Unprofessionell oder professionell?

Dieses Posting hat nichts mit Alzheimer oder Demenz speziell zu tun, sondern mit Pflegebedürftigkeit allgemein. Ein Freund hat Pflegestufe 1 genehmigt bekommen, damit er sich sein Leben so organisieren kann, daß er noch möglichst lang zuhause bleiben kann. Letzten Freitag haben wir zusammen einen Ausflug gemacht. Als wir zu ihm nach Hause kamen, waren zwei Anrufe auf seinem Anrufbeantworter aufgezeichnet.

Anruf Nummer 1:
„Guten Tag, hier Ros… (Rest des Namens war vernuschelt nicht verständlich – auch nach dreimaligem Abhören nicht). Ich bin Pflegeberaterin“ (ist das ein Beruf? Was für eine Qualifikation steckt dahinter? Ich vermute mal, jede/r kann sich so bezeichnen. Für mich hört es sich an wie ich-bin-Avon-Beraterin oder ich-bin-Tupper-Beraterin. Da kommt jemand von einer Firma ins Haus und will einem deren Produkte verkaufen.) Dann war zu erfahren, daß man mit ihr einen Beratungstermin unter der Telefonnummer xyz vereinbaren kann oder eine Nachricht hinterