Religion, Spiritualität, Weltanschauung bei Demenz

In den letzten Tagen – also in Zeiten von Corona – kamen auffällig Suchanfragen zum Thema Religion, Weltanschauung, Spiritualität oder „religiöse Unterstützung bei Alzheimer“. Die Blogbeiträge, die ich dazu verfaßt habe, sind hier zu finden.

„Getröstet und geborgen“ heißt eine Bibelausgabe für Demenzkranke. Die Rezension dazu ist hier.

Einen Gottesdienst für Demenzkranke wie er für die BewohnerINNEN des Pflegeheims, in dem meine Mutter gelebt hat, stattfand zum Thema „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ beschreibe ich   hier

 

Ohne Glauben – Spiritualität demenzerkrankter Menschen

… heißt ein Artikel auf der theologischen Internetplattform feinschwarznez:

Wie in einem Brennglas konzentriert das Thema Alzheimer die Ängste der Menschen. Demenz ist der verdrängte Schatten der Neuzeit, 1 ist der Theologe und Gerontopsychologe Stephan M. Abt überzeugt.

Demenz bedeutet den Verlust von Vernunft, Kontrolle und Autonomie, und das bei vollem Bewusstsein. Gerade aber über seine Rationalität definiert sich der souveräne Mensch der Neuzeit. Droht uns vor dem Sterben neben dem sozialen Tod durch Vereinsamung und Verarmung im Alter nun auch noch der rationale Tod durch Alzheimer?

Zum vollständigen Artikel geht es hier.

 

Argumentarium: Gutes Leben mit Demenz

Das Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie in Wien  hat ein Argumentarium zum Thema „Gutes Leben mit Demenz“ veröffentlicht. Die Herausgeber schreiben:

Jedes Argumentarium greift ein ethisches Thema auf, das gerade in der gesellschaftlichen Debatte virulent ist. Über die aktuelle Debatte hinaus leuchtet das Argumentarium Hintergründe aus, indem es fragt: • „Worum geht es?“ und die ethischen Grundsatzfragen und -probleme herausarbeitet. • „Wer sagt was?“ und unterschiedliche ethische Positionen und Argumentationen darstellt. • „Was sagen die evangelischen Kirchen?“ und Antworten aus der Perspektive evangelischer theologischer Ethik vorstellt. Mit dem Argumentarium will das IöThE einen Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten leisten und die Leser und Leserinnen in ihrer persönlichen ethischen Urteilsbildung unterstützen.

Die Hauptthemen des 12seitigen Heftes sind:

  • Immer noch Ich
  • Personsein in Beziehung
  • Evangelische Position(en)
  • ethische Konflikte

Das Heft kann hier heruntergeladen werden (pdf).

November: Totengedenken

Giannina vom Klanggebet-Blog hat ein Gedicht gepostet. Auch ihre Überlegungen dazu sind lesenswert.

An die Verstorbenen

Lebenslandschaft (Kunsttherapie)

Lebenslandschaft (Kunsttherapie)

Was ich versäumte zu sagen, das sag ich Dir nun
Und was ich versäumte an Taten, das will ich jetzt tun
Und was ich versäumte zu lassen, das lasse ich zieh’n
Und so ich versäumte zu sehen, seh’ ich nun hin
Und wenn ich vergaß Dich zu halten, so halt’ ich Dich jetzt
und bat ich Dich nicht um Vergebung, da ich Dich verletzt
so bitt’ ich Dich heute, und halte Dir hin
all dies Versäumte, und das was ich bin.
Schwer ist mir das Herz, das dankbar erkennt:
Nie liebte ich Dich mehr als in diesem Moment.

(giannina wedde, klanggebet.wordpress.com)

(Das Bild ist im Rahmen des künstlerischen Arbeitens mit dementiell veränderten Menschen im Heim, in dem meine Mutter zuletzt gelebt hat, entstanden. Es ist eine dreidimensionale Stoffcollage, die dann besprüht worden ist.)

