Wenn der Vater langsam verschwindet …

Im September habe ich in der Print-Ausgabe des Spiegel einen Artikel über die Alzheimer-Krankheit aus der Sicht der 15jährigen Tochter gelesen, den ich sehr beeindruckend fand. Eine solche Perspektive ist ja auch eher selten:

Annegret Frenzel war 15 Jahre alt, als sie merkte, dass etwas anders war. Ihre Mutter war im Urlaub, hatte Vater und Tochter Bargeld da gelassen. Schon am ersten Tag war alles weg. „Ich fragte meinen Vater, was er damit gemacht hat, aber er wusste es nicht.“ Geglaubt hat sie ihm nicht. „Ich vermutete, er könnte alkohol- oder spielsüchtig sein…“

Der vollständige Artikel ist jetzt online und zwar hier.

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Die Last mit den Eltern …

hieß eine Dokumentation, die ich gerade in der ARD gesehen habe. Drei Familien, die versuchen, die Eltern oder einen Elternteil zuhause zu pflegen, wurden gezeigt. 1,6 Millionen Menschen werden derzeit zuhause gepflegt, meist von den Töchtern oder Schwiegertöchtern. Auch in der Doku war es so, dass Brüder – soweit vorhanden – im Hintergrund blieben. Bei einem Elternpaar – beide pflegebedürftig – sind drei Töchter neben ihrem Beruf rund um die Uhr für die Eltern da. Freizeit gibt es für sie nicht mehr. Schon der Vater allein braucht so viel Unterstützung, daß die Mutter zu kurz kommt.

Am meisten bewundere ich eine Frau, die sich allein um ihre Mutter kümmert. Die Geschwister haben sie im Stich gelassen. Zu ihrer Situation heißt es auf der Sendungshomepage:

Über 15 Jahre lang hat Sabine Zahntechniker in der ganzen Welt ausgebildet, in Manila und Los Angeles gelebt und sich dann mit einem Designladen in Holland niedergelassen. Gerade hatte sie eine Anfrage auf die Philippinen zurückzukehren erhalten, als der Anruf ihres Bruders kam, ihre Mutter sei mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Das war total überraschend, weil sie ja eben noch so ganz fit war. Sie ist einen Tag vorher noch Auto gefahren. Keiner hat damit gerechnet, dass sie von einem Tag auf den anderen ein Pflegefall ist. Man stellt es sich so vor, dass das so langsam kommt, dass man es sieht, dass man sich darauf vorbereiten kann, aber das war es halt nicht.
Sabines Mutter überlebt knapp, kann sich aber nicht mehr artikulieren und für Sabine ist klar, dass sie in einem Heim untergehen würde. Spontan beschließt sie, für vier Tage die Woche in ihr Heimatdorf Brake bei Oldenburg zurückzukehren und drei Tage in Holland weiter zu arbeiten. Doch die dafür nötige Unterstützung ihrer drei Geschwister bleibt aus. Sabine muss in Brake bleiben und wird von einer erfolgreichen Unternehmerin zur Hartz-IV-Empfängerin. Dennoch hat sie ihren Entschluss nicht bereut. Systematisch hat sich Sabine in den Bereich der Pflegestufen und Zusatzleistungen eingearbeitet und setzt zurzeit alles daran, die für die Mutter nötige Flüssigkeitsversorgung bei der Krankenkasse durchzusetzen.

Die Frau schafft es sogar noch, eine Ausbildung zur Masseurin zu beginnen – das einzige, was die Agentur für Arbeit bereit ist zu finanzieren. Sie weiß, dass sie nach dem Tod der Mutter für ihr Auskommen sorgen muß. Die drei Geschwister, die mit am Tisch sitzen, als darüber beraten werden soll, ob die Mutter mit einer Magensonde ernährt werden soll, sehen alle so aus, als ob ihre Situation abgesichert ist. Letztlich ist Sabine wieder allein in der Entscheidung, wie es mit der Mutter weitergeht.

Das Fazit der Sendung, das ich nur bestätigen kann:
Oft sind es weniger die kranken Eltern, sondern die Kämpfe mit Krankenkassen, Ärzten und Behörden, die die Pflege zur Last machen

Wiederholungen:
EinsExtra, 31. Oktober 2011, 05:30 Uhr
EinsExtra, 12./13. November 2011, 00:20 Uhr
SWR, 25. Januar 2012, 20:15 Uhr