Ausgepflegt …

… ist ein informativer Artikel in der Zeit vom 8. August 2016 überschrieben, der über die Verhältnisse in Pflegeheimen informiert und zwar hier.

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Polnische Pflegekräfte und Ausbeutung …

so lautete gestern eine Suchanfrage, die zu diesem Weblog führte. Das machte mich neugierig und ich gab diese Kombination meinerseits ein um herauszufinden, was darunter zu finden ist. Natürlich sind Pflegekräfte Haushaltshilfen gemeint. Und seit längerer Zeit gibt es die Möglichkeit, polnische Kräfte legal einzustellen. Ich bin tatsächlich auf eine Agentur gestossen, die sich von jeglicher Form der illegalen Arbeit polnischer Pflegerinnen distanziert.

Wenn man eine polnische Pflegekraft oder Haushaltshilfe legal anstellt d.h. für sie werden im Heimatland Krankenversicherungsbeiträge, Sozialversicherungsbeiträge und Rentenversicherung und Unfallversicherung abgeführt, außerdem wird das Gehaltsniveau im Heimatland – also Polen – herangezogen, dann kostet das je nach Vorqualifikation der betreffenden Person zwischen 1500 und 2400 Euro monatlich.

Dazu sind vom Arbeitgeber die Kosten für Unterkunft und Verpflegung zu tragen und die Kosten für An- und Rückreise. Je nach Fahrtstrecke würden diese zwischen 80 und 200 Euro (für Hin- und Rückfahrt) betragen und alle drei Monate anfallen, weil alle drei Monate eine neue Pflegekraft anreist.

Außerdem wird pro Vertrag eine Bearbeitungsgebühr von etwas über 350 Euro berechnet, das wären 1200 Euro im Jahr für vier Vertragsabschlüsse.

Wenn man einen mittleren Reisekostenwert von 150 Euro zugrunde legt, dann kommt man auf monatliche Aufwendungen zwischen 1666,00 Euro und 2534,00 Euro, wobei die Kosten für Unterkunft und Verpflegung noch nicht eingerechnet sind.

Man geht davon aus, daß 100 000 Pflegebedürftige zuhause versorgt werden. Abgesehen von einer Fernsehdokumentation, in der Familien gezeigt wurden, die eine polnische Pflegekraft legal eingestellt haben und unendlich viel Papierkram damit verbunden war, habe ich noch nie jamanden kennengelernt, der die hier genannten Beträge für eine Pflegekraft aus Osteuropa, egal ob aus Polen, Litauen, Weißrussland oder Rumänien. Mein Eindruck ist vielmehr, daß sich die Herkunftsländer immer weiter nach Osteuropa in die ärmeren Regionen verschieben.

Warum ist es wichtig nach Religionen zu pflegen?

Eigentlich wollte ich nur mal schauen, was es in der letzten Zeit für Suchanfragen gab, die auf dieses Weblog führten. „Warum ist es wichtig nach Religionen zu pflegen?“ wollte jemand wissen. Hm – ich bezweifle erst einmal daß es für die meisten Menschen ein Anliegen ist, „nach Religion“ gepflegt zu werden.

Klar, bestimmte religiöse Zugehörigkeiten bringen bestimmte Erfordernisse mit sich. Orthodoxe Juden benötigen koscheres Essen und eine bestimmte religiöse Infrastruktur und werden deshalb in ein Haus gehen, das diesen Bedürfnissen entgegenkommt. Das muß aber nicht unbedingt ein Heim sein, in dem nur Juden sind. In Frankfurt und in Basel gibt es Häuser, die eine Infrastruktur für orthodoxe Juden gewährleisten und dennoch auch nicht-jüdische Bewohner haben. Auch praktizierende Muslime haben spezielle Bedürfnisse im Hinblick auf Körperpflege oder Nahrungsmittel, die halal sind. In Berlin gibt es bereits ein Heim für diese Gruppe. In dem Heim, in dem meine Mutter zuerst war, wurde eine Etage speziell für Zeugen Jehovas eingerichtet. Eine eigene Infrastruktur für eine religiöse Gruppe ist dann erforderlich, wenn diese Gruppe Bedürfnisse hat, die durch ihre Religionsausübung sehr stark von der Allgemeinheit abweicht.

Für die meisten Menschen dürfte es ausreichen, wenn eine Atmosphäre der Wertschätzung und des Respekts geschaffen wird, in der auch religiöse Themen und Bedürfnisse Platz haben. In Mamas erstem Heim waren die meisten Bewohner ihrer Wohngruppe evangelisch geprägt. Ein Herr war viele Jahre sehr engagiert in seiner Kirchengemeinde gewesen. So gab es in dieser Gruppe ein gemeinsames Abendritual. In einem Gemeinschaftsraum wurde einmal monatlich ein Gottesdienst angeboten, und der Pfarrer machte Geburtstagsbesuche. Abgesehen vom Abendritual war Mama dort an religiösen Angeboten nicht interessiert.

