Ohne Glauben – Spiritualität demenzerkrankter Menschen

… heißt ein Artikel auf der theologischen Internetplattform feinschwarznez:

Wie in einem Brennglas konzentriert das Thema Alzheimer die Ängste der Menschen. Demenz ist der verdrängte Schatten der Neuzeit, 1 ist der Theologe und Gerontopsychologe Stephan M. Abt überzeugt.

Demenz bedeutet den Verlust von Vernunft, Kontrolle und Autonomie, und das bei vollem Bewusstsein. Gerade aber über seine Rationalität definiert sich der souveräne Mensch der Neuzeit. Droht uns vor dem Sterben neben dem sozialen Tod durch Vereinsamung und Verarmung im Alter nun auch noch der rationale Tod durch Alzheimer?

Zum vollständigen Artikel geht es hier.

 

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Argumentarium: Gutes Leben mit Demenz

Das Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie in Wien  hat ein Argumentarium zum Thema „Gutes Leben mit Demenz“ veröffentlicht. Die Herausgeber schreiben:

Jedes Argumentarium greift ein ethisches Thema auf, das gerade in der gesellschaftlichen Debatte virulent ist. Über die aktuelle Debatte hinaus leuchtet das Argumentarium Hintergründe aus, indem es fragt: • „Worum geht es?“ und die ethischen Grundsatzfragen und -probleme herausarbeitet. • „Wer sagt was?“ und unterschiedliche ethische Positionen und Argumentationen darstellt. • „Was sagen die evangelischen Kirchen?“ und Antworten aus der Perspektive evangelischer theologischer Ethik vorstellt. Mit dem Argumentarium will das IöThE einen Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten leisten und die Leser und Leserinnen in ihrer persönlichen ethischen Urteilsbildung unterstützen.

Die Hauptthemen des 12seitigen Heftes sind:

  • Immer noch Ich
  • Personsein in Beziehung
  • Evangelische Position(en)
  • ethische Konflikte

Das Heft kann hier heruntergeladen werden (pdf).

November: Totengedenken

Giannina vom Klanggebet-Blog hat ein Gedicht gepostet. Auch ihre Überlegungen dazu sind lesenswert.

An die Verstorbenen

Lebenslandschaft (Kunsttherapie)

Lebenslandschaft (Kunsttherapie)

Was ich versäumte zu sagen, das sag ich Dir nun
Und was ich versäumte an Taten, das will ich jetzt tun
Und was ich versäumte zu lassen, das lasse ich zieh’n
Und so ich versäumte zu sehen, seh’ ich nun hin
Und wenn ich vergaß Dich zu halten, so halt’ ich Dich jetzt
und bat ich Dich nicht um Vergebung, da ich Dich verletzt
so bitt’ ich Dich heute, und halte Dir hin
all dies Versäumte, und das was ich bin.
Schwer ist mir das Herz, das dankbar erkennt:
Nie liebte ich Dich mehr als in diesem Moment.

(giannina wedde, klanggebet.wordpress.com)

(Das Bild ist im Rahmen des künstlerischen Arbeitens mit dementiell veränderten Menschen im Heim, in dem meine Mutter zuletzt gelebt hat, entstanden. Es ist eine dreidimensionale Stoffcollage, die dann besprüht worden ist.)

Bibel und Demenz: Wie Weintrauben den Glauben stärken

Screenshot

Screenshot

Zum Weltalzheimertag hat evangelisch.de ein Interview mit Uli Zeller geführt. Er ist Krankenpfleger und Seelsorger und sucht nach Wegen, wie Glaube erfahrbar werden kann für Menschen mit Demenz.

Über seine Erfahrungen erzählt er hier. Über Gottesdienste für Demenzkranke habe ich in diesem Weblog immer wieder berichtet. Im Interview geht es auch um Bibelgruppen mit dementiell veränderten Menschen.

Ein weiterer interessanter Ansatz für die Arbeit mit dementiell veränderten Menschen, der im Artikel nicht vorkommt, ist Bibliolog.

Bibel CoverEs gibt auch eine Bibel für Menschen mit Demenz. „Getröstet und geborgen“ heißt sie. Eine Rezension habe ich hier hier geschrieben.

Post von der Kirche (2)

Berliner Brief, evangelische Kirche, Berlin, Brandenburg, Generalsuperintendentin, Ulrike Trautwein, Auch im Jahr 2012 gibt es von der evangelischen Kirche einen Brief, dieses Mal von Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, deren Vorgänger Ralf Meister (jetzt Bischof der Hannoverschen Landeskirche) es mit dieser Aktion, die unter dem Label „Berliner Brief“ läuft, vor zwei Jahren in die Medien geschafft hat. Der Berliner Brief  2012 von Ulrike Trautwein ist nicht ganz so lang und nicht ganz so banal wie der ihres Vorgängers.

Und wieder heißt es – diesmal etwas allgemeiner formuliert als vor zwei Jahren bei Herrn Meister: „Dank Ihrer Unterstützung wirken wir weit in die Gesellschaft hinein, besuchen Einsame, betreuen Kinder, helfen Obdachlosen. So hinterlassen wir Spuren aus Glaube, Liebe und Hoffnung“.

