Ein Dorf für Demenzkranke am Bodensee?

Seit ich im Sommer 2015 erstmals das niederländische Demenzdorf „de Hogeweyk“ hier im Blog erwähnt habe, sind immer wieder Besucher über dieses Stichwort auf das Blog gekommen. Inzwischen gibt es auch ein deutsches Demenzdorf bei Hameln in Nieder-sachsen. Allerdings mußten aufgrund der deutschen administrativen Rahmenbedingun-gen konzeptionelle Zugeständnisse gemacht werden, denn so ein Demenzdorf ist mit deutschen Richtlinien und Vorgaben nur schwer umzusetzen.

In Hergensweiler bei Lindau soll nun für 120 Menschen ein Demenzdorf entstehen, das näher am niederländischen Orginal dran ist. Das wäre dann möglich, wenn dieses Vorhaben ein Forschungsprojekt werden könnte. Darüber ist in der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung ein Artikel erschienen und zwar hier.

Nachtrag: Ich habe mir die Suchworte angeschaut, die auf dieses Blog geführt haben. Es führt : „alzheimerblog wordpress“. Danach kommt in unterschiedlichen Varianten das Demenzdorf in den Niederlanden – und danach kommt lange nichts. Das scheint mir ein Hinweis zu sein, daß viele Menschen nach einer anderen Betreuungsform für demente Menschen suchen als das, was sie bis jetzt meist vorfinden.

 

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Dorf des Vergessens – selbstbestimmt leben mit Demenz

In der Reihe 37 Grad zeigte das ZDF vor zwei Wochen einen Beitrag über das erste deutsche Demenzdorf am Stadtrand von Hameln. Träger ist die Stiftung Tönebön. Drei der Bewohner ließen sich ein halbes Jahr von der Kamera begleiten:

Leider ist der ZDF-Beitrag nicht mehr zugänglich. Hier ist ein vierminütiges Video über Tönebön:

Die ZDF-Infoseite über Tönebön ist hier

Die sind nicht bescheuert …

ist ein Interview in der Printausgabe des Spiegel von letzter Woche (10. März 2014) überschrieben, das online leider nicht kostenfrei zugänglich ist. Michael Schmieder, Heimleiter von Haus Sonnweid, einem Schweizer Heim, das Maßstäbe gesetzt hat und setzt in der Betreuung von Demenzkranken, verwahrt sich gegen den verstörenden Trend, Demenzkranke in Pseudowelten leben zu lassen, sei es das niederländische Heim De Hogeweyk bei Amsterdam oder daß man Demenzkranke in ein Zugabteil setzt und ihnen dann per Filmprojektion Landschaften vorführt, die an ihrem Abteilfenster vorbeifliegen.

Das Interview finde ich sehr empfehlenswert und hoffe, daß es bald kostenfrei zugänglich wird. Dann trage ich den Link hier nach. Leider verbleibt das Interview derzeit im kostenpflichtigen Bereich. Aber es gibt einen nicht weniger lesenswerten Artikel über das Haus Sonnweid und zwar unter dem Titel Endstation Wellness.

Inzwischen gibt es den Artikel doch online und zwar hier. Frau Snoopy hat’s gefunden. Vielen Dank!

Vertraute Kulisse …

… ist ein Artikel in der Zeit vom 24. Januar 2013 überschrieben, der über das Demenzdorf in Weesp bei Amsterdam berichtet. Der Artikel bringt nichts Neues im Vergleich zu dem, was bisher in den Medien berichtet wurde. Man erfährt, daß sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz vergleichbare Einrichtungen geplant sind.

Mich wundert immer wieder, warum bei Berichten in den deutschen Medien nie auf die finanziellen Aspekte – also die Finanzierbarkeit eines solchen Aufenthaltes eingegangen wird. In den Niederlanden zahlt die Krankenkasse monatlich für den Aufenthalt im Demenzdorf 5000 Euro. Das liegt noch um einiges über den hiesigen Pflegeheimpreisen. In den Niederlanden und der Schweiz läuft die Finanzierung von Pflegeplätzen völlig anders als bei uns. In Deutschland werden Angehörige herangezogen zur Deckung der Kosten falls der Heimbewohner das aus eigenen Mitteln nicht bezahlen kann. Das wäre in der Schweiz oder in den Niederlanden völlig undenkbar. In den Niederlanden zahlt jeder während seines Arbeitslebens – auch für den Fall der Versorgungsbedürftigkeit ein. Angehörige werden – außer zu sehr geringfügigen Extras überhaupt nicht herangezogen.