Bibel und Demenz: Wie Weintrauben den Glauben stärken

Screenshot

Screenshot

Zum Weltalzheimertag hat evangelisch.de ein Interview mit Uli Zeller geführt. Er ist Krankenpfleger und Seelsorger und sucht nach Wegen, wie Glaube erfahrbar werden kann für Menschen mit Demenz.

Über seine Erfahrungen erzählt er hier. Über Gottesdienste für Demenzkranke habe ich in diesem Weblog immer wieder berichtet. Im Interview geht es auch um Bibelgruppen mit dementiell veränderten Menschen.

Ein weiterer interessanter Ansatz für die Arbeit mit dementiell veränderten Menschen, der im Artikel nicht vorkommt, ist Bibliolog.

Bibel CoverEs gibt auch eine Bibel für Menschen mit Demenz. „Getröstet und geborgen“ heißt sie. Eine Rezension habe ich hier hier geschrieben.

Post von der Kirche (2)

Berliner Brief, evangelische Kirche, Berlin, Brandenburg, Generalsuperintendentin, Ulrike Trautwein, Auch im Jahr 2012 gibt es von der evangelischen Kirche einen Brief, dieses Mal von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, deren Vorgänger Ralf Meister (jetzt Bischof der Hannoverschen Landeskirche) es mit dieser Aktion, die unter dem Label „Berliner Brief“ läuft, vor zwei Jahren in die Medien geschafft hat. Der Berliner Brief  2012 von Ulrike Trautwein ist nicht ganz so lang und nicht ganz so banal wie der ihres Vorgängers.

Und wieder heißt es – diesmal etwas allgemeiner formuliert als vor zwei Jahren bei Herrn Meister: „Dank Ihrer Unterstützung wirken wir weit in die Gesellschaft hinein, besuchen Einsame, betreuen Kinder, helfen Obdachlosen. So hinterlassen wir Spuren aus Glaube, Liebe und Hoffnung“.

Und wieder fällt mir nur Folgendes ein: Mir ist immer noch nicht klar – auch zwei Jahre später 2012 nicht, was das soll. Wenn man das ehrenamtlich in der Kirche tätigen Leuten schreibt, dann ist mir das noch einigermaßen verständlich, aber was soll meine dementiell veränderte – inzwischen verstorbene – Mutter damit anfangen?  Abgesehen davon daß es die ganze Zeit ihres Heimaufenthalts nicht möglich war,  jemanden zu finden, der sie in den Sonntagsgottesdienst mitgenommen hätte, den sie gerne besucht hätte. Das Heim war direkt gegenüber von der Kirche. Das wäre ein zusätzlicher Aufwand von 2 mal 10 Minuten gewesen, und zwar für jemand, der sowieso in den Gottesdienst geht.

Die meisten Leute sind in der Kirche ohne groß darüber nachzudenken und nehmen den kirchlichen Service zu bestimmten Lebensereignissen in Anspruch.  Diesen Leuten zu sagen, daß sie „Spuren aus Glaube, Liebe und Hoffnung“ hinterlassen, berührt mich merkwürdig.

700 000 evangelische Christinnen und Christen haben dieses Schreiben bekommen. 533 000 Briefe, die pro Stück 42 Cents kosteten, wurden verschickt. Die Kosten dieser Maßnahme belaufen sich also auf 223 860 Euro. Das seien nur 0,2 % des durchschnittlichen Kirchensteueraufkommens eines Berliner Haushaltes heißt es in der Website zum Projekt.

Und eine allerletzte Frage: Ordne ich das jetzt unter der Kategorie „Spitituelles und Religiöses“ oder unter „Amtsschimmel“ ein?