Und wieder fällt mir nur Folgendes ein: Mir ist immer noch nicht klar – auch zwei Jahre später 2012 nicht, was das soll. Wenn man das ehrenamtlich in der Kirche tätigen Leuten schreibt, dann ist mir das noch einigermaßen verständlich, aber was soll meine dementiell veränderte – inzwischen verstorbene – Mutter damit anfangen?  Abgesehen davon daß es die ganze Zeit ihres Heimaufenthalts nicht möglich war,  jemanden zu finden, der sie in den Sonntagsgottesdienst mitgenommen hätte, den sie gerne besucht hätte. Das Heim war direkt gegenüber von der Kirche. Das wäre ein zusätzlicher Aufwand von 2 mal 10 Minuten gewesen, und zwar für jemand, der sowieso in den Gottesdienst geht.

Die meisten Leute sind in der Kirche ohne groß darüber nachzudenken und nehmen den kirchlichen Service zu bestimmten Lebensereignissen in Anspruch.  Diesen Leuten zu sagen, daß sie „Spuren aus Glaube, Liebe und Hoffnung“ hinterlassen, berührt mich merkwürdig.

700 000 evangelische Christinnen und Christen haben dieses Schreiben bekommen. 533 000 Briefe, die pro Stück 42 Cents kosteten, wurden verschickt. Die Kosten dieser Maßnahme belaufen sich also auf 223 860 Euro. Das seien nur 0,2 % des durchschnittlichen Kirchensteueraufkommens eines Berliner Haushaltes heißt es in der Website zum Projekt.

Und eine allerletzte Frage: Ordne ich das jetzt unter der Kategorie „Spitituelles und Religiöses“ oder unter „Amtsschimmel“ ein?

Zum Weiterlesen:

Berliner Brief 2012
Post von der Kirche (1)

Erinnerungen für die Seele

heißt ein Magazinbeitrag der Sendung „Himmel und Erde“ über Gottesdienste für Demenzkranke. Es werden Schlaglichter aus einem Gottesdienst für Demenzkranke in der Schöneberger Zwölf-Apostel-Kirche mit anschließendem Kaffeetrinken wie er in dieser Gemeinde zwei Mal im Jahr stattfindet, gezeigt. Ich fand es ganz interessant das zu sehen, aber mir kommt das Ganze zu sehr wie ein Event vor. Es ist auch sehr aufwendig gemacht und nur mit großem personellem Einsatz realisierbar. Gefallen hat mir die Mischung an Leuten, die da waren: dementiell veränderte Menschen, Pflegekräfte, Kinder … In der Charlottenburger Trinitatiskirche wird nach einem ähnlichen Konzept gearbeitet. Die dort verantwortliche Pfarrerin hat während eines Studienurlaubs ihre Gedanken dazu zusammengetragen: Gottesdienste mit demenzkranken Menschen . Mich erschreckt, daß die benötigten Finanzen sich auf 1 600 Euro pro Veranstaltung belaufen.

Pfarrerin gesucht und gefunden

Während ihres Erwachsenenlebens hatte Mama es mit Religion und Kirche nicht so. Evangelisches Kirchenmitglied ist sie geworden, weil mein Stiefvater Druck ausgeübt hat (man muß doch eine gemeinsame Religion haben!) und auch nach der Scheidung geblieben. Ich erinnere mich an den Hausbesuch des evangelischen Pfarrers, der mit dem Kirchenbuch kam, in dem sie sich eintrug. Ansonsten freundliches Gespräch beim Kaffeetrinken. Mama bekam eine Urkunde, daß sie nach entsprechender Unterweisung in die evangelische Kirche aufgenommen worden sei. Als ich diese Urkunde unter ihren Dokumenten fand, hat mich das sehr erheitert. Eine evangelische Kirche hat sie – vor ihrem Heimaufenthalt – nur einmal anläßlich einer Konfirmation von innen gesehen.

Sie hat immer wieder betont, daß sie die Kirchensteuer all die Jahre bezahlt, damit „ich eine anständige Beerdigung mit einem Pfarrer bekomme und nicht würdelos verscharrt werde“. Daß sie auf ihre alten Tage dann doch immer mehr mit Religion anfangen konnte und keinen Gottesdienst ausgelassen hat, war nicht abzusehen. Der evangelische Pfarrer hat sie regelmässig zum Geburtstag besucht und auch in gesundheitlichen Krisen. Das Verhältnis zum Pfarrer gestaltete sich derart positiv, daß Pfarrer und Therapiehund an der Spitze der Top Ten des Heimlebens waren, wenn auch immer mal in wechselnder Reihenfolge. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn dieser Pfarrer nun auch die Beerdigung halten würde, aber der ist leider zu weit weg von dem Friedhof, auf dem sie bestattet wird – nämlich in meinem Wohnviertel. Nun habe ich eine Pfarrerin gefunden, die ich vor ein paar Jahren kennenglernt habe. Ich bin sicher, sie würde Mama gefallen, obwohl es an Mama vorbeigegangen ist, daß es Frauen im Pfarramt gibt. Als der Herr Pfarrer aus Krankheitsgründen nämlich mal von einer Kollegin vertreten wurde, wunderte sich Mama sehr, warum „heute in der evangelischen Kirche eine katholische Schwester Gottesdienst gehalten hat“. Gefallen scheint es ihr trotzdem zu haben, denn zwei Stunden später schwärmte sie, daß der Herr Pfarrer das heute wieder ganz toll gemacht hat. Mama wollte immer eine Feuerbestattung. Erst jetzt merke ich, daß ich das emotional schwierig finde und alle Beerdigungen, die ich bis jetzt erlebt habe, Erdbestattungen waren.