Wie finde ich ein gutes Pflegeheim?

Auf dem alten Alzheimer-Weblog habe ich vor ein paar Jahren einige Überlegungen niedergeschrieben, die mir bei der Suche nach einem Heimplatz für meine Mutter wichtig waren. Damals hatte ich meine erste Suche hinter mir und meine zweite Suche vor mir, denn meiner Mutter gefiel es im ersten Heim nicht, in dem sie 1 1/2 Jahre lebte. Sie zog dann in ein anderes Heim, in dem sie bis zu ihrem Tod lebte. Vor einigen Wochen kam nun ein Bekannter in die Situation, für seine Mutter einen Heimplatz zu benötigen. Deshalb stelle ich den Artikel von damals noch mal ein mit einigen Ergänzungen aus meiner heutigen Perspektive. Diese Ergänzungen erscheinen dann kursiv.

Wer sich in Berlin auf die Heim- oder WG-Suche für einen Angehörigen begibt, bekommt von Beratungsstellen oder anderen Einrichtungen diverse Listen mit Kriterien, auf die man achten soll. Ich habe mir selber mit Hilfe dieser Vorgaben und ersten eigenen Erfahrungen einen Fragebogen zusammengestellt. Den habe ich dann ausgedruckt und mitgenommen. Es ist wichtig für jede Einrichtung einen eigenen Bogen zu verwenden. Wenn man mehrere Besichtigungen hinter sich gebracht hat, weiß man sonst nicht mehr, ob der Therapiehund in Heim A oder in Wohngemeinschaft B kommt.

Mein Limit an einem Tag waren zwei Einrichtungen – trotz Tag der offenen Tür in sieben Heimen. Nach zwei Besichtigungen hat man so viele Eindrücke, dass man die erst einmal verdauen muss und Zeit braucht bis sich das alles setzen kann.

Hier nun zur Anregungen meine Liste.

Äußerliches:

– Wie ist die Atmosphäre beim Betreten des Hauses? (hell, großzügig, dunkel, muffig, steril, gepflegt, verschlampt, heruntergekommen)
– Werde ich zu Besuchen gern in dieses Haus kommen?
– Wie ist die Ausstattung der Zimmer?
– Was kann mitgebracht werden (Mobiliar, Erinnerungsstücke, Haustier)
Gibt es Tiere im Heim? In den verschiedenen Wohngruppen des Heims meiner Mutter gab es Katzen, Kaninchen und Vögel. Außerdem kamen mehrere Therapiehundeteams wöchentlich zu Besuch
– Sind die Räume mit Namen bzw. Symbolen gekennzeichnet? (Foto von Frau Müller und ihrer Katze)
– Wie ist der Wohnbereich strukturiert? (gemütliche Ecken mit anregenden Materialien z.B. Spiele, Tastmaterialien, jahreszeitlicher Schmuck ?)
– Wie sind die funktionalen Bereiche gestaltet (Küchenzeile, sanitäre Einrichtungen, gibt es Handläufe und Haltegriffe?)
– Sind die Räume anregend in ihrer Gestaltung?
– Von wem und wo werden Mahlzeiten zubereitet?
– Wo wird die Wäsche gewaschen (außerhalb des Heimes / der Wohngemeinschaft bringt höheren Verschleiß mit sich ? ist Übrigens Dauerthema in Angehörigengruppen von Heimbewohnern).
Diesen Punkt sehe ich inzwischen völlig anders. In den Ratgebern läuft es meist auf die Gleichung raus: Wäscherei im Heim ist gut – Waschen außerhalb ist schlecht. Im ersten Heim meiner Mutter wurde innerhalb des Heims gewaschen. 80 % ihrer Garderobe waren nach einem Jahr „verschwunden“. Im zweiten heim wurde außerhalb gewaschen – und zwar in einer Werkstatt für geistig Behinderte. In den mehreren Jahren ihres Aufenthalts, ist kein einziges Kleidungsstück verloren gegangen. Der entscheidende Punkt ist nämlich, wie die Wäsche gekennzeichnet ist. Heim 1 verlangte als erste Amtshandlung 80 Euro für das Einnähen von Namenszeichen aus Stoff. Die konnte man schnipp schnapp mit zwei Schnitten aus der Kleidung heraustrennen. Im Heim 2 wurde die Wäsche so gekennzeichnet, daß die Namenszeichen mit einem speziellen Verfahren eingebrannt wurden – und nichts kam weg. Dafür wurde einmalig eine Gebühr von 20 Euro erhoben.
– Gibt es Balkon, Garten, Tiere?
Je mehr umso besser: Tiere die im Alltag mitleben und Tiere, die zu Besuch kommen – sei es der Therapiehund oder Kaninchenbesuch. Auch Besuche auf einem nahegelegenen Kinderbauernhof sind eine Möglichkeit zum Kontakt mit Tieren.
Wenn die Räume oder Gänge dämmrig, verwinkelt oder mit viel Schatten sind, sind sie für Demente / Alzheimer-Kranke ungeeignet, denn die entwickeln früher oder später Ängste vor dem eigenen Schatten.