Zum Weiterlesen:

Berliner Brief 2012
Post von der Kirche (1)

Erinnerungen für die Seele

heißt ein Magazinbeitrag der Sendung „Himmel und Erde“ über Gottesdienste für Demenzkranke. Es werden Schlaglichter aus einem Gottesdienst für Demenzkranke in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche mit anschließendem Kaffeetrinken wie er in dieser Gemeinde zwei Mal im Jahr stattfindet, gezeigt. Ich fand es ganz interessant das zu sehen, aber mir kommt das Ganze zu sehr wie ein Event vor. Es ist auch sehr aufwendig gemacht und nur mit großem personellem Einsatz realisierbar. Gefallen hat mir die Mischung an Leuten, die da waren: dementiell veränderte Menschen, Pflegekräfte, Kinder … In der Charlottenburger Trinitatiskirche wird nach einem ähnlichen Konzept gearbeitet. Die dort verantwortliche Pfarrerin hat während eines Studienurlaubs ihre Gedanken dazu zusammengetragen: Gottesdienste mit demenzkranken Menschen . Mich erschreckt, daß die benötigten Finanzen sich auf 1 600 Euro pro Veranstaltung belaufen.

Pfarrerin gesucht und gefunden

Während ihres Erwachsenenlebens hatte Mama es mit Religion und Kirche nicht so. Evangelisches Kirchenmitglied ist sie geworden, weil mein Stiefvater Druck ausgeübt hat (man muß doch eine gemeinsame Religion haben!) und auch nach der Scheidung geblieben. Ich erinnere mich an den Hausbesuch des evangelischen Pfarrers, der mit dem Kirchenbuch kam, in dem sie sich eintrug. Ansonsten freundliches Gespräch beim Kaffeetrinken. Mama bekam eine Urkunde, daß sie nach entsprechender Unterweisung in die evangelische Kirche aufgenommen worden sei. Als ich diese Urkunde unter ihren Dokumenten fand, hat mich das sehr erheitert. Eine evangelische Kirche hat sie – vor ihrem Heimaufenthalt – nur einmal anläßlich einer Konfirmation von innen gesehen.

Sie hat immer wieder betont, daß sie die Kirchensteuer all die Jahre bezahlt, damit „ich eine anständige Beerdigung mit einem Pfarrer bekomme und nicht würdelos verscharrt werde“. Daß sie auf ihre alten Tage dann doch immer mehr mit Religion anfangen konnte und keinen Gottesdienst ausgelassen hat, war nicht abzusehen. Der evangelische Pfarrer hat sie regelmässig zum Geburtstag besucht und auch in gesundheitlichen Krisen. Das Verhältnis zum Pfarrer gestaltete sich derart positiv, daß Pfarrer und Therapiehund an der Spitze der Top Ten des Heimlebens waren, wenn auch immer mal in wechselnder Reihenfolge. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn dieser Pfarrer nun auch die Beerdigung halten würde, aber der ist leider zu weit weg von dem Friedhof, auf dem sie bestattet wird – nämlich in meinem Wohnviertel. Nun habe ich eine Pfarrerin gefunden, die ich vor ein paar Jahren kennenglernt habe. Ich bin sicher, sie würde Mama gefallen, obwohl es an Mama vorbeigegangen ist, daß es Frauen im Pfarramt gibt. Als der Herr Pfarrer aus Krankheitsgründen nämlich mal von einer Kollegin vertreten wurde, wunderte sich Mama sehr, warum „heute in der evangelischen Kirche eine katholische Schwester Gottesdienst gehalten hat“. Gefallen scheint es ihr trotzdem zu haben, denn zwei Stunden später schwärmte sie, daß der Herr Pfarrer das heute wieder ganz toll gemacht hat. Mama wollte immer eine Feuerbestattung. Erst jetzt merke ich, daß ich das emotional schwierig finde und alle Beerdigungen, die ich bis jetzt erlebt habe, Erdbestattungen waren.

Warum ist es wichtig nach Religionen zu pflegen?

Eigentlich wollte ich nur mal schauen, was es in der letzten Zeit für Suchanfragen gab, die auf dieses Weblog führten. „Warum ist es wichtig nach Religionen zu pflegen?“ wollte jemand wissen. Hm – ich bezweifle erst einmal daß es für die meisten Menschen ein Anliegen ist, „nach Religion“ gepflegt zu werden.