Ich erinnere mich an eine der Fernsehdokumentationen über das Demenzdorf. Dort wurde ein Angehöriger befragt, wieviel er denn monatlich für den Aufenthalt seiner Frau bezahle. Er zählte einige besondere Aktivitäten, an denen seine Frau teilnimmt auf (Bastelgruppe, Ausflüge) und daß sich der Eigenanteil, den er dafür pro Monat ausgibt, so um die dreißig bis fünfzig Euro belaufe. Das sind völlig andere Verhältnisse als bei uns. Deshalb würde es mich wirklich interessieren, wie die Betreiber des in Alzey geplanten Demenzdorfes vorgehen wollen, damit der Aufenthalt dort genauso viel kostet wie in einem deutschen Pflegeheim – so hieß es in einigen Berichten.

Ein Alzheimerdorf für Deutschland?

Der häufigste Suchbegriff, der auf dieses Weblog führt, ist „Hogewey“, das „Alzheimerdorf“ in den Niederlanden, über das immer wieder in Zeitungen oder Fernsehbeiträgen berichtet wird. Nun gibt es einen Krankenpfleger und Betriebswirt, der nach dem Modell von Hogewey in Deutschland eine ähnliche Einrichtung plant und zwar in Alzey. Die Frankfurter Rundschau berichtete darüber unter der Überschrift „Im Demenzdorf stets frei aber behütet„.

Die Pflege soll durch ambulante Pflegefach- und Hilfskräfte erfolgen. Allerdings irritiert mich der folgende Satz:

„… Bennewitz und Georgi setzen einen Betreuungsschlüssel von 1,2 Kräften je Zehnergruppe an. Dies sei im Vergleich zu stationären Einrichtungen sehr gut“.

Im Heim in dem meine Mutter in einer Wohngruppe von 8 – 10 Menschen lebte, waren tagsüber immer 2-3 Mitarbeiterinnen in der Wohngruppe präsent. Und dann gab es die gruppenübergreifenden Aktivitäten wie Gymnastik, Singen, Hundebesuch, Gottesdienst, Ausflüge zum Tierbauernhof, Kaffeestübchen, Gartengruppe, Kaffeestübchen, Kochgruppe und vieles andere.

Weiter heißt es:

„Pro Zehner-Wohngruppe gibt es drei Bäder und eine Küche“.

Finde ich auch nicht so toll. Für meine Mutter war es sehr wichtig, daß sie ihre eigene Naßzelle hatte, die sie mit niemand teilen mußte. Das war in ihrem Heim auch selbstverständlicher Standard bei den Einzelzimmern und die waren in der Mehrzahl.

Zur finanziellen Seite: In den Niederlanden kostet ein Platz in Hogewey monatlich 5000 Euro – so die Fernsehberichterstattung. Die Finanzierung der Pflege läuft dort anders als bei uns. Für das deutsche Alzheimer-Dorf heißt es in der Planung:

„Der Platz im Demenzdorf soll größtenteils günstiger sein als der klassische Heimplatz. Abgerechnet wird nicht nach den Sätzen für Heime, sondern für ambulante Pflege, um der politischen Forderung nach „ambulant vor stationär“ gerecht zu werden. Träger Bennewitz & Georgi kalkulieren mit einem Eigenteil der Bewohner zwischen 1200 und 1400 Euro im Monat. „Das entspricht maximal dem Niveau des Eigenanteils im Pflegeheim in der Pflegestufe eins“, sagt Bennewitz.“

Ich habe mir 2005 als es für meine Mutter aktuell war, einige Demenzwohngemeinschaften in Berlin angesehen. Dort sind ambulante Pflegedienste für die Betreuung der dementiell veränderten Bewohner verantwortlich, und das ist tagsüber nie der genannte Satz von 1,2 pro zehn Bewohner gewesen wie die Alzeyer das veranschlagen sondern mehr. Zum ambulanten Pflegedienst kommt dann noch die anteilige Wohnungsmiete und viele andere Kosten. Das war schon 2005 in Berlin in Stadtvierteln mit relativ moderaten Mieten mit 1200 bis 1400 Euro nicht machbar. Und als meine Mutter nach Berlin kam, hatte sie noch Pflegestufe 1. Angesichts des inzwischen höheren Preisniveaus halte ich diese Planungen für unrealistisch.