Personal:

– wie viele Mitarbeiter arbeiten in der Gruppe / auf der Station? (fest Angestellte und Aushilfen)
Welchen Berufsgruppen gehören die Mitarbeitenden im Gruppendienst an? Ideal ist eine Kombination aus unterschiedlichen Erfahrungsfeldern: Pflegekräfte, Hauswirtschaftskräfte und Heilpädagoginnen.
Außerdem nachfragen, welche Mitarbeiter es gruppenübergreifend gibt (Heimleitung, Sozialarbeiter, Musiktheraput, Physiotherapie / Krankengymnastik / Alltagsbegleiterinnen/ Bundesfreiwilligendienst …)
– Welche Ausbildung(en) haben sie? Haben alle die 120 Stunden Ausbildung zu Demenz?
Wichtig ist auch, welche Fortbildungen angeboten und wahrgenommen werden. Sehr zentral war für mich, da meine Mutter schwer traumatisiert war, daß es für die Mitarbeiterinnen in der Wohngruppe regelmäßig Supervision gibt und die auch wahrgenommen wird (wird hier im Haus Supervision angeboten, in welcher Häufigkeit und wer nimmt daran teil).
– Wie hoch ist der Anteil der Examinierten? (Im Heimbereich sind 50 % vorgeschrieben)
Manche Heime sagen, bei ihnen gäbe es tagsüber immer zwei Examinierte. Damit werden immer wieder auch höhere Preise gerechtfertigt. Im ersten Heim meiner Mutter wurde das nicht gewährleistet. Das zweite Heim, das viel besser war, hat das nicht versprochen. Ich finde es mittlererweile auch nicht nötig. Viel wichtiger ist ein guter emotionaler Zugang zu den Bewohnern. Eine examinierte Kraft pro Schicht genügt, wenn die anderen entsprechend gut aus- und fortgebildet werden, dann kann man auch gut mit Pflegehelferinnen, Pflegeassistenten arbeiten. Wichtiger wäre mir heute auch, zu erfragen, wie hoch der Anteil an Leiharbeitskräften / Aushilfen ist. Das sollte kein Dauerzustand sein, sondern wirklich nur in Notfällen (Ferienzeit und unerwartete Aufsälle durch Krankheit).
– Kommen Mitarbeiter von außen für bestimmte Aktivitäten (welche?) wie Musiktherapie, Beschäftigungstherapie, Pfarrer für Gottesdienste, Therapiehund sowie Ehrenamtliche, die einen Cafenachmittag o.ä. gestalten; auch Kindergartengruppen, die zum monatlichen Besuch kommen, sind eine schöne Sache usw. Diese zusätzlichen Personen bringen einerseits neue Anregungen, aber im Krankheits- oder Urlaubsfall fallen diese Aktivitäten dann aus. Oder gibt es Vertretung?
– Wie wird die ärztliche Versorgung abgedeckt (von Hausarztprinzip für die einzelnen Bewohner bis zur rund-um-die-Uhr-Präsenz eines Arztes ist alles denkbar).
Ganz wichtig: Welche Fachärzte kommen ins Heim? Es ist ganz schwierig, Fachärzte zu finden, die ins Heim kommen. Von daher ist es ein Qualitätskriterieum, wenn ein Heim es fertig bringt, daß unterschiedliche Fachärzte kommen, wie Neurologe, Orthopäde oder Facharzt für Schmerztherapie … (Mit welchen Ärzten welcher Fachrichtungen arbeiten Sie zusammen und wer von diesen kommt ins Heim. „Zusammenarbeiten“ heißt oft, daß die Bewohner dorthin transportiert werden, deshalb fragen: Welche Fachärzte welcher Fachrichtungen kommen ins Heim?)