Klar, bestimmte religiöse Zugehörigkeiten bringen bestimmte Erfordernisse mit sich. Orthodoxe Juden benötigen koscheres Essen und eine bestimmte religiöse Infrastruktur und werden deshalb in ein Haus gehen, das diesen Bedürfnissen entgegenkommt. Das muß aber nicht unbedingt ein Heim sein, in dem nur Juden sind. In Frankfurt und in Basel gibt es Häuser, die eine Infrastruktur für orthodoxe Juden gewährleisten und dennoch auch nicht-jüdische Bewohner haben. Auch praktizierende Muslime haben spezielle Bedürfnisse im Hinblick auf Körperpflege oder Nahrungsmittel, die halal sind. In Berlin gibt es bereits ein Heim für diese Gruppe. In dem Heim, in dem meine Mutter zuerst war, wurde eine Etage speziell für Zeugen Jehovas eingerichtet. Eine eigene Infrastruktur für eine religiöse Gruppe ist dann erforderlich, wenn diese Gruppe Bedürfnisse hat, die durch ihre Religionsausübung sehr stark von der Allgemeinheit abweicht.

Für die meisten Menschen dürfte es ausreichen, wenn eine Atmosphäre der Wertschätzung und des Respekts geschaffen wird, in der auch religiöse Themen und Bedürfnisse Platz haben. In Mamas erstem Heim waren die meisten Bewohner ihrer Wohngruppe evangelisch geprägt. Ein Herr war viele Jahre sehr engagiert in seiner Kirchengemeinde gewesen. So gab es in dieser Gruppe ein gemeinsames Abendritual. In einem Gemeinschaftsraum wurde einmal monatlich ein Gottesdienst angeboten, und der Pfarrer machte Geburtstagsbesuche. Abgesehen vom Abendritual war Mama dort an religiösen Angeboten nicht interessiert.

Im jetzigen Heim hat ein Großteil der Bewohner und Mitarbeiter keinen Bezug zu Religion. Die Kirche liegt gegenüber vom Haus. In Teamarbeit zwischen dem evangelischen Gemeindepfarrer, dem Sozialarbeiter und der Heilpädagogin, die für gruppenübergreifende Aktivitäten (Kochgruppe, Nachtcafe, Besuche der Therapiehundeteams etc.) zuständig ist, wurde gemeinsam ein Konzept für monatliche Gottesdienste entwickelt, die in der Kirche stattfinden – und zwar selbst in den Wintermonaten, wenn die Gemeinde sich zum Gottesdienst im Gemeindehaus zusammenfindet. Wie diese Gottesdienste konkret gestaltet werden kann man hier im Blog unter der Kategorie „Spirituelles“ nachlesen und auch hier im alten Blog. Die Grundidee dieser Gottesdienste besteht darin, existentielle Erfahrungen zu thematisieren in einer offenen Form, die Menschen mit unterschiedlichen Vorerfahrungen anspricht.

So wie Religion im Heim kein Thema sein kann, also ausgeblendet wird, so gibt es Einrichtungen, wo genau die andere Tendenz zu finden ist. Nicht weit von mir gibt es ein Haus, das von Diakonissen geführt wird. Die Gesamtatmosphäre und die Angebote haben mir gut gefallen. Kurz bevor ich mich fast für diese Einrichtung entschieden hätte, habe ich jemand kennengelernt, der dort seine Altenpflegeausbildung gemacht hatte und mir erzählte, daß der sonntägliche Gottesdienst in alle Räume übertragen wird – außer auf die Toiletten. Eine solche Zwangsveranstaltung wollte ich für Mama nicht. Und so beträgt mein einfacher Anfahrtsweg zu Mamas Heim eben nicht zwanzig Minuten sondern fast zwei Stunden – bei wetterbedingten oder baubedingten Störungen der S-Bahn auch gerne länger.

Es gibt aber auch Bedürfnislagen jenseits von Religion, die zu speziellen Wohnformen im Alter führen. In Berlin arbeitet der Verein „Village“ an einer Pflegeeinrichtung für schwule und lesbische Senioren. Vor einiger Zeit habe ich darüber einen Fernsehbeitrag gesehen, aus dem deutlich wurde, daß es dabei um die Generation von Schwulen und Lesben geht, die aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen sicher gehen wollen, daß sie auch im Alter und bei Pflegebedürftigkeit offen mit ihrer sexuellen Neigung umgehen und darüber reden können wollen und nicht in die Situation kommen wollen, diese zu verschweigen.

Außerdem weiß ich von einigen jüdischen Überlebenden der Schoah, daß sie nicht in ein rein jüdisches Pflegeheim gehen wollen, aber auch nicht mit Tätern und Mitläufern des Nazisystems ihre letzten Jahre verbringen wollen. Sie bevorzugen in Berlin eine bestimmte evangelische Einrichtung, von der bekannt ist, daß dort sehr genau hingeschaut wird, wer die Nichtjuden sind, die ins Heim aufgenommen werden. Dieses Haus ist aber nicht aufgrund der Bedürfnislage der Juden entstanden, sondern von Christen, die im Widerstand engagiert waren. Die haben nämlich auch keine Lust auf Altnazis oder Mitbewohner, die mit dieser Zeit unreflektiert umgehen.

Wenn jemand Fragen zu diesem Beitrag hat, dann bitte im Kommentarbereich einstellen.

Religion und Spiritualität im Altenheim

Der Altenheimblogger hat ein Posting über seinen neuen Praktikanten verfaßt, der Atheist ist. Der 17jährige Praktikant sollte einer schreienden Frau, die sich dadurch beruhigt, einen Rosenkranz geben und weigerte sich mit Hinweis auf seine atheistische Einstellung.

Wer beim Altenheimblogger regelmäßig liest, was ich unbedingt empfehle (siehe Blogroll), weiß, daß es sich um ein katholisches Altenheim handelt. Von daher muß auch ein atheistischer Praktikant damit rechnen, daß das Thema Religion in unterschiedlicher Ausprägung auf ihn zukommen wird. Er kann erwarten, daß seine Weltanschauung respektiert wird und er nicht mit unerwünschten Missionierungsversuchen attackiert wird. Andererseits kann von ihm erwartet werden, daß er mit den religiösen und spirituellen Bedürfnissen der Bewohner respektvoll umgeht.

Ich habe in den letzten Jahren ganz unterschiedliche Erfahrungen mit diesem Thema gemacht. Als ich einen Heimplatz für meine Mutter suchte, habe ich ein evangelisches Heim, das von Diakonissen geführt wurde, angeschaut, das mir ganz gut gefallen hat. Neben einem breiten Angebot an medizinischen, pflegerischen, kulturellen und sozialen Angebot, gab es auch gottesdienstliche Veranstaltungen und Seelsorge, also Einzelgespräche mit dem Heimpfarrer oder Schwestern auf Wunsch. Für meine Mutter war in ihrem Erwachsenenleben Religion kein Thema, von daher war mir dieser Bereich bei der Suche eines Heimplatzes nicht wichtig. Aus unterschiedlichen Gründen fiel dieses Heim dann doch aus meiner engeren Auswahl. Einige Monate später lernte ich einen Altenpfleger kennen, der in diesem Haus gelernt hatte. Er erzählte mir, daß der Sonntagsgottesdienst in alle Räume übertragen wurde. Ich fragte nach, ob er tatsächliche meinte, was ich verstand: In jedem Zimmer und in allen Gemeinschaftsräumen war Gottesdienst angesagt, und man mußte sich das anhören, ob man wollte oder nicht. Er bestätigte das mit den Worten: „Das Klo war der einzige Ort, wo man sich entziehen konnte. Sogar auf den Fluren hat man es gehört“. Eine solche religiöse Vereinnahmung finde ich völlig daneben. Schön, wenn es so ein Angebot gibt für alle, die sich dafür interessieren, aber Gottesdienst als Zwangsveranstaltung darf nicht sein.

