Filmkritik: Vergiss mein nicht

Filmplakat Vergiss mein nicht

Filmplakat Vergiss mein nicht

Selten hat ein Film eine vergleichbare Aufmerksamkeit schon im Vorfeld bekommen. Diverse Kulturmagazine haben berichtet und sogar in die Tagesschau hat es Regisseur David Sieveking mit seinem Film „vergiss mein nicht“ geschafft. Mich hat diese große Resonanz erstaunt.

David Sieveking fährt in sein Elternhaus, wo sein Vater Malte, ein pensionierter Mathematikprofessor, seine Frau Gretel pflegt. David wird für einige Zeit die Pflege und Betreuung der an Alzheimer erkrankten Mutter übernehmen um seinem Vater eine Auszeit zu ermöglichen. Wie wird er den Balanceakt zwischen seinen verschiedenen Rollen als Sohn, Pflegeperson und Regisseur hinbekommen? Keine einfache Aufgabe, die er sich vorgenommen hat.

Mein Gesamteindruck: äußerst zwiespältig. Ich merke, wie schwer es mir fällt, mir dieses Gefühl zuzugestehen und es nicht wegzudrücken. „Mensch“ – sagt der innere Zensor in mir „kannst du dich nicht darüber freuen, daß es einen Film über Alzheimer gibt, der so positiv aufgenommen wird.“

das junge Paar Sieveking

das junge Paar Sieveking

David Sieveking will nicht nur den Alltag der Familie dokumentieren, sondern auch das Leben seiner Mutter erforschen. Er merkt, wie viel ungesagt und ungefragt geblieben ist. Seine Spurensuche führt ihn nach Stuttgart, wo seine Mutter geboren ist und nach Hamburg, wo sie studiert hat (Sprachwissenschaften), in linken Gruppen aktiv war und ihren späteren Ehemann Malte kennengelernt hat. Vor Davids Geburt haben die beiden auch einige Jahre in der Schweiz gelebt. Auch dort war Gretel politisch in linken Gruppen aktiv. Sie war den Schweizer Behörden so suspekt, daß sie überwacht wurden und sich im Staatsarchiv in Bern Aktenbestände über sie finden, die David einsehen kann und wo er einiges über seine Mutter erfahren kann, was sie ihm selber nicht mehr erzählen kann. Auch einen früheren Freund und Liebhaber kann er treffen. Die Spurensuche des Sohnes bringt eine sehr interessante Frau zutage. Gretel wird nicht auf ihre Krankheit reduziert. Eine Stärke dieses Films besteht sicher darin, daß er vielfältige Facetten des Lebens von Gretel sichtbar macht .

Auch daß Demenz eine Familienkrankheit ist, wird durch den Film deutlich. Die Familienbeziehungen verändern sich. Es wird deutlich, wieviel Liebe in dieser Familie ist und wie dieses Potential hilft, den veränderten Alltag zu gestalten. An einer Stelle des Tagesschau-Beitrags sagt der Regisseur über seinen Film: „… es ist vielmehr ein heiterer Liebesfilm geworden“. Diese Seite zu zeigen, finde ich wichtig und verdienstvoll, denn die vorherschenden Bilder von Demenz in unserer Gesellschaft sind die von Menschen im Endstadium, die nur noch vor sich dahinvegetieren. Dem hat der Film ein differenzierteres Bild entgegenzusetzen, und das ist die positive Seite des Films.

