Exportschlager Demenz?

… heißt eine Überschrift im Polit-Blog der Basler Zeitung von heute. Der Proffessor für politische Soziologie Walter Hollstein nimmt eine Entwicklung in den Blick, die nicht nur in der Schweiz zunehmend um sich greift. Demenzkranke Senioren werden – auch von Kommunen – in Pflegeeinrichtungen in Asien untergebracht auch im Blick darauf, wieviel Geld sich dadurch einsparen läßt:

Bei uns läuft der Demenzexport «diskreter» und vor allem schweizerisch pragmatisch. Es wird cool gerechnet und kalkuliert; moralische Bedenken und generationenübergreifende Verantwortung haben da keinen Platz. Der Aufenthalt für einen Demenzkranken in Asien kostet nur halb so viel wie in der Schweiz. Da kalkulieren viele Gemeindeverwalter schon, wie viel sie einsparen können und melden rasch ihr Interesse für solche Projekte an. Die Betreiber und Bauherren sind sowieso begeistert, weil sie mit einer hohen Rendite rechnen dürfen.

Auch die Leserkommentare sind lesenswert.

Wann ins Heim?

Menschen mit Alzheimer – wann ins Heim war eine Suchanfrage heute. Eine schwierige Entscheidung. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem pflegende Angehörige nicht mehr können und / oder die Schwere der Krankheit einen Grad erreicht hat, wo ambulante Maßnahmen nicht mehr greifen. Bevor man als pflegende/r Angehörige/r in diese Situation kommt, gibt es viele Anzeichen. Hier können Beratungsstellen für pfelegende Angehörige weiterhelfen, die es inzwischen an vielen Orten gibt.

Aber was tun, wenn es keine Angehörigen gibt, die in der Nähe wohnen (können) und jemand noch zuhause lebt? Dann stellen sich ganz unterschiedliche Fragen: Wie ist daa Alltagsleben des Kranken organisiert? Welche Ansprechparnter hat er / sie (ambulanter Pflegedienst, Besuchsdienst, gerontopsychiatrischer Dienst, Nachbarn …). Wo gibt es Lücken und wie können diese gefüllt werden? Wie steht es um die Sicherheit des Kranken aber auch der Nachbarn? Wenn diese nicht mehr gewährleistet werden kann, dann führt kein legaler Weg mehr an der stationären Unterbringung vorbei.

Meine Mutter konnte durch freundliche Nachbarn, die ansprechbar waren, relativ lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Die Toleranzgrenze war allerdings überschritten als sie vergaß, daß sie in der Küche Essen auf den Herd hatte, den Rauchmelder nicht hörte, die Nachbarn die Feuerwehr verständigten und diese mit einem Löschzug anrückte und meine Mutter davon später aber überhaupt nichts wußte. Zum Thema „wie finde ich ein gutes PflegeheimT“ habe ich mir hier hier einige Gedanken gemacht.

Wie finde ich ein gutes Pflegeheim?

Auf dem alten Alzheimer-Weblog habe ich vor ein paar Jahren einige Überlegungen niedergeschrieben, die mir bei der Suche nach einem Heimplatz für meine Mutter wichtig waren. Damals hatte ich meine erste Suche hinter mir und meine zweite Suche vor mir, denn meiner Mutter gefiel es im ersten Heim nicht, in dem sie 1 1/2 Jahre lebte. Sie zog dann in ein anderes Heim, in dem sie bis zu ihrem Tod lebte. Vor einigen Wochen kam nun ein Bekannter in die Situation, für seine Mutter einen Heimplatz zu benötigen. Deshalb stelle ich den Artikel von damals noch mal ein mit einigen Ergänzungen aus meiner heutigen Perspektive. Diese Ergänzungen erscheinen dann kursiv.

Wer sich in Berlin auf die Heim- oder WG-Suche für einen Angehörigen begibt, bekommt von Beratungsstellen oder anderen Einrichtungen diverse Listen mit Kriterien, auf die man achten soll. Ich habe mir selber mit Hilfe dieser Vorgaben und ersten eigenen Erfahrungen einen Fragebogen zusammengestellt. Den habe ich dann ausgedruckt und mitgenommen. Es ist wichtig für jede Einrichtung einen eigenen Bogen zu verwenden. Wenn man mehrere Besichtigungen hinter sich gebracht hat, weiß man sonst nicht mehr, ob der Therapiehund in Heim A oder in Wohngemeinschaft B kommt.

