Ärztin, die Günter im Rahmen einer Strahlentherapie ambulant behandelt hat. Zehn Mal wurde er mit dem Krankentransport einer bekannten Berliner Firma hin- und nach Hause gebracht. Die Firma fährt mit Wagen, die das Signet auf der Abbildung oben tragen durch die Stadt. Bis auf eine Ausnahme war es katastrophal und stressig. Grundsätzlich kamen die Fahrer knapp, meistens aber zu spät – und zwar erheblich zu spät. Einmal hatte Günter um 12.00 Uhr einen Bestrahlungstermin und das Fahrzeug holte ihn erst um 12.40 ab. Die Entfernung beträgt laut Routenplaner drei Kilometer und wenn man durchfahren kann, dann dauert es etwa 8 – 10 Minuten. Als ich nun die Herren bei dieser extremen Verspätung fragte, warum sie erst jetzt kämen, antworteten sie mir, sie hätten den Auftrag erst vor 15 Minuten erhalten.

Immer wieder rief ich bei der Firma H. an und mußte nachfragen, warum der Wagen denn noch nicht da sei und wie lange es noch dauert. Ich bekam immer nur verschwommene Aussagen und merkwürdige Begründungen wie beispielsweise, daß Liegendtransporte Vorrang hätten – Günter wurde in einer Sitztrage transportiert.

Eine Nachfrage bei der Krankenkasse erbrachte die Auskunft: „Das macht die Charitè. Da können wir nichts machen“. Darüber – und über anderes – wollte ich mit der behandelnden Ärztin sprechen, denn warum muß die Klinik mit einem Krankentransportunternehmen zusammenarbeiten, dessen schlechte Organisation ein unnötiges Maß an zusätzlichem Streß für die Kranken bedeutet. Bei dem einen optimalen Transport war Günter nach nicht einmal eineinhalb Stunden zuhause. Bei den suboptimalen Transporten dauerte es mindestens drei meistens vier Stunden und mehr. Wenn er nicht pünktlich zu seinem Termin da ist, dann muß er sich quasi hinten anstellen. Er hatte immer wieder Angst, daß er überhaupt nicht mehr dran kommt. Dazu kam, daß die Verwaltung des Krankentransportes den Fahrern falsche oder keine Angaben über den Transportweg machte. So wurde Günter einmal eine dreiviertel Stunde in ein anderes Krankenhaus transportiert.

Was ich von der Ärztin zu diesem Thema erfahren habe hat mich einigermaßen überrascht. Die Ärztin erzählte mir, daß das Kapitel Krankentransport eines der sehr unerfreulichen ihrer Arbeit sie. Jeden Tag gäbe es unendlich viel Ärger damit. Wenn ein Patient einen Krankentransport zu einer ambulanten Therapie benötigt, dann schreibt sie das dem Patienten auf. Mehr hat das Krankenhaus eigentlich nicht mehr damit zu tun. Der Patient setzt sich dann mit seiner Krankenkasse in Verbindung. Die Krankenkasse hat Verträge mit verschiedenen Transportunternehmen. Darunter kann der Patient sich dann ein Unternehmen aussuchen. In der Praxis läuft es dann oft so, daß das Krankenhaus gleich diese Verordnung an die Krankenkasse faxt um das Verfahren zu beschleunigen und die Krankenkasse dann sich mit einem Transportunternehmen in Verbindung setzt, das zu ihren Vertragspartnern gehört.

Außerdem erzählte die Ärztin, daß das Sozialgesetzbuch, das den rechtlichen Rahmen dieser Krankentransporte festlegt, vorschreibt, daß die Patienten von zuhause bis zum Eingang der Therapie-Einrichtung, in der die Behandlung stattfindet, bringen müssen. Es gäbe aber durchaus Verträge von Krankenkassen mit Transportunternehmen, die -gesetzeswidrig – festlegen, daß der Transport von der Wohnung zum Klinikgelände erfolge. Gerade bei dementiell veränderten Patienten könne das zur Folge haben, daß die dann mangels ausreichender Orientierung auf dem Klinikgelände umherirren. Es sei dabei auch schon vorgekommen, daß demente Patienten zu Schaden gekommen seien. Da habe dann die Krankenkasse versucht, das Krankenhaus haftbar zu machen.

Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Wie finde ich ein gutes Pflegeheim?