Wie ist das Heim ins Gemeinwesen eingebunden?
– gibt es Restaurants oder Cafes in der Nähe?
– gibt es kommunale Veranstaltung, wo die Kommune sich aktiv um Beteiligung und Einbindung des Heimes bemüht (Stadtteilfest, Weihnachtsmarkt, Sommerfest des Heimes, Hortgruppe besucht monatlich eine Bewohnergruppe)
– Kommen Ehrenamtliche, die wöchentlich oder 14tägig etwas anbieten? (Gartengruppe, Kaffeenachmittag, Hundebesuch, Kaninchenbesuch, Volkslieder auf Akkordeon vorspielen …)

 

Bewohner:

– Sind die Bewohner gepflegt oder vernachlässigt (Rasieren bei Männern und die Fingernägel sind ein guter Anhaltspunkt)
– Was strahlen die Bewohner aus ? unabhängig davon dass es eine individuelle Tagesform gibt.
– Werden die Bewohner mit Nachnamen angesprochen oder als Mutti, Oma, Mausi tituliert.
Ansprechen mit Vornamen ist in Ordnung, wenn die Bewohner das ausdrücklich mögen. Meine Mutter wurde von manchen Mitarbeitenden mit ihrem Vornamen angesprochen und anderen mit ihrem Nachnamen.
– Werden die Bewohner gefragt, ob ihr Zimmer gezeigt werden darf oder nicht. (Frau Müller, das ist Herr Meier. Er überlegt, ob seine Mutter hier einziehen wird. Darf er sich Ihr Zimmer ansehen?)

Wenn Bewohner sich noch sprachlich ausdrücken können, dann fragen Sie selber und nutzen das als Gelegenheit, um ohne Personal mit einem Bewohner ins Gespräch zu kommen (Herr Müller, ich überlege gerade mit meiner Mutter, ob sie hier einzieht. Darf ich Ihr Zimmer anschauen? Würden Sie mir bitte Ihr Zimmer zeigen?)

 

Konzept:

– wie wird der Tagesablauf gestaltet?
– Welche Aktivitäten (tagesstrukturierende Betreuung) gibt es? (Singen, Musik, Spaziergänge ?)
– Gibt es Biografiearbeit? In welchen Formen? Das kann vom Betrachten von Fotoalben bis zu einem Erinnerungszimmer gehen.
– Werden Alltagsfähigkeiten eingeübt (Waschen, Anziehen, Toilettengang)
– Wie werden die Angehörigen einbezogen?
– Wird nach der Biografie der Kranken gefragt und wie wird sie in den Alltag einbezogen.
Im 2. Heim füllte ich Frageboten mit 120 Fragen aus. Das schlug sich dann wirklich im Umgang mit meiner Mutter nieder.
– Passt mein Angehöriger in die Gruppe und woran wird das festgemacht?
Wenn jemand noch gut kommunikationsfähig ist und auch gern spricht, dann ist eine Gruppe, in der alle anderen Bewohner nicht mehr sprechen, eher ungüstig.
– Können die Angehörigen jederzeit die Pflegedokumentation einsehen?
– In kirchlichen Häusern: Wird der sonntägliche Gottesdienst in alle Zimmer übertragen oder gibt es Rückzugsmöglichkeiten wenn man nicht interessiert ist. (Im ersten Heim meiner Mutter unter freier Trägerschaft kommt einmal wöchentlich am Dienstag der Pfarrer und macht ein Angebot in einem Gemeinschaftsraum, was meine Mutter nie interessierte. Im zweiten Heim – auch freie Trägerschaft – gab es einmal monatlich in einem Kirchenraum einen Gottesdienst für Demenzkranke. Meine Mutter, die ihr ganzes Leben mit Religion nichts am Hut hatte, ging regelmäßig hin und entwickelte eine gute Beziehung zum Pfarrer, der sie bis zum Tod begleitet hat).
– Sind die Kosten und Leistungen transparent (in WGs: Miete, Pflege, Wirtschaftsgeld, wer entscheidet ?ber Neuanschaffungen?)
– gibt es einen Heimbeirat (ist vorgeschrieben)?
– Welche Regelungen greifen, wenn der Bewohner / die Bewohnerin länger im Krankenhaus ist? Es gibt Heime, da müssen dann noch drei Tage bezahlt werden und andere, die für die ganze Zeit der Abwesenheit auf Bezahlung von 75 % der Kosten bestehen.