Mein Limit an einem Tag waren zwei Einrichtungen – trotz Tag der offenen Tür in sieben Heimen. Nach zwei Besichtigungen hat man so viele Eindrücke, dass man die erst einmal verdauen muss und Zeit braucht bis sich das alles setzen kann.

Hier nun zur Anregungen meine Liste.

Äußerliches:

– Wie ist die Atmosphäre beim Betreten des Hauses? (hell, großzügig, dunkel, muffig, steril, gepflegt, verschlampt, heruntergekommen)
– Werde ich zu Besuchen gern in dieses Haus kommen?
– Wie ist die Ausstattung der Zimmer?
– Was kann mitgebracht werden (Mobiliar, Erinnerungsstücke, Haustier)
Gibt es Tiere im Heim? In den verschiedenen Wohngruppen des Heims meiner Mutter gab es Katzen, Kaninchen und Vögel. Außerdem kamen mehrere Therapiehundeteams wöchentlich zu Besuch
– Sind die Räume mit Namen bzw. Symbolen gekennzeichnet? (Foto von Frau Müller und ihrer Katze)
– Wie ist der Wohnbereich strukturiert? (gemütliche Ecken mit anregenden Materialien z.B. Spiele, Tastmaterialien, jahreszeitlicher Schmuck ?)
– Wie sind die funktionalen Bereiche gestaltet (Küchenzeile, sanitäre Einrichtungen, gibt es Handläufe und Haltegriffe?)
– Sind die Räume anregend in ihrer Gestaltung?
– Von wem und wo werden Mahlzeiten zubereitet?
– Wo wird die Wäsche gewaschen (außerhalb des Heimes / der Wohngemeinschaft bringt höheren Verschleiß mit sich ? ist Übrigens Dauerthema in Angehörigengruppen von Heimbewohnern).
Diesen Punkt sehe ich inzwischen völlig anders. In den Ratgebern läuft es meist auf die Gleichung raus: Wäscherei im Heim ist gut – Waschen außerhalb ist schlecht. Im ersten Heim meiner Mutter wurde innerhalb des Heims gewaschen. 80 % ihrer Garderobe waren nach einem Jahr „verschwunden“. Im zweiten heim wurde außerhalb gewaschen – und zwar in einer Werkstatt für geistig Behinderte. In den mehreren Jahren ihres Aufenthalts, ist kein einziges Kleidungsstück verloren gegangen. Der entscheidende Punkt ist nämlich, wie die Wäsche gekennzeichnet ist. Heim 1 verlangte als erste Amtshandlung 80 Euro für das Einnähen von Namenszeichen aus Stoff. Die konnte man schnipp schnapp mit zwei Schnitten aus der Kleidung heraustrennen. Im Heim 2 wurde die Wäsche so gekennzeichnet, daß die Namenszeichen mit einem speziellen Verfahren eingebrannt wurden – und nichts kam weg. Dafür wurde einmalig eine Gebühr von 20 Euro erhoben.
– Gibt es Balkon, Garten, Tiere?
Je mehr umso besser: Tiere die im Alltag mitleben und Tiere, die zu Besuch kommen – sei es der Therapiehund oder Kaninchenbesuch. Auch Besuche auf einem nahegelegenen Kinderbauernhof sind eine Möglichkeit zum Kontakt mit Tieren.
Wenn die Räume oder Gänge dämmrig, verwinkelt oder mit viel Schatten sind, sind sie für Demente / Alzheimer-Kranke ungeeignet, denn die entwickeln früher oder später Ängste vor dem eigenen Schatten.

