Osteuropäische Haushaltshilfen: Vor Ort Abladen und Auftanken

In Markdorf am Bodensee haben Ehrenamtliche der Caritas für osteuropäische Frauen, die als Haushaltshilfen rund um die Uhr in Familien Kranke betreuen ein neues Angebot geschaffen. Regelmäßig können sich die Frauen treffen, um deutsch zu lernen und sich über ihre Situation auszutauschen. In der Sozialcourage 3 / 2016 ist darüber ein Artikel erschienen: Ein Ort zum Abladen und Auftanken.

Der Artikel endet mit folgenden kritischen Überlegungen:

Arbeiten in der Grauzone

Trotz verschiedener Bemühungen, die Situation fairer zu gestalten: Die 24-Stunden-Betreuung von Senioren bleibt eine Grauzone. Je nach vermittelnder Agentur haben die Frauen mal deutsche, mal polnische oder bulgarische Arbeitsverträge. Lohn und Freizeit sind nach dem entsprechenden Arbeitsrecht geregelt – wobei eine 24-Stunden-Haushaltshilfe nie auf den deutschen Mindestlohn kommen wird.

Gerda Dilgers Absicht ist nicht, sich in solche Verträge einzumischen. Wenn sie von Missständen erfährt, ermutigt sie die Frauen, die Beteiligten auf ihr Problem aufmerksam zu machen und mit ihnen Lösungen zu suchen: mit dem Hausarzt, den Angehörigen, der vermittelnden Agentur, mit Nachbarn.

Im Austausch mit den Vermittlungsagenturen gibt sie auch mal den einen oder anderen Tipp, zum Beispiel, dass die Familien angehalten werden, für die Osteuropäerinnen Internet und Skype einzurichten, damit sie Kontakt in die Heimat halten können.

 

Im alten Alzheimer-Weblog hatte ich schon Einiges zu Haushaltshilfen aus Osteuropa geschrieben, was nach wie vor immer noch aktuell ist:

September 2005:
Legal – illegal – scheißegal

23. März 2006:
Nahe Fremde
über einen Artikel im Tagesspiegel

Wer pflegt, wird arm …

Am Beispiel von Frau Lonn, die sieben Jahre ihre Mutter gepflegt hat und bei deren Tod Mitte 50 ist, zeigt eine Reportage von Deutschlandradio Kultur, wie das pflegerische Engagement von Angehörigen in die Armutsfalle führt. Die sehr hörenswerte Sendung ist hier nachzuhören und nachzulesen.

Noch ein Film: Amour (Liebe) von Michael Haneke

Schon letztes Jahr ist dieser Film in den Kinos gelaufen und total an mir vorbei gegangen, aber jetzt bin ich auf ihn gestossen, weil ich aus beruflichen Gründen derzeit mein Französisch auffrische und dann das Kinoprogramm nach den in französischer Sprache laufenden Filmen durchforste.

Amour

Amour

Amour (Liebe) ist kein Film über Alzheimer. Eine sehr gute Filmkritik habe ich in der Süddeutschen Zeitung gefunden. Der Film erzählt von einem Ehepaar, Georges und Anne (Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva) , beide über achzig und Musikprofessoren im Ruhestand, die in Paris leben. Eines Tages sitzt Anne mit starrem Blick am Frühstückstisch, ist nicht ansprechbar und weiß später nichts mehr darüber (Foto links). Sie hatte einen Schlaganfall. Der Film erzählt die Geschichte der beiden bis zu Annes Tod, erzählt von einer mißglückten Operation, halbseitige Lähmung, Leben im Rollstuhl, zunehmende Einschränkungen. Der Lebensradius wird für beide immer kleiner. Eine Tochter lebt mit ihrer Familie im Ausland und kann auch nicht helfen. Finanziell sind die beiden in einer ziemlich priviligierten Situation. Vieles von dem was erzählt und gezeigt wird, kennen auch Menschen, die sich um einen Angehörigen mit dementieller Veränderung kümmern. Auch Windeln, Nahrungsverweigerung und Gewalt in der Pflege bleiben nicht außen vor bis dahin, daß Anne sehr deutlich ihren Todeswunsch zum Ausdruck bringt. Wie soll er damit umgehen. Es ist sehr eindrücklich wie die beiden Stars des französichen Kinos diese Geschichte umsetzen.

So erzählt dieser Spielfilm sehr viel mehr und sehr viel dichter, was eine chronische Krankheit mit kognitiven Einschränkungen für den Betroffenen und die Angehörigen bedeutet und ist auf einer tieferen Ebene viel „wahrer“ als der Dokumentarfilm „Vergiss mein nicht“ von David Sieveking, über den ich vor einigen Tagen geschrieben habe.