Auf dem alten Alzheimer-Weblog habe ich vor ein paar Jahren einige Überlegungen niedergeschrieben, die mir bei der Suche nach einem Heimplatz für meine Mutter wichtig waren. Damals hatte ich meine erste Suche hinter mir und meine zweite Suche vor mir, denn meiner Mutter gefiel es im ersten Heim nicht, in dem sie 1 1/2 Jahre lebte. Sie zog dann in ein anderes Heim, in dem sie bis zu ihrem Tod lebte. Vor einigen Wochen kam nun ein Bekannter in die Situation, für seine Mutter einen Heimplatz zu benötigen. Deshalb stelle ich den Artikel von damals noch mal ein mit einigen Ergänzungen aus meiner heutigen Perspektive. Diese Ergänzungen erscheinen dann kursiv.

Wer sich in Berlin auf die Heim- oder WG-Suche für einen Angehörigen begibt, bekommt von Beratungsstellen oder anderen Einrichtungen diverse Listen mit Kriterien, auf die man achten soll. Ich habe mir selber mit Hilfe dieser Vorgaben und ersten eigenen Erfahrungen einen Fragebogen zusammengestellt. Den habe ich dann ausgedruckt und mitgenommen. Es ist wichtig für jede Einrichtung einen eigenen Bogen zu verwenden. Wenn man mehrere Besichtigungen hinter sich gebracht hat, weiß man sonst nicht mehr, ob der Therapiehund in Heim A oder in Wohngemeinschaft B kommt.

Mein Limit an einem Tag waren zwei Einrichtungen – trotz Tag der offenen Tür in sieben Heimen. Nach zwei Besichtigungen hat man so viele Eindrücke, dass man die erst einmal verdauen muss und Zeit braucht bis sich das alles setzen kann.

Hier nun zur Anregungen meine Liste.

Äußerliches:

– Wie ist die Atmosphäre beim Betreten des Hauses? (hell, großzügig, dunkel, muffig, steril, gepflegt, verschlampt, heruntergekommen)
– Werde ich zu Besuchen gern in dieses Haus kommen?
– Wie ist die Ausstattung der Zimmer?
– Was kann mitgebracht werden (Mobiliar, Erinnerungsstücke, Haustier)
Gibt es Tiere im Heim? In den verschiedenen Wohngruppen des Heims meiner Mutter gab es Katzen, Kaninchen und Vögel. Außerdem kamen mehrere Therapiehundeteams wöchentlich zu Besuch
– Sind die Räume mit Namen bzw. Symbolen gekennzeichnet? (Foto von Frau Müller und ihrer Katze)
– Wie ist der Wohnbereich strukturiert? (gemütliche Ecken mit anregenden Materialien z.B. Spiele, Tastmaterialien, jahreszeitlicher Schmuck ?)
– Wie sind die funktionalen Bereiche gestaltet (Küchenzeile, sanitäre Einrichtungen, gibt es Handläufe und Haltegriffe?)
– Sind die Räume anregend in ihrer Gestaltung?
– Von wem und wo werden Mahlzeiten zubereitet?
– Wo wird die Wäsche gewaschen (außerhalb des Heimes / der Wohngemeinschaft bringt höheren Verschleiß mit sich ? ist Übrigens Dauerthema in Angehörigengruppen von Heimbewohnern).
Diesen Punkt sehe ich inzwischen völlig anders. In den Ratgebern läuft es meist auf die Gleichung raus: Wäscherei im Heim ist gut – Waschen außerhalb ist schlecht. Im ersten Heim meiner Mutter wurde innerhalb des Heims gewaschen. 80 % ihrer Garderobe waren nach einem Jahr „verschwunden“. Im zweiten heim wurde außerhalb gewaschen – und zwar in einer Werkstatt für geistig Behinderte. In den mehreren Jahren ihres Aufenthalts, ist kein einziges Kleidungsstück verloren gegangen. Der entscheidende Punkt ist nämlich, wie die Wäsche gekennzeichnet ist. Heim 1 verlangte als erste Amtshandlung 80 Euro für das Einnähen von Namenszeichen aus Stoff. Die konnte man schnipp schnapp mit zwei Schnitten aus der Kleidung heraustrennen. Im Heim 2 wurde die Wäsche so gekennzeichnet, daß die Namenszeichen mit einem speziellen Verfahren eingebrannt wurden – und nichts kam weg. Dafür wurde einmalig eine Gebühr von 20 Euro erhoben.
– Gibt es Balkon, Garten, Tiere?
Je mehr umso besser: Tiere die im Alltag mitleben und Tiere, die zu Besuch kommen – sei es der Therapiehund oder Kaninchenbesuch. Auch Besuche auf einem nahegelegenen Kinderbauernhof sind eine Möglichkeit zum Kontakt mit Tieren.
Wenn die Räume oder Gänge dämmrig, verwinkelt oder mit viel Schatten sind, sind sie für Demente / Alzheimer-Kranke ungeeignet, denn die entwickeln früher oder später Ängste vor dem eigenen Schatten.

Personal:

– wie viele Mitarbeiter arbeiten in der Gruppe / auf der Station? (fest Angestellte und Aushilfen)
Welchen Berufsgruppen gehören die Mitarbeitenden im Gruppendienst an? Ideal ist eine Kombination aus unterschiedlichen Erfahrungsfeldern: Pflegekräfte, Hauswirtschaftskräfte und Heilpädagoginnen.
Außerdem nachfragen, welche Mitarbeiter es gruppenübergreifend gibt (Heimleitung, Sozialarbeiter, Musiktheraput, Physiotherapie / Krankengymnastik / Alltagsbegleiterinnen/ Bundesfreiwilligendienst …)
– Welche Ausbildung(en) haben sie? Haben alle die 120 Stunden Ausbildung zu Demenz?
Wichtig ist auch, welche Fortbildungen angeboten und wahrgenommen werden. Sehr zentral war für mich, da meine Mutter schwer traumatisiert war, daß es für die Mitarbeiterinnen in der Wohngruppe regelmäßig Supervision gibt und die auch wahrgenommen wird (wird hier im Haus Supervision angeboten, in welcher Häufigkeit und wer nimmt daran teil).
– Wie hoch ist der Anteil der Examinierten? (Im Heimbereich sind 50 % vorgeschrieben)
Manche Heime sagen, bei ihnen gäbe es tagsüber immer zwei Examinierte. Damit werden immer wieder auch höhere Preise gerechtfertigt. Im ersten Heim meiner Mutter wurde das nicht gewährleistet. Das zweite Heim, das viel besser war, hat das nicht versprochen. Ich finde es mittlererweile auch nicht nötig. Viel wichtiger ist ein guter emotionaler Zugang zu den Bewohnern. Eine examinierte Kraft pro Schicht genügt, wenn die anderen entsprechend gut aus- und fortgebildet werden, dann kann man auch gut mit Pflegehelferinnen, Pflegeassistenten arbeiten. Wichtiger wäre mir heute auch, zu erfragen, wie hoch der Anteil an Leiharbeitskräften / Aushilfen ist. Das sollte kein Dauerzustand sein, sondern wirklich nur in Notfällen (Ferienzeit und unerwartete Aufsälle durch Krankheit).
– Kommen Mitarbeiter von außen für bestimmte Aktivitäten (welche?) wie Musiktherapie, Beschäftigungstherapie, Pfarrer für Gottesdienste, Therapiehund sowie Ehrenamtliche, die einen Cafenachmittag o.ä. gestalten; auch Kindergartengruppen, die zum monatlichen Besuch kommen, sind eine schöne Sache usw. Diese zusätzlichen Personen bringen einerseits neue Anregungen, aber im Krankheits- oder Urlaubsfall fallen diese Aktivitäten dann aus. Oder gibt es Vertretung?
– Wie wird die ärztliche Versorgung abgedeckt (von Hausarztprinzip für die einzelnen Bewohner bis zur rund-um-die-Uhr-Präsenz eines Arztes ist alles denkbar).
Ganz wichtig: Welche Fachärzte kommen ins Heim? Es ist ganz schwierig, Fachärzte zu finden, die ins Heim kommen. Von daher ist es ein Qualitätskriterieum, wenn ein Heim es fertig bringt, daß unterschiedliche Fachärzte kommen, wie Neurologe, Orthopäde oder Facharzt für Schmerztherapie … (Mit welchen Ärzten welcher Fachrichtungen arbeiten Sie zusammen und wer von diesen kommt ins Heim. „Zusammenarbeiten“ heißt oft, daß die Bewohner dorthin transportiert werden, deshalb fragen: Welche Fachärzte welcher Fachrichtungen kommen ins Heim?)