Personal:

– wie viele Mitarbeiter arbeiten in der Gruppe / auf der Station? (fest Angestellte und Aushilfen)
Welchen Berufsgruppen gehören die Mitarbeitenden im Gruppendienst an? Ideal ist eine Kombination aus unterschiedlichen Erfahrungsfeldern: Pflegekräfte, Hauswirtschaftskräfte und Heilpädagoginnen.
Außerdem nachfragen, welche Mitarbeiter es gruppenübergreifend gibt (Heimleitung, Sozialarbeiter, Musiktheraput, Physiotherapie / Krankengymnastik / Alltagsbegleiterinnen/ Bundesfreiwilligendienst …)
– Welche Ausbildung(en) haben sie? Haben alle die 120 Stunden Ausbildung zu Demenz?
Wichtig ist auch, welche Fortbildungen angeboten und wahrgenommen werden. Sehr zentral war für mich, da meine Mutter schwer traumatisiert war, daß es für die Mitarbeiterinnen in der Wohngruppe regelmäßig Supervision gibt und die auch wahrgenommen wird (wird hier im Haus Supervision angeboten, in welcher Häufigkeit und wer nimmt daran teil).
– Wie hoch ist der Anteil der Examinierten? (Im Heimbereich sind 50 % vorgeschrieben)
Manche Heime sagen, bei ihnen gäbe es tagsüber immer zwei Examinierte. Damit werden immer wieder auch höhere Preise gerechtfertigt. Im ersten Heim meiner Mutter wurde das nicht gewährleistet. Das zweite Heim, das viel besser war, hat das nicht versprochen. Ich finde es mittlererweile auch nicht nötig. Viel wichtiger ist ein guter emotionaler Zugang zu den Bewohnern. Eine examinierte Kraft pro Schicht genügt, wenn die anderen entsprechend gut aus- und fortgebildet werden, dann kann man auch gut mit Pflegehelferinnen, Pflegeassistenten arbeiten. Wichtiger wäre mir heute auch, zu erfragen, wie hoch der Anteil an Leiharbeitskräften / Aushilfen ist. Das sollte kein Dauerzustand sein, sondern wirklich nur in Notfällen (Ferienzeit und unerwartete Aufsälle durch Krankheit).
– Kommen Mitarbeiter von außen für bestimmte Aktivitäten (welche?) wie Musiktherapie, Beschäftigungstherapie, Pfarrer für Gottesdienste, Therapiehund sowie Ehrenamtliche, die einen Cafenachmittag o.ä. gestalten; auch Kindergartengruppen, die zum monatlichen Besuch kommen, sind eine schöne Sache usw. Diese zusätzlichen Personen bringen einerseits neue Anregungen, aber im Krankheits- oder Urlaubsfall fallen diese Aktivitäten dann aus. Oder gibt es Vertretung?
– Wie wird die ärztliche Versorgung abgedeckt (von Hausarztprinzip für die einzelnen Bewohner bis zur rund-um-die-Uhr-Präsenz eines Arztes ist alles denkbar).
Ganz wichtig: Welche Fachärzte kommen ins Heim? Es ist ganz schwierig, Fachärzte zu finden, die ins Heim kommen. Von daher ist es ein Qualitätskriterieum, wenn ein Heim es fertig bringt, daß unterschiedliche Fachärzte kommen, wie Neurologe, Orthopäde oder Facharzt für Schmerztherapie … (Mit welchen Ärzten welcher Fachrichtungen arbeiten Sie zusammen und wer von diesen kommt ins Heim. „Zusammenarbeiten“ heißt oft, daß die Bewohner dorthin transportiert werden, deshalb fragen: Welche Fachärzte welcher Fachrichtungen kommen ins Heim?)

Wie ist das Heim ins Gemeinwesen eingebunden?
– gibt es Restaurants oder Cafes in der Nähe?
– gibt es kommunale Veranstaltung, wo die Kommune sich aktiv um Beteiligung und Einbindung des Heimes bemüht (Stadtteilfest, Weihnachtsmarkt, Sommerfest des Heimes, Hortgruppe besucht monatlich eine Bewohnergruppe)
– Kommen Ehrenamtliche, die wöchentlich oder 14tägig etwas anbieten? (Gartengruppe, Kaffeenachmittag, Hundebesuch, Kaninchenbesuch, Volkslieder auf Akkordeon vorspielen …)

 

Bewohner:

– Sind die Bewohner gepflegt oder vernachlässigt (Rasieren bei Männern und die Fingernägel sind ein guter Anhaltspunkt)
– Was strahlen die Bewohner aus ? unabhängig davon dass es eine individuelle Tagesform gibt.
– Werden die Bewohner mit Nachnamen angesprochen oder als Mutti, Oma, Mausi tituliert.
Ansprechen mit Vornamen ist in Ordnung, wenn die Bewohner das ausdrücklich mögen. Meine Mutter wurde von manchen Mitarbeitenden mit ihrem Vornamen angesprochen und anderen mit ihrem Nachnamen.
– Werden die Bewohner gefragt, ob ihr Zimmer gezeigt werden darf oder nicht. (Frau Müller, das ist Herr Meier. Er überlegt, ob seine Mutter hier einziehen wird. Darf er sich Ihr Zimmer ansehen?)

Wenn Bewohner sich noch sprachlich ausdrücken können, dann fragen Sie selber und nutzen das als Gelegenheit, um ohne Personal mit einem Bewohner ins Gespräch zu kommen (Herr Müller, ich überlege gerade mit meiner Mutter, ob sie hier einzieht. Darf ich Ihr Zimmer anschauen? Würden Sie mir bitte Ihr Zimmer zeigen?)

 

Konzept:

– wie wird der Tagesablauf gestaltet?
– Welche Aktivitäten (tagesstrukturierende Betreuung) gibt es? (Singen, Musik, Spaziergänge ?)
– Gibt es Biografiearbeit? In welchen Formen? Das kann vom Betrachten von Fotoalben bis zu einem Erinnerungszimmer gehen.
– Werden Alltagsfähigkeiten eingeübt (Waschen, Anziehen, Toilettengang)
– Wie werden die Angehörigen einbezogen?
– Wird nach der Biografie der Kranken gefragt und wie wird sie in den Alltag einbezogen.
Im 2. Heim füllte ich Frageboten mit 120 Fragen aus. Das schlug sich dann wirklich im Umgang mit meiner Mutter nieder.
– Passt mein Angehöriger in die Gruppe und woran wird das festgemacht?
Wenn jemand noch gut kommunikationsfähig ist und auch gern spricht, dann ist eine Gruppe, in der alle anderen Bewohner nicht mehr sprechen, eher ungüstig.
– Können die Angehörigen jederzeit die Pflegedokumentation einsehen?
– In kirchlichen Häusern: Wird der sonntägliche Gottesdienst in alle Zimmer übertragen oder gibt es Rückzugsmöglichkeiten wenn man nicht interessiert ist. (Im ersten Heim meiner Mutter unter freier Trägerschaft kommt einmal wöchentlich am Dienstag der Pfarrer und macht ein Angebot in einem Gemeinschaftsraum, was meine Mutter nie interessierte. Im zweiten Heim – auch freie Trägerschaft – gab es einmal monatlich in einem Kirchenraum einen Gottesdienst für Demenzkranke. Meine Mutter, die ihr ganzes Leben mit Religion nichts am Hut hatte, ging regelmäßig hin und entwickelte eine gute Beziehung zum Pfarrer, der sie bis zum Tod begleitet hat).
– Sind die Kosten und Leistungen transparent (in WGs: Miete, Pflege, Wirtschaftsgeld, wer entscheidet ?ber Neuanschaffungen?)
– gibt es einen Heimbeirat (ist vorgeschrieben)?
– Welche Regelungen greifen, wenn der Bewohner / die Bewohnerin länger im Krankenhaus ist? Es gibt Heime, da müssen dann noch drei Tage bezahlt werden und andere, die für die ganze Zeit der Abwesenheit auf Bezahlung von 75 % der Kosten bestehen.

Nach dem Besuch:

– Mit wem konnte ich sprechen?
– Hat man sich für meine Anliegen Zeit genommen?
– Wie sind meine Fragen beantwortet worden? (offen oder wurde ausgewichen)

Eine Regel, die mir eine Beraterin der Alzheimerangehörigen-Initiative sagte und die ich sehr einleuchtend finde: Die Bedingungen im Heim sollten möglichst nah an den Bedingungen sein, unter denen der Demente vorher gelebt hat. Meine Mutter legte beispielsweise großen Wert auf ein eigenes Bad für sich alleine. Oft wird gesagt, es sei besser, wenn die Bewohner zu zweit im Zimmer sind, weil das mehr Anregungen für sie bringt. Das bringt dem Heim mehr Geld, und meiner Mutter hat das im ersten Heim nicht gefallen.

rasante Beschleunigung von Alzheimer beim Umzug ins Heim?

Seit längerer Zeit ist Demenz immer wieder Thema in der „Sachsenklinik“, also der beliebten Krankenhausserie „in aller Freundschaft“. Die alleinerziehende Ärztin Katrin Globisch kümmert sich auch noch um ihre an Alzheimer erkrankte Mutter. Bis jetzt klappt es mit einer privaten Pflegerin mehr oder weniger gut. Wenn die Pflegerin sich verspätet oder krank ist, kommt Katrin Globisch regelmässig in die Bredouille. Da dieser Alltag wegen der Ausfälle der Mutter immer schwerer lebbar ist, steht nun die Frage, ob es zuhause noch weitergehen kann oder ein Umzug ins Heim dran ist, auf der Tagesordnung (Folge 540). Im Gespräch mit ihren Freunden und Ärztekollegen fällt der Satz, den ich schon unzählige Male gehört habe:

„Der Umzug in ein Heim beschleunigt diese Krankheit meistens rasant“

Meinen Beobachtungen entspricht das nicht. Klar, jede Änderung in der Struktur ist für dementiell veränderte Menschen enorm schwierig, und aus der Streßforschung ist bekannt, daß Umzüge zu den Lebensereignissen gehören, die sehr großen Streß mit sich bringen. Es kann sein, daß ein solcher Umzug einen Krankheitsschub auslöst. Ich habe jedoch häufig beobachtet, daß bei gut geführten Heimen die Umzugs- und Eingewöhnungsphase sehr bewußt gestaltet wird. Viele Kranke leben in der neuen Umgebung auf. Der Streß ist deutlich reduziert, weil sowohl die Gestaltung des Heims als auch der Umgang des Pflegepersonals auf die dementiell veränderten Menschen abgestellt ist. Der Kranke erlebt andere Kranke mit ähnlichen Schwierigkeiten.

In einem Heim gibt es auch viele unterschiedliche Angebote, die dazu beitragen sollen, die vorhandenen Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten. Unterschiedliche Angebote helfen den Bewohnern, ihren Tag zu strukturieren und zu gestalten. Und wer seine Ruhe haben will, kann auch das haben. In Mamas Heim gab es regelmässig Gymnastik, Singen, Musik, Beschäftigungsangebote unterschiedlicher Art, Ausflüge zum Tierbauernhof, Besuch eines Therapiehundes, Gottesdienst, Gartengruppe, Sportgruppe. Regelmässig kam eine Hortgruppe zu Besuch. Und am Jahr entlang wurden alle möglichen Feste gefeiert.

Und dass die Alzheimer-Krankheit fortschreitet, liegt leider in der Natur dieser Krankheit.

Reise ins Vergessen …

… heißt ein Artikel, der heute im Tagesspiegel erschien. Bis jetzt gab es Dokumentationen über das Pflegeprojekt in Thailand, das von Markus Woodtli gegründet wurde, in verschiedenen Fernsehsendern. Sie waren mehr oder weniger (meist eher weniger) kritisch in ihrer Berichterstattung, aber was der Tagesspiegel heute zu diesem Thema bietet ist äußerst unkritisch.

In meinem alten Blog ist ein kritischer Gastbeitrag von Inge S., Lehrerin für Pflegeberufe, über das Projekt von Markus Woodtli wie es in einer Fernsehdokumentation dargestellt wurde, und zwar hier.

Wie ist das mit dem Elternunterhalt bei Pflegebedürftigkeit der Eltern?

Soeben kam im Polit- und Wirtschaftsmagazin „PLUSMINUS“ ein Kurzbeitrag zum Thema „Elternunterhalt“. Im Zeitalter zunehmend klammer Kassen bei den Kommunen wird immer mehr versucht, die erwachsenen Kinder pflegebedürftiger Senioren heranzuziehen. So trifft es immer mehr Menschen, die selber von geringen Einkommen leben, daß sie sich mit Forderungen von Sozialämtern konfrontiert sehen. Denn wenn die Rente und Rücklagen der Senioren nicht für die Heimkosten reichen, dann springen erst einmal die Sozialämter ein, die dann versuchen, das bei den Kindern zu holen. Eine Frau, die selbst 700 Euro Einkünfte hat und von ihrem Ersparten für ihren eigenen Lebensunterhalt zuschießt, wird mit einer Forderung im fünfstelligen Eurobereich konfrontiert.