In guten Heimen wird erhoben, was für den Bewohner von Bedeutung ist, wie er seinen Tag gestaltet, welchen Beruf er hatte, welche Freizeitaktivitäten und Interessen er pflegt, wie seine Essensgewohnheiten sind, aber auch, ob Religion für ihn wichtig ist und wie seine spirituellen Bedürfnisse sind. Und so wie ich von Mitarbeitenden erwarte, daß sie die Bewegungsfähigkeit fördern, auf Essenswünsche eingehen und pflegerisch kompetent arbeiten, so finde ich es wichtig, daß auch auf spirituelle Bedürfnisse eingegangen wird.

Im ersten Heim, in dem meine Mutter lebte, hatte sie einen Mitbewohner, der in der evangelischen Kirche jahrzehntelang sehr engagiert gewesen war. Auch die meisten anderen Bewohner der Wohngruppe waren evangelisch. Abends gab es nach dem Essen ein Abschlußritual für die Bewohner mit Abendlied und Vaterunser, das ich hier beschrieben habe. Für mein Empfinden war das für die Bewohner dieser Gruppe und die Mitarbeitenden stimmig. Zur Wohngruppe, in der meine Mutter jetzt lebt, würde das nicht passen, denn dort leben vorwiegend Leute aus der ehemaligen DDR, für die Religion oft nicht wichtig ist.

Im alten Weblog habe ich auch einige Gedankensplitter und Erlebnisse rund um das Thema Religion und Spiritualität beschrieben. In dem Haus, in dem meine Mutter jetzt lebt, wird von einem freien Träger geführt. Es gibt unterschiedliche spitituelle Angebote: Feste werden gefeiert, einmal monatlich gibt es in der Kirche einen Gottesdienst für Demenzkranke, der Pfarrer besucht die Bewohner, die das wünschen. Es gibt noch ein spezielles Besuchsprogramm, weil das Heim Praktikumsort für Studierende der evangelischen Fachhochschule ist, die sich mit dem Themenbereich „Seelsorge an Demenzkranken“ spezieller beschäftigen wollen.

Gottesdienst, Demenz, Alzheimer

Astscheibe

Das Konzept für die Gottesdienste hat der Pfarrer mit dem Sozialarbeiter des Heimes und der Heilpädagogin erarbeitet. Ganz wichtig ist, daß er in der Kirche stattfindet und im Normalfall nicht in einem Gemeinschaftsraum, denn das sinnliche Erleben und die Anknüpfung an frühere Erinnerungen sind ganz wichtig: Die Wahrnehmung des Kirchenraums, das Licht, der Geruch, die Gesamtatmosphäre, die Orgelklänge – all das ist ganz wichtig für dementiell veränderte Menschen. Das Gesamtthema eines jeden Gottesdienstes nimmt ein Lebensthema auf, wie zum Beispiel: Vom Aufgang der Sonne … oder wie ein Baum gepflanzt am Wasser ….

Bibel, Demenz, Alzheimer, Gottesdienst, Seelsorge, Gespräch, Gruppenarbeit, Arbeitshilfe

Getröstet und geborgen

Auch eine Bibel für dementiell veränderte Menschen gibt es inzwischen. Für Angehörige und Mitarbeiterinnen in Pflegeheimen gibt es dazu noch eine Arbeitshilfe mit vielen wertvollen Hinweisen. Im Bereich der theologischen Forschung ist Demenz zunehmend ein Thema. Das alles finde ich sehr ermutigend. Was aber jeweils im Heimalltag praktiziert wird, hängt von der Sensibilität und der Bereitschaft der Mitarbeitenden ab, auf diesen Lebensbereich einzugehen auch wenn es für sie in ihrem persönlichen Leben keine oder wenig Bedeutung hat. Eine einfühlsame Mitarbeiterin hat für meine Mutter in der örtlichen Bibliothek ein evangelisches Gesangbuch organisiert. Im Moment ist in diesem Bereich sehr viel im Fluß.

Zum Weiterlesen: Spiritualität – ein Thema für die Pflege von Menschen mit Demenz (eine Arbeitshilfe vom Demenz-Support Stuttgart, 68 Seiten, unterstützt vom Bundesministerium für Jugend, Frauen, Familie und Senioren)