Wie ist das Heim ins Gemeinwesen eingebunden?
– gibt es Restaurants oder Cafes in der Nähe?
– gibt es kommunale Veranstaltung, wo die Kommune sich aktiv um Beteiligung und Einbindung des Heimes bemüht (Stadtteilfest, Weihnachtsmarkt, Sommerfest des Heimes, Hortgruppe besucht monatlich eine Bewohnergruppe)
– Kommen Ehrenamtliche, die wöchentlich oder 14tägig etwas anbieten? (Gartengruppe, Kaffeenachmittag, Hundebesuch, Kaninchenbesuch, Volkslieder auf Akkordeon vorspielen …)

 

Bewohner:

– Sind die Bewohner gepflegt oder vernachlässigt (Rasieren bei Männern und die Fingernägel sind ein guter Anhaltspunkt)
– Was strahlen die Bewohner aus ? unabhängig davon dass es eine individuelle Tagesform gibt.
– Werden die Bewohner mit Nachnamen angesprochen oder als Mutti, Oma, Mausi tituliert.
Ansprechen mit Vornamen ist in Ordnung, wenn die Bewohner das ausdrücklich mögen. Meine Mutter wurde von manchen Mitarbeitenden mit ihrem Vornamen angesprochen und anderen mit ihrem Nachnamen.
– Werden die Bewohner gefragt, ob ihr Zimmer gezeigt werden darf oder nicht. (Frau Müller, das ist Herr Meier. Er überlegt, ob seine Mutter hier einziehen wird. Darf er sich Ihr Zimmer ansehen?)

Wenn Bewohner sich noch sprachlich ausdrücken können, dann fragen Sie selber und nutzen das als Gelegenheit, um ohne Personal mit einem Bewohner ins Gespräch zu kommen (Herr Müller, ich überlege gerade mit meiner Mutter, ob sie hier einzieht. Darf ich Ihr Zimmer anschauen? Würden Sie mir bitte Ihr Zimmer zeigen?)

 

Konzept:

– wie wird der Tagesablauf gestaltet?
– Welche Aktivitäten (tagesstrukturierende Betreuung) gibt es? (Singen, Musik, Spaziergänge ?)
– Gibt es Biografiearbeit? In welchen Formen? Das kann vom Betrachten von Fotoalben bis zu einem Erinnerungszimmer gehen.
– Werden Alltagsfähigkeiten eingeübt (Waschen, Anziehen, Toilettengang)
– Wie werden die Angehörigen einbezogen?
– Wird nach der Biografie der Kranken gefragt und wie wird sie in den Alltag einbezogen.
Im 2. Heim füllte ich Frageboten mit 120 Fragen aus. Das schlug sich dann wirklich im Umgang mit meiner Mutter nieder.
– Passt mein Angehöriger in die Gruppe und woran wird das festgemacht?
Wenn jemand noch gut kommunikationsfähig ist und auch gern spricht, dann ist eine Gruppe, in der alle anderen Bewohner nicht mehr sprechen, eher ungüstig.
– Können die Angehörigen jederzeit die Pflegedokumentation einsehen?
– In kirchlichen Häusern: Wird der sonntägliche Gottesdienst in alle Zimmer übertragen oder gibt es Rückzugsmöglichkeiten wenn man nicht interessiert ist. (Im ersten Heim meiner Mutter unter freier Trägerschaft kommt einmal wöchentlich am Dienstag der Pfarrer und macht ein Angebot in einem Gemeinschaftsraum, was meine Mutter nie interessierte. Im zweiten Heim – auch freie Trägerschaft – gab es einmal monatlich in einem Kirchenraum einen Gottesdienst für Demenzkranke. Meine Mutter, die ihr ganzes Leben mit Religion nichts am Hut hatte, ging regelmäßig hin und entwickelte eine gute Beziehung zum Pfarrer, der sie bis zum Tod begleitet hat).
– Sind die Kosten und Leistungen transparent (in WGs: Miete, Pflege, Wirtschaftsgeld, wer entscheidet ?ber Neuanschaffungen?)
– gibt es einen Heimbeirat (ist vorgeschrieben)?
– Welche Regelungen greifen, wenn der Bewohner / die Bewohnerin länger im Krankenhaus ist? Es gibt Heime, da müssen dann noch drei Tage bezahlt werden und andere, die für die ganze Zeit der Abwesenheit auf Bezahlung von 75 % der Kosten bestehen.

Nach dem Besuch:

– Mit wem konnte ich sprechen?
– Hat man sich für meine Anliegen Zeit genommen?
– Wie sind meine Fragen beantwortet worden? (offen oder wurde ausgewichen)

Eine Regel, die mir eine Beraterin der Alzheimerangehörigen-Initiative sagte und die ich sehr einleuchtend finde: Die Bedingungen im Heim sollten möglichst nah an den Bedingungen sein, unter denen der Demente vorher gelebt hat. Meine Mutter legte beispielsweise großen Wert auf ein eigenes Bad für sich alleine. Oft wird gesagt, es sei besser, wenn die Bewohner zu zweit im Zimmer sind, weil das mehr Anregungen für sie bringt. Das bringt dem Heim mehr Geld, und meiner Mutter hat das im ersten Heim nicht gefallen.