Der Plusminus-Rechtsexperte schätzt, dass 80 Prozent dieser amtlichen Forderungen juristisch nicht haltbar sind. Das aber bedeutet einen jahrelangen Rechtsstreit und zusätzliche nervliche Belastungen. Die Sendung stellt es so dar, daß es ziemlich beliebig sei, was da den erwachsenen Kindern abverlangt werde: Im einen Landkreis so, im nächsten so und im übernächsten ganz anders.

Ich habe mich vor Jahren im Rahmen einer Veranstaltungsreihe eines Betreuungsvereins informiert. Die sachverständige Frau hat das ziemlich gut erklärt. Bei der Beitragsfestsetzung spielt auch eine Rolle, welchen Lebensstandard sich ein erwachsenes Kind leisten konnte bevor der Elternteil pflegebedürftig wurde. Deshalb kann es durchaus zu gerichtlichen Entscheidungen kommen, die Otto Nor.malverbraucher nicht nachvollziehen kann. Die Expertin erzählte von einem Fall, der ihr selber unterlaufen ist. Sie arbeitete nämlich vor ihrer Freiberuflichkeit im Sozialamt in diesem Bereich. Da gab es einen Zahnarzt, der an einem See im Berliner Umland einen Liegeplatz für seine Yacht hatte. Es gab einen jahrelangen Prozeß, und der Kläger bekam Recht mit dem Argument, dass der Yachtliegeplatz zu seinem Lebensstandard gehört habe und der Lebensstandard auch bei eintretender Pflegebedürftigkeit einers Elternteils auf dem gleichen Niveau aufrechterhalten werden müsse.

So kann es zu der widersinnigen Situation kommen, dass Leute mit mittleren Einkommen herangezogen werden und solche mit höheren Einkommen nicht. Nicht mal Hausfrauendasein und Gütertrennung schützen davor. Es gibt durchaus Fälle, in denen der Ehepartner für den Unterhalt des Schwiegerelternteils herangezogen wird, erklärte die Expertin.

Mein Tipp: Wer sich mit dieser Frage herumschlagen muß, soll sich an einen Betreuungsverein wenden.

Bei der Verbraucherzentrale ist soeben eine Broschüre zum Thema „Elternunterhalt – Kinder haften für ihre Eltern“ erschienen:
„Hohe Pflegekosten im Alter stellen Eltern und ihre Kinder vor große finanzielle Herausforderungen. Unter welchen Voraussetzungen die Eltern finanzielle Unterstützung von ihren Angehörigen verlangen können und wann Kinder für ihre Eltern aufkommen müssen, erfahren Sie in diesem Ratgeber. Darüber hinaus erfahren Sie, welche Rolle das Sozialamt im Zusammenhang mit dem Elternunterhalt spielt, und erhalten Tipps, wie Sie sich diesem gegenüber verhalten können.“
http://www.ratgeber-verbraucherzentrale.de/UNIQ131170554119424/elternunterhalt

Schrecklich und ermutigend …

Vorgestern mußte ich zum letzten Mal in Mamas Heim und ihr Zimmer räumen. Ich hatte noch die Bilder von der Wohnungsauflösung vor 5 1/2 Jahren vor mir. Es war einfach nur schrecklich. Deshalb konnte ich im Blog damals auch gar nichts darüber schreiben, sondern habe es bei einer Andeutung belassen. Aber die Bilder davon kamen und kommen immer wieder. Sie waren zeitweise so massiv, daß ich ein paar Stunden Kunsttherapie gemacht habe, um sie loszuwerden oder zumindest zu begrenzen, obwohl den Löwenanteil der eigentlichen Arbeit damals Günter gemacht hat. Mit ihm und Gabi bin ich in Mamas alte Wohnung gefahren und habe aussortiert, was nach Berlin sollte. Am Tag als das Umzugsunternehmen bestellt war, schickte Günter mich mit Gabi in den Nymphenburger Schlosspark und sagte mir bescheid als das Umzugsunternehmen seine Arbeit beendet hatte. Das Ausräumen der Wohnung habe ich so gar nicht mitbekommen. Aber der Kontrast zwischen der vollen und fast leeren Wohnung hat mir mehr als genug zugesetzt. Zu wissen, da ist ein Mensch, der noch lebt und nie mehr in diese Wohnung zurückkehren wird, und über dessen Eigentum man entscheiden muss, war eine der schwierigsten und verstörendsten Erfahrungen dieser Zeit.