Nach dem Besuch:

– Mit wem konnte ich sprechen?
– Hat man sich für meine Anliegen Zeit genommen?
– Wie sind meine Fragen beantwortet worden? (offen oder wurde ausgewichen)

Eine Regel, die mir eine Beraterin der Alzheimerangehörigen-Initiative sagte und die ich sehr einleuchtend finde: Die Bedingungen im Heim sollten möglichst nah an den Bedingungen sein, unter denen der Demente vorher gelebt hat. Meine Mutter legte beispielsweise großen Wert auf ein eigenes Bad für sich alleine. Oft wird gesagt, es sei besser, wenn die Bewohner zu zweit im Zimmer sind, weil das mehr Anregungen für sie bringt. Das bringt dem Heim mehr Geld, und meiner Mutter hat das im ersten Heim nicht gefallen.

Ilses weite Welt – Filme für Demenzkranke

Relativ lang habe ich mit Mama Tier- und Naturfilme angeschaut, obwohl sie sich vor ihrer Demenz für diese Themen nicht interessiert hat, aber hier war Erinnerung, hier war ein Wiedererkennen. Sie fand sich in diesen langsamen Filmen mit wenigen Schnitten gut zurecht. Auch die emotionale Seite wurde angesprochen. Wir hatten ein gemeinsames Interesse und einen Gesprächsinhalt. Daran mußte ich denken als ich von „Ilses weite Welt“ las.

Website: Ilses weite Welt

Sophie Rosentreter hat ihre demenzkranke Großmutter Ilse Bischoff neun Jahre lang begleitet. Das brachte sie auf die Idee, Filme für Demenzkranke zu machen. Als Medienfachfrau entwickelte sie mit Experten aus der Pflegepraxis ihr Konzept. Der Film „ein Tag im Tierpark“ zeigt Alltagsszenen und weckt Erinnerungen. Außerdem gibt es noch „Hunde – unsere treuen Freunde“ und „Musik zum gemeinsamen Singen“. Es gibt noch zusätzliche Begleitmaterialien (Bücher und Fotokarten). Auch zu anderen Themen gibt es eine Art Baukastensystem. Ich kenne die Materialien nicht aus eigener Anschauung, finde den Ansatz aber so überzeugend, daß ich hier davon erzählen wollte. Ein Bild kann sich jede/r selber auf der genannten Homepage machen.

Verständniskarten für Menschen mit beginnender Demenz

Verständniskärtchen für Angehörige gibt es schon länger von verschiedenen Alzheimer-Angehörigen-Initiativen.

Nun bietet die Alzheimer-Gesellschaft Baden-Württemberg auch Verständniskarten für Menschen mit beginnender Demenz an.:

Verständniskarte

Menschen mit einer Demenz, die noch nicht weit fortgeschritten ist, sind überall in der Öffentlichkeit anzutreffen – beim Einkauf auf dem Markt, am Fahrkartenschalter, in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Supermarkt, am Taxistand, im Konzert usw.

Mit vielem kommen die Menschen trotz ihrer Einschränkungen noch sehr gut zurecht – bei anderen Gelegenheiten stoßen sie an Grenzen oder auf Unverständnis, vor allem wenn nicht alles so einfach und schnell klappen will wie bei Anderen. Niemand kann und möchte in solchen Situationen lange Erklärungen abgeben. Niemand möchte sich gern peinlichen Momenten aussetzen. Aber oftmals wäre durch einen kleinen Hinweis geholfen oder die Situation erklärt: Sinn und Zweck der Kärtchen ist es, dass Menschen mit einer Demenz in der Frühphase leicht(er) und ohne Erklärungsnöte auf ihre Situation hinweisen und Verständnis und Hilfe erhalten können.

Weitere Infos sowie Bestellmöglichkeiten gibt es hier.

Care Packet: Nockerlgrieß

Mama liebt Grießnockerlsuppe. Und es gibt lebensmitteltechnisch fast nichts, was es in Berlin nicht gibt: Leberknödelsuppe und Leberspätzlesuppe gibt es in der Dose bei Karstadt ebenso wie Weihenstephaner Milchprodukte. Ein Weddinger Metzger in der Müllerstraße zwischen italienischem Eisstand, türkischer Bäckerei, libanesischem Gemüsehändler, vietnamesischem Imbiß und deutschem Sonnenstudio stellt immer freitags und samstags frische Weißwürste in Biolandqualität her und fragt dann auch noch, ob man süßen Senf und Breze dazu haben möchte. Doch im Hinblick auf Nockerlgrieß ist Berlin kulinarische Wüste. Versuche mit allen möglichen anderen Grießsorten schlugen fehl führten zu unbefriedigenden Resultaten. Mama konnte nicht verstehen, warum ich nicht einfach im nächsten Supermarkt Nockerlgrieß kaufe. Ich kontaktierte die Herstellerfirma. Die bedauerte, denn sie dürfe nur an Wiederverkäufer liefern. Einen Nockerlgrießhandel wollte ich aber nicht betreiben. Glücklicherweise war eine Freundin aus Studienzeiten bereit, für regelmässigen Nockerlgrießnachschub zu sorgen. Heute ist wieder eines dieser Care-Packete angekommen.

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Der Nockerlgrießbedarf ist bis 2011 gesichert.

Neulich in der Alzheimer-Angehörigengruppe

Her Huber, der natürlich im realen Leben nicht Herr Huber heißt, sondern ganz anders, weil alle hier im Weblog neue Namen bekommen – außer Günter, der hat sich dagegen verwahrt – also Herr Huber besucht die gleiche Angehörigengruppe wie ich.

Seine Frau ist im Heim, seit einem Jahr. Jahrelang hat er sie zuhause gepflegt, bis es nicht mehr ging, bis zum Zusammenbruch. Er konnte sie nicht mehr heben, und es sind zwei Leute erforderlich, um seine Frau zu drehen, zu waschen und was sonst noch so anfällt. Das war irgendwann selbst mit einem Pflegedienst, der zur Unterstützung ins Haus kam, nicht mehr zu machen.

Herr Huber hat ein offenes Gesicht und einen sehr trockenen Humor. Er besucht seine Frau, die nicht mehr sprechen kann, jeden Tag drei Stunden. „Danach bin ich immer völlig erschöpft“ erzählt er. „Da muß ich mich erst einmal erholen“. Einmal in der Woche nimmt er sein Instrument ins Heim mit, und dann singt er mit der Gruppe, in der seine Frau ist Volkslieder. Es ist ganz gemischt in diesem Haus und auf der Station, auf der seine Frau liegt. Es ist keine reine „Dementeneinrichtung“.

Ich habe ihn spontan auf Anfang bis Mitte 70 geschätzt. Als er neulich eine Bemerkung machte, seine Frau und er seien seit fast 65 Jahren verheiratet, meinte ich ganz perplex: „Ja, dann müssen sie mindestens Mitte 80 sein.“ „Ja, meinte er, wir haben sehr jung geheiratet. Wir waren 21“ sagte er mit versonnenem in die Ferne gerichteten Blick – und er schob nach: „Wissen Sie, wir sind gleichaltrig“.

„Das ganze Leben habe ich gearbeitet, fast 40 Jahre Rente eingezahlt. Durch den Krieg, wissen Sie, sonst wären es noch mehr Beitragsjahre gewesen. Aber das wird ja angerechnet.“ Einen guten Lebensstandard habe er seiner Familie bieten können. Angestellter im technischen Dienst „in gehobener Position“ sei er gewesen.

Und jetzt, erzählt er uns in der Angehörigengruppe – „und jetzt habe ich noch 420 Euro im Monat, wenn die Miete weg ist. 420 Euro für alles: Das Essen, die Medikamente, Versicherungen, was halt so anfällt. Das Auto haben sie mir nur gelassen, weil ich gehbehindert bin, die vom Amt, von wo aus das Heim für meine Frau bezahlt wird“ (das mehr als 4000 Euro im Monat kostet, wobei dann tagsüber zwei Pflegepersonen für 32 Menschen zuständig sind). Den Garten – gemeint ist der bei Berlinern so beliebte „Schrebergarten“ oder „die Laube“ habe er ja schon lange vorher aufgeben müssen.

„Letzten Monat war ick dreimal zum Jeburtstach einjeladen“ berlinert er. „Ick bin ja froh drüwer, dat ick wieda einjeladn werde. De Jrankheit isoliert een ja. Det wissen Se ja ooch alle.

Zustimmendes Nicken geht durch die Runde.

„ Aber ick konnte nich hinjehn. Also nich zu de dreie, nur zu eenem. N’ kleen Blumenstrauß und n’ kleenes Jeschenk, da musste mit 20 Euro rechnen. Man möchte ja nich so janz ohne wat in de Hände kommen. Aber det kann ick ma nich leistn. Man schämt sich ja soo. Det kann ick Ihnen jar nich sagen, wie man sich schämt. Det hätt ick mer nie jedacht, dat ick oof meene altn Taje so dastehe. Det janze Leben jearwetet, und nu stehste mit 420 Euro da.“

(Ich bin ja froh darüber, dass ich wieder eingeladen werde. Die Krankheit isoliert einen ja. Das wissen Sie ja auch alle. Aber ich konnte nicht hingehen. Also nicht zu allen drei Geburtstagen, nur zu einem. Einen kleinen Blumenstrauß und ein kleines Geschenk, da musst Du mit 20 Euro rechnen. Man möchte ja nicht so ganz ohne was in den Händen kommen. Das kann ich mir nicht leisten. Man schämt sich ja so. Das kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie man sich schämt. Das hätte ich mir nie gedacht, dass ich auf meine alte n Tage so dastehe. Das ganze Leben gearbeitet, und nun stehst Du mit 420 Euro im Monat da.)

Und man hört förmlich, wie alle die, die ihre Angehörigen noch zu Hause pflegen, denken: „Hoffentlich kommt es bei mir nicht so weit. Hoffentlich nicht. Nur das nicht.“ Und doch weiß jede – es sind heute lauter Frauen da, die zuhause pflegen – dass es ein Wettlauf gegen die Zeit ist, dass irgendwann der Moment kommen wird, wo es nicht mehr gehen wird. Denn an Alzheimer allein stirbt keiner. Mit Alzheimer kann man uralt werden. Und einige benennen ihre persönlichen Grenzen. Zaghaft sagt eine: „Wenn er nicht mehr nur einpullert (einnässt), sondern wenn es dann auch groß ist, was er in der Hose hat. Ihn dann sauberzumachen, das schaffe ich nicht“.

Und die beiden anwesenden Männer, die jahrelang ihre Frauen zuhause gepflegt haben, blicken sich an und Herr Huber sagt unter zustimmenden Nicken seines Sitznachbarn: „Das dachte ich auch, dass ich das nicht schaffe. Aber man schafft viel mehr als man jemals dachte, dass geht. Es muß ja gehen. Sonst bleibt nur noch das Heim“.

Frau Bernhard, eine liebe einfache Frau, die an diesem Nachmittag als erste in der Runde erzählt hatte, dass sie es wohl nicht mehr lange mit der Pflege zuhause schaffen wird – sie muß auch zwischen 75 und 80 sein und hat zwei Herzinfarkte hinter sich – Frau Bernhard meint: „Irgendwie muß es ja weitergehen“. Sie schaut in die Runde und hofft auf Bestätigung. „Irgendwie muß es doch …“ wiederholt sie und ihre Stimme bricht ab.

Die drei Wochen „Verhinderungspflege“, die von der Krankenkasse für ihren Mann bezahlt wird, hat sie dieses Jahr schon ausgeschöpft für ihren letzten Krankenhausaufenthalt. Da war dann ihr Mann stationär in einem Heim untergebracht, und sie hat sich auf eigene Verantwortung vorzeitig entlassen lassen um ihn wieder nach Hause zu holen. Jetzt ist erst Anfang Juli. Kränker darf sie nicht werden. Urlaub ist auch nicht drin. Der ist bei den drei Wochen, die ihr an „Verhinderung“ zugestanden werden, schon mitgerechnet. Frau Bernhard weiß das und wir alle in der Runde wissen es.

Sie versucht einen entschlossenen Gesichtsausdruck zu machen. Ihr Gesicht fällt in sich zusammen und sie beginnt zu weinen. Sie schaut zur Gruppenleiterin und fragt mit gepresster Stimme: „Aber wenn es dann soweit ist, wenn es dann gar nicht mehr geht, helfen Sie mir dann, dass ich einen Platz finde, wo es mein Mann gut hat. Ich kenne mich doch mit so was gar nicht aus. Jetzt geht es ja noch“.

Nur Schlaglichter aus zwei Stunden Gruppentreffen, das für die meisten Pflegenden die einzige Möglichkeit innerhalb von zwei Wochen ist, mehr zu sprechen als das, was man beim Einkaufen so sagt. Und dabei habe ich noch gar nicht von Frau Althauser erzählt, die traurig ist, weil sie nach dreißig Jahren letzte Woche ihr Konzertabonnement gekündigt hat und von der blinden Frau Gabler, die ihre demente, oft weglaufende Schwester pflegt.