Im jetzigen Heim hat ein Großteil der Bewohner und Mitarbeiter keinen Bezug zu Religion. Die Kirche liegt gegenüber vom Haus. In Teamarbeit zwischen dem evangelischen Gemeindepfarrer, dem Sozialarbeiter und der Heilpädagogin, die für gruppenübergreifende Aktivitäten (Kochgruppe, Nachtcafe, Besuche der Therapiehundeteams etc.) zuständig ist, wurde gemeinsam ein Konzept für monatliche Gottesdienste entwickelt, die in der Kirche stattfinden – und zwar selbst in den Wintermonaten, wenn die Gemeinde sich zum Gottesdienst im Gemeindehaus zusammenfindet. Wie diese Gottesdienste konkret gestaltet werden kann man hier im Blog unter der Kategorie „Spirituelles“ nachlesen und auch hier im alten Blog. Die Grundidee dieser Gottesdienste besteht darin, existentielle Erfahrungen zu thematisieren in einer offenen Form, die Menschen mit unterschiedlichen Vorerfahrungen anspricht.

So wie Religion im Heim kein Thema sein kann, also ausgeblendet wird, so gibt es Einrichtungen, wo genau die andere Tendenz zu finden ist. Nicht weit von mir gibt es ein Haus, das von Diakonissen geführt wird. Die Gesamtatmosphäre und die Angebote haben mir gut gefallen. Kurz bevor ich mich fast für diese Einrichtung entschieden hätte, habe ich jemand kennengelernt, der dort seine Altenpflegeausbildung gemacht hatte und mir erzählte, daß der sonntägliche Gottesdienst in alle Räume übertragen wird – außer auf die Toiletten. Eine solche Zwangsveranstaltung wollte ich für Mama nicht. Und so beträgt mein einfacher Anfahrtsweg zu Mamas Heim eben nicht zwanzig Minuten sondern fast zwei Stunden – bei wetterbedingten oder baubedingten Störungen der S-Bahn auch gerne länger.

Es gibt aber auch Bedürfnislagen jenseits von Religion, die zu speziellen Wohnformen im Alter führen. In Berlin arbeitet der Verein „Village“ an einer Pflegeeinrichtung für schwule und lesbische Senioren. Vor einiger Zeit habe ich darüber einen Fernsehbeitrag gesehen, aus dem deutlich wurde, daß es dabei um die Generation von Schwulen und Lesben geht, die aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen sicher gehen wollen, daß sie auch im Alter und bei Pflegebedürftigkeit offen mit ihrer sexuellen Neigung umgehen und darüber reden können wollen und nicht in die Situation kommen wollen, diese zu verschweigen.

Außerdem weiß ich von einigen jüdischen Überlebenden der Schoah, daß sie nicht in ein rein jüdisches Pflegeheim gehen wollen, aber auch nicht mit Tätern und Mitläufern des Nazisystems ihre letzten Jahre verbringen wollen. Sie bevorzugen in Berlin eine bestimmte evangelische Einrichtung, von der bekannt ist, daß dort sehr genau hingeschaut wird, wer die Nichtjuden sind, die ins Heim aufgenommen werden. Dieses Haus ist aber nicht aufgrund der Bedürfnislage der Juden entstanden, sondern von Christen, die im Widerstand engagiert waren. Die haben nämlich auch keine Lust auf Altnazis oder Mitbewohner, die mit dieser Zeit unreflektiert umgehen.

Wenn jemand Fragen zu diesem Beitrag hat, dann bitte im Kommentarbereich einstellen.

Religion und Spiritualität im Altenheim

Der Altenheimblogger hat ein Posting über seinen neuen Praktikanten verfaßt, der Atheist ist. Der 17jährige Praktikant sollte einer schreienden Frau, die sich dadurch beruhigt, einen Rosenkranz geben und weigerte sich mit Hinweis auf seine atheistische Einstellung.

Wer beim Altenheimblogger regelmäßig liest, was ich unbedingt empfehle (siehe Blogroll), weiß, daß es sich um ein katholisches Altenheim handelt. Von daher muß auch ein atheistischer Praktikant damit rechnen, daß das Thema Religion in unterschiedlicher Ausprägung auf ihn zukommen wird. Er kann erwarten, daß seine Weltanschauung respektiert wird und er nicht mit unerwünschten Missionierungsversuchen attackiert wird. Andererseits kann von ihm erwartet werden, daß er mit den religiösen und spirituellen Bedürfnissen der Bewohner respektvoll umgeht.