Heute war ich allein mit dem Ausräumen. Als ich in die Wohngruppe kam, war gerade Mittagszeit. Die meisten Bewohnerinnen waren beim Mittagsschlaf. Am Schwersten fiel es mir den Kleiderschrank auszuräumen. Ich fragte eine Hauswirtschaftsmitarbeiterin, ob ich das nicht einfach lassen könnte und sie das dann verwenden oder entsorgen könnten. Sie sagte, das dürfte sie nicht, aber ich solle einige Minuten warten und einen Kaffee trinken. Sie kam dann und ging mit mir in Mamas Zimmer und half mir dabei. Das war für mich eine sehr große Unterstützung. Ich habe ihr das hoch angerechnet, denn eigentlich war es ihre Mittagspause. Die beiden Herren vom Umzugsunternehmen waren auch sehr nett. Auf der Fahrt haben wir uns gut unterhalten, und es war sehr interessant zu hören, wie es ihnen als Migranten in Berlin geht und ihre Sicht auf die Stadt und die Menschen. Der eine war Libanese und der andere ein türkischstämmiger Deutscher.

Jetzt bin ich einfach nur erschöpft und froh, das hinter mich gebracht zu haben. Die Leiterin der Wohngruppe, die ein ganz großes Herz für Mama und auch die schwierigeren ihrer Eigenheiten hatte und dafür von Mama auch sehr geliebt wurde, war auf einer Fortbildung. Deshalb hat sie mir einen Brief hinterlassen, in dem sie sich für das Vertrauen und die gute Zusammenarbeit bedankt hat. Ein Satz hat mich besonders gerührt, weil ich ihr – sie ist von der ganz direkten Art – auch abnehme, daß er ehrlich gemeint ist: „Wir haben viele schöne Stunden und Tage mit Ihrer Mutter verbracht.“ Mich hat es immer wieder beeindruckt, wie dieses sehr junge Team (die pflegerisch und heilpädagogisch tätigen Kräfte waren alle zwischen Mitte 20 und Mitte 30, die Hauswirtschaftskräfte etwas älter) sich engagiert und den Alltag mit den Bewohnerinnen gestaltet hat.

Angehörigenbashing …

Immer wieder gerät in Politsendungen die Pflege in Heimen oder zuhause in den Fokus. Das ist auch gut so. Nicht gut ist, wenn derartige Beiträge immer wieder gern mit dem einleitenden Satz versehen werden: „Viele wollen ihre alten und pflegebedürftigen Eltern nicht ins Heim abschieben„. Ich würde mal sagen: Niemand will Angehörige abschieben, sondern jede/r ist um die bestmöglichen Bedingungen bemüht. Die können je nach persönlicher Situation des Pflegebedürftigen oder der pflegenden Angehörigen (meist sind es nach wie vor Frauen – machen wir uns nichts vor: Töchter, Schwiegertöchter, Ehefrauen) sehr unterschiedlich sein.

Niemand macht sich die Entscheidung für ein Pflegeheim leicht, aber es gibt Lebenssituationen, in denen ein Heim die einzige für alle Beteiligten sozialverträgliche Alternative ist. Selbst wenn ich nicht berufstätig wäre, hätte ich Mama nicht zuhause pflegen können. Meine Wohnung, die Breite der Türrahmen – schon damit hätte es angefangen. Das Heim konnte ihr Angebote zur Verfügung stellen, die auf privater Basis nicht zu organisieren gewesen wären: Beschäftigungstherapie, Hundebesuch, Gottesdienst und eine Fachlichkeit in der Pflege rund um die Uhr, die ein fachfremder Angehöriger selbst mit Unterstützung eines Pflegedienstes nicht bewerkstelligen kann.

Krankengymnastik kann man noch zuhause organisieren, aber Therapiehunde gibt es nicht in ausreichender Zahl. Die reichen noch nicht mal für alle Heime, die Interesse haben. Und wer hat schon so eben mal einen auf dementiell veränderte Menschen abgestimmten G-ttesdienst in der Nachbarschaft? Das Heim nimmt einen zwar die körperlichen Aspekte der Pflege ab, aber es bleibt trotzdem mehr als genug zu tun …

Wichtig wäre, daß politisch die Rahmenbedingungen vorhanden sind, die Pflege ermöglichen – in der eigenen Umgebung oder im Heim.

