Pfarrerin gesucht und gefunden

Während ihres Erwachsenenlebens hatte Mama es mit Religion und Kirche nicht so. Evangelisches Kirchenmitglied ist sie geworden, weil mein Stiefvater Druck ausgeübt hat (man muß doch eine gemeinsame Religion haben!) und auch nach der Scheidung geblieben. Ich erinnere mich an den Hausbesuch des evangelischen Pfarrers, der mit dem Kirchenbuch kam, in dem sie sich eintrug. Ansonsten freundliches Gespräch beim Kaffeetrinken. Mama bekam eine Urkunde, daß sie nach entsprechender Unterweisung in die evangelische Kirche aufgenommen worden sei. Als ich diese Urkunde unter ihren Dokumenten fand, hat mich das sehr erheitert. Eine evangelische Kirche hat sie – vor ihrem Heimaufenthalt – nur einmal anläßlich einer Konfirmation von innen gesehen.

Sie hat immer wieder betont, daß sie die Kirchensteuer all die Jahre bezahlt, damit „ich eine anständige Beerdigung mit einem Pfarrer bekomme und nicht würdelos verscharrt werde“. Daß sie auf ihre alten Tage dann doch immer mehr mit Religion anfangen konnte und keinen Gottesdienst ausgelassen hat, war nicht abzusehen. Der evangelische Pfarrer hat sie regelmässig zum Geburtstag besucht und auch in gesundheitlichen Krisen. Das Verhältnis zum Pfarrer gestaltete sich derart positiv, daß Pfarrer und Therapiehund an der Spitze der Top Ten des Heimlebens waren, wenn auch immer mal in wechselnder Reihenfolge. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn dieser Pfarrer nun auch die Beerdigung halten würde, aber der ist leider zu weit weg von dem Friedhof, auf dem sie bestattet wird – nämlich in meinem Wohnviertel. Nun habe ich eine Pfarrerin gefunden, die ich vor ein paar Jahren kennenglernt habe. Ich bin sicher, sie würde Mama gefallen, obwohl es an Mama vorbeigegangen ist, daß es Frauen im Pfarramt gibt. Als der Herr Pfarrer aus Krankheitsgründen nämlich mal von einer Kollegin vertreten wurde, wunderte sich Mama sehr, warum „heute in der evangelischen Kirche eine katholische Schwester Gottesdienst gehalten hat“. Gefallen scheint es ihr trotzdem zu haben, denn zwei Stunden später schwärmte sie, daß der Herr Pfarrer das heute wieder ganz toll gemacht hat. Mama wollte immer eine Feuerbestattung. Erst jetzt merke ich, daß ich das emotional schwierig finde und alle Beerdigungen, die ich bis jetzt erlebt habe, Erdbestattungen waren.

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Gottesdienst für Demenzkranke: Geborgenheit

Skulptur Steigerwald
Plastik von Dorothea Steigerwald

Zum herbstlich kühlen und regnerischen Vormittag paßte das Gottesdienstthema für diesen Monat sehr gut: Geborgenheit. Etwa vierzig Menschen waren in die kleine Kirche gekommen: Heimbewohnerinnen, Mitarbeitende und Angehörige. Heute wurde noch mehr gesungen als sonst, und es schien den Bewohnerinnen gut zu tun. Wie immer gab es „ein Geschenk von der Kirche“: Ein Bildchen von einer Skulptur der Künstlerin Dorothea Steigerwald, auf das die Teilnehmenden intensiv reagierten. Es ist immer wieder bewegend zu sehen, was für eine besondere Gabe der Pfarrer gerade für diese Menschen hat und wie er sie erreicht, egal ob sie sich noch sprachlich ausdrücken können oder nicht mehr. Heute waren auch einige Konfirmanden dabei, die sich im Rahmen eines Diakoniepraktikums um die Seniorinnen kümmerten. Ein besonderes Highlight war wieder das Lied, das fast immer am Schluß gesungen wird und das Mama inzwischen auswenig kann: So nimm denn meine Hände …