Ich habe in den letzten Jahren ganz unterschiedliche Erfahrungen mit diesem Thema gemacht. Als ich einen Heimplatz für meine Mutter suchte, habe ich ein evangelisches Heim, das von Diakonissen geführt wurde, angeschaut, das mir ganz gut gefallen hat. Neben einem breiten Angebot an medizinischen, pflegerischen, kulturellen und sozialen Angebot, gab es auch gottesdienstliche Veranstaltungen und Seelsorge, also Einzelgespräche mit dem Heimpfarrer oder Schwestern auf Wunsch. Für meine Mutter war in ihrem Erwachsenenleben Religion kein Thema, von daher war mir dieser Bereich bei der Suche eines Heimplatzes nicht wichtig. Aus unterschiedlichen Gründen fiel dieses Heim dann doch aus meiner engeren Auswahl. Einige Monate später lernte ich einen Altenpfleger kennen, der in diesem Haus gelernt hatte. Er erzählte mir, daß der Sonntagsgottesdienst in alle Räume übertragen wurde. Ich fragte nach, ob er tatsächliche meinte, was ich verstand: In jedem Zimmer und in allen Gemeinschaftsräumen war Gottesdienst angesagt, und man mußte sich das anhören, ob man wollte oder nicht. Er bestätigte das mit den Worten: „Das Klo war der einzige Ort, wo man sich entziehen konnte. Sogar auf den Fluren hat man es gehört“. Eine solche religiöse Vereinnahmung finde ich völlig daneben. Schön, wenn es so ein Angebot gibt für alle, die sich dafür interessieren, aber Gottesdienst als Zwangsveranstaltung darf nicht sein.

In guten Heimen wird erhoben, was für den Bewohner von Bedeutung ist, wie er seinen Tag gestaltet, welchen Beruf er hatte, welche Freizeitaktivitäten und Interessen er pflegt, wie seine Essensgewohnheiten sind, aber auch, ob Religion für ihn wichtig ist und wie seine spirituellen Bedürfnisse sind. Und so wie ich von Mitarbeitenden erwarte, daß sie die Bewegungsfähigkeit fördern, auf Essenswünsche eingehen und pflegerisch kompetent arbeiten, so finde ich es wichtig, daß auch auf spirituelle Bedürfnisse eingegangen wird.

Im ersten Heim, in dem meine Mutter lebte, hatte sie einen Mitbewohner, der in der evangelischen Kirche jahrzehntelang sehr engagiert gewesen war. Auch die meisten anderen Bewohner der Wohngruppe waren evangelisch. Abends gab es nach dem Essen ein Abschlußritual für die Bewohner mit Abendlied und Vaterunser, das ich hier beschrieben habe. Für mein Empfinden war das für die Bewohner dieser Gruppe und die Mitarbeitenden stimmig. Zur Wohngruppe, in der meine Mutter jetzt lebt, würde das nicht passen, denn dort leben vorwiegend Leute aus der ehemaligen DDR, für die Religion oft nicht wichtig ist.

Im alten Weblog habe ich auch einige Gedankensplitter und Erlebnisse rund um das Thema Religion und Spiritualität beschrieben. In dem Haus, in dem meine Mutter jetzt lebt, wird von einem freien Träger geführt. Es gibt unterschiedliche spitituelle Angebote: Feste werden gefeiert, einmal monatlich gibt es in der Kirche einen Gottesdienst für Demenzkranke, der Pfarrer besucht die Bewohner, die das wünschen. Es gibt noch ein spezielles Besuchsprogramm, weil das Heim Praktikumsort für Studierende der evangelischen Fachhochschule ist, die sich mit dem Themenbereich „Seelsorge an Demenzkranken“ spezieller beschäftigen wollen.

Gottesdienst, Demenz, Alzheimer

Astscheibe

Das Konzept für die Gottesdienste hat der Pfarrer mit dem Sozialarbeiter des Heimes und der Heilpädagogin erarbeitet. Ganz wichtig ist, daß er in der Kirche stattfindet und im Normalfall nicht in einem Gemeinschaftsraum, denn das sinnliche Erleben und die Anknüpfung an frühere Erinnerungen sind ganz wichtig: Die Wahrnehmung des Kirchenraums, das Licht, der Geruch, die Gesamtatmosphäre, die Orgelklänge – all das ist ganz wichtig für dementiell veränderte Menschen. Das Gesamtthema eines jeden Gottesdienstes nimmt ein Lebensthema auf, wie zum Beispiel: Vom Aufgang der Sonne … oder wie ein Baum gepflanzt am Wasser ….

Bibel, Demenz, Alzheimer, Gottesdienst, Seelsorge, Gespräch, Gruppenarbeit, Arbeitshilfe

Getröstet und geborgen

Auch eine Bibel für dementiell veränderte Menschen gibt es inzwischen. Für Angehörige und Mitarbeiterinnen in Pflegeheimen gibt es dazu noch eine Arbeitshilfe mit vielen wertvollen Hinweisen. Im Bereich der theologischen Forschung ist Demenz zunehmend ein Thema. Das alles finde ich sehr ermutigend. Was aber jeweils im Heimalltag praktiziert wird, hängt von der Sensibilität und der Bereitschaft der Mitarbeitenden ab, auf diesen Lebensbereich einzugehen auch wenn es für sie in ihrem persönlichen Leben keine oder wenig Bedeutung hat. Eine einfühlsame Mitarbeiterin hat für meine Mutter in der örtlichen Bibliothek ein evangelisches Gesangbuch organisiert. Im Moment ist in diesem Bereich sehr viel im Fluß.

Zum Weiterlesen: Spiritualität – ein Thema für die Pflege von Menschen mit Demenz (eine Arbeitshilfe vom Demenz-Support Stuttgart, 68 Seiten, unterstützt vom Bundesministerium für Jugend, Frauen, Familie und Senioren)