Zum Weiterlesen:
In dem Beitrag „Neulich in der Alzheimer Angehörigengruppe“ habe ich früher schon mal erzählt, wie es für pflegende Angehörige ist, wenn der Gedanke ans Pflegeheim näher rückt und unausweichlich wird, weil man es zuhause nicht mehr schafft.

Wie sich Wünsche und Gebete ändern …

Nachdem Mama wieder in den Top-Ten des Ranking für „heute-ist-Kotzbrocken-Tag mit höchstem Aggressionslevel“ war, habe ich nachdem sie eingeschlafen war – mich noch eine Weile mit Frau Wegener unterhalten, die sich ihrer zunehmenden „Altersvergeßlichkeit“ – so nennt sie es – sehr bewußt ist. „Ich kann mir immer weniger von dem merken, was jetzt ist“. Ihr wird langsam klar, daß sie auf Dauer im Heim ist. „Man hat mich hier hergelockt“ sagt sie mit Fassungslosigkeit in der Stimme. „Es hieß, ich soll ausgiebig untersucht werden. Und jetzt kann ich nicht mehr nach Hause. Ich fühle mich betrogen“ Ob sie weiß, daß ihre Wohnung aufgelöst ist? In ihrem Zimmer ist kaum ein persönlicher Gegenstand. Anscheinend war da niemand, den das gekümmert hat und der ein Auge darauf hatte.

Bald hat sie Geburtstag. „So gerne möchte ich noch einmal Gastgeberin sein“ sagt sie. Aber ich weiß ja nicht einmal, ob ich noch Erspartes habe oder ganz arm bin. Wie sie ihren Geburtstag gern feiern würde, frage ich sie. Ob bestimmte Menschen dabei sein sollen. „Ich hätte gern eine Kaffeetafel mit Käsekuchen und dann sollen die vorbeikommen, die mögen“. Und für mich völlig zusammenhangslos meint sie: „Früher habe ich jeden Abend gebetet: Ich bin klein – mein Herz ist rein – soll niemand drin wohnen außer Jesus allein“. Gibt es ein Gebet, das Sie jetzt noch beten – frage ich sie. Ja, antwortet sie. Jetzt bete ich jeden Abend: „Lieber Gott, gib mir Zuversicht und hilf mir, daß ich meinen Glauben nicht verliere“. Früher habe sie auch in der Bibel gelesen. „Ich weiß nicht, wo meine ganzen Bücher sind – auch nicht, wo meine Bibel ist und auch nicht mein Fotoapparat und meine Fotoalben“. In dem Zimmer befindet sich kein einziges Buch und auch kein Fotoalbum, und die Möbel sind vom Heim.

Ich bewundere diese Frau, die aus ihrem Leben gerissen worden ist, die sich über ihren Gesundheitszustand bewußt ist und soviel Freundlichkeit, Fürsorge und Anteilnahme ausstrahlt. Als ich mit einer Mitarbeiterin über Frau Wegeners Wunsch spreche, an ihrem Geburtstag Gastgeberin zu sein, erfahre ich, daß schon entsprechende Vorbereitungen laufen und in den nächsten Tagen eine Mitarbeiterin mit ihr einkaufen gehen wird, damit das alles nach ihren Wünschen und Vorstellungen sein wird.

Das ging ins Auge …

Mama mag es überhaupt nicht, wenn sie neu gelagert wird. Sie will in Ruhe gelassen werden und fertig. Da sie aber nicht wundliegen soll, muß sie alle zwei Stunden gedreht werden. Gestern schlug sie dann um sich und erwischte die Mitarbeiterin voll im Auge. Ich hätte mit einer Schmerzreaktion gerechnet, aber nicht mit der Ansprache, die dann in ganz freundlichem Ton, zu dem ich in dieser Situation nicht in der Lage gewesen wäre, kam: „Mensch, Vorname-meiner-Mutter, was machst denn Du mit mir? Ich bekomm‘ ja ein blaues Auge. Was soll ich denn meinem kleinen Sohn sagen, wenn ich heimkomme. Dem sag ich doch immer, daß man sich nicht hauen soll.“