Gretel und Malte Sieveking

Gretel und Malte Sieveking

Was die Alzheimer-Erkrankung von Gretel betrifft, so empfinde ich sie als sehr „abgedämpft“ dargestellt. O.k. – da hat jemand im Alltag kognitive Einschränkungen. – wenn es nicht so missverständlich wäre, würde ich das Wort „harmlos“ dafür benutzen. Und natürlich ist es nervig, wenn jemand immer wieder das Gleiche fragt. Manchmal will Gretel nicht so, wie ihr Sohn oder Mann. Sie muß zum Essen oder zum spazieren gehen motiviert werden. Auf der Autofahrt nach Stuttgart sitzt Gretel auf dem Beifahrersitz und David muß mit ihr kämpfen, weil sie nicht versteht, daß die Beifahrertür geschlossen bleiben muß. Und einmal – ziemlich am Anfang des Films – wird ein Hocker gereinigt, weil – so erfährt der Zuschauer durch das Gespräch von Vater und Sohn – Gretel nicht mehr wusste, wie sie sich die Hose ausziehen muß und eingenässt hat. Weitere Szenen dieser Art, die indirekt – ohne die Kranke bloßzustellen – etwas davon zeigen, wie weitreichend und strapaziös für alle Beteiligten die Veränderungen sind, hätten dem Film gut getan.

Eine Konfrontation mit der Realität gibt es dann noch auf ganz andere Weise. Malte Sieveking besucht seine in einem Heim lebende sehr quirlige über 90jähgrige Mutter und die stellt unbequeme Fragen, die bis zu diesem Zeitpunkt in diesem Film noch nicht gestellt wurden (wie lange wollt ihr das zuhause noch machen …)

Der Film wirkt auf mich insgesamt nicht konsistent. Er ist mir „zu schön“ geraten, aber das ist vielleicht auch verständlich, denn Familie Sieveking hat in ihrem Umfeld einen gewissen Bekanntheitsgrad. Was will man zeigen und was nicht. Man kann ja nichts, was im Kino gezeigt wird, zurückholen. Und zudem leben die Sievekings in einer sehr priviligierten Situation – was die menschlichen und die materiellen Resourcen betrifft.

Und nachdem ich den Film einen Tag lang verdaut habe, fällt mir auf einmal ein, an was mich die Gesamtstimmung im Film erinnert. Manchmal besuche ich eine Freundin, die in einer Wohngruppe von erwachsenen geistig Behinderten arbeitet. Wenn ich dort mit den Behinderten den Nachmittag verbringe, dann weiß ich auch was ich gemacht habe. Und es hat natürlich Gründe, warum diese Behinderten in einer Wohngruppe leben und nicht zuhause – sofern sie noch Angehörige haben. Aber so heftig, wie es bei der Betreuung von dementiell veränderten Menschen ist, habe ich es in diesem Umfeld nie erlebt.

Neben der 90ig jährigen Frau Sieveking im Heim gibt es noch eine andere Szene, die ahnen lässt, daß da noch mehr im Busch ist als durch den Film deutlich wird. Der Betreiber einer Agentur für die Vermittlung von Hilfskräften aus Osteuropa bringt Liliana aus Litauen, die erst einmal kein Deutsch spricht mit. Wir sehen sie am Essenstisch mit der Familie und bei einem Spaziergang mit Gretel Sieveking. Schon die Tatsache, daß die Familie auf diese Möglichkeit zurückgreift, macht deutlich, daß das Leben mit Gretel anstrengender und herausfordernder sein muß als der Film es thematisiert. Schade, daß man über da Miteinander der Familie mit der Helferin aus Osteuropa, die merkwürdig blass bleibt, wenig erfährt. Was genau brachte die Familie dazu, sich für diese Form der Hilfe zu entscheiden?

Fazit: Es ist die Form von David Sieveking von seiner Mutter Abschied zu nehmen. Ob die Mutter dabei Alzheimer oder eine andere Krankheit mit der Folge kognitiver Einschränkungen hat, ist dabei relativ austauschbar. Der Film zeigt uns die Seite von Demenz, die wir am liebsten sehen wollen und ist auch ein Stück Selbstdarstellung der Familie Sieveking: Schaut-mal-man-kann-das-doch-ganz-gut-hinkriegen-mit-der-Demenz. Und vielleicht ist er deshalb so populär wie er ist.

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