Ab Ende Februar soll es den Film auch als DVD für knapp 15 Euro geben. Kaufempfehlung!

Anmerkung 20. Februar 2013:
Amour ist für fünf Oskars nominiert und zwar als bester Film, für die beste Regie (Haneke) und Emanuelle Riva als beste Hauptdarstellerin. Außerdem ist Haneke für das beste Originaldrehbuch nominiert. Zudem könnte „Amour“, wie im Vorfeld erwartet, als Österreichs Beitrag noch den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film holen.
Anmerkung 25. Februar 2013
Amour hat den Oskar für den besten nicht englisch sprachigen Film erhalten.

Zum Weiterlesen über pflegende Angehörige (hier im Blog):
Neulich in der Alzheimer-Angehörigengruppe

Die Last mit den Eltern …

hieß eine Dokumentation, die ich gerade in der ARD gesehen habe. Drei Familien, die versuchen, die Eltern oder einen Elternteil zuhause zu pflegen, wurden gezeigt. 1,6 Millionen Menschen werden derzeit zuhause gepflegt, meist von den Töchtern oder Schwiegertöchtern. Auch in der Doku war es so, dass Brüder – soweit vorhanden – im Hintergrund blieben. Bei einem Elternpaar – beide pflegebedürftig – sind drei Töchter neben ihrem Beruf rund um die Uhr für die Eltern da. Freizeit gibt es für sie nicht mehr. Schon der Vater allein braucht so viel Unterstützung, daß die Mutter zu kurz kommt.

Am meisten bewundere ich eine Frau, die sich allein um ihre Mutter kümmert. Die Geschwister haben sie im Stich gelassen. Zu ihrer Situation heißt es auf der Sendungshomepage:

Über 15 Jahre lang hat Sabine Zahntechniker in der ganzen Welt ausgebildet, in Manila und Los Angeles gelebt und sich dann mit einem Designladen in Holland niedergelassen. Gerade hatte sie eine Anfrage auf die Philippinen zurückzukehren erhalten, als der Anruf ihres Bruders kam, ihre Mutter sei mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Das war total überraschend, weil sie ja eben noch so ganz fit war. Sie ist einen Tag vorher noch Auto gefahren. Keiner hat damit gerechnet, dass sie von einem Tag auf den anderen ein Pflegefall ist. Man stellt es sich so vor, dass das so langsam kommt, dass man es sieht, dass man sich darauf vorbereiten kann, aber das war es halt nicht.
Sabines Mutter überlebt knapp, kann sich aber nicht mehr artikulieren und für Sabine ist klar, dass sie in einem Heim untergehen würde. Spontan beschließt sie, für vier Tage die Woche in ihr Heimatdorf Brake bei Oldenburg zurückzukehren und drei Tage in Holland weiter zu arbeiten. Doch die dafür nötige Unterstützung ihrer drei Geschwister bleibt aus. Sabine muss in Brake bleiben und wird von einer erfolgreichen Unternehmerin zur Hartz-IV-Empfängerin. Dennoch hat sie ihren Entschluss nicht bereut. Systematisch hat sich Sabine in den Bereich der Pflegestufen und Zusatzleistungen eingearbeitet und setzt zurzeit alles daran, die für die Mutter nötige Flüssigkeitsversorgung bei der Krankenkasse durchzusetzen.

Die Frau schafft es sogar noch, eine Ausbildung zur Masseurin zu beginnen – das einzige, was die Agentur für Arbeit bereit ist zu finanzieren. Sie weiß, dass sie nach dem Tod der Mutter für ihr Auskommen sorgen muß. Die drei Geschwister, die mit am Tisch sitzen, als darüber beraten werden soll, ob die Mutter mit einer Magensonde ernährt werden soll, sehen alle so aus, als ob ihre Situation abgesichert ist. Letztlich ist Sabine wieder allein in der Entscheidung, wie es mit der Mutter weitergeht.

Das Fazit der Sendung, das ich nur bestätigen kann:
Oft sind es weniger die kranken Eltern, sondern die Kämpfe mit Krankenkassen, Ärzten und Behörden, die die Pflege zur Last machen

Wiederholungen:
EinsExtra, 31. Oktober 2011, 05:30 Uhr
EinsExtra, 12./13. November 2011, 00:20 Uhr
SWR, 25. Januar 2012, 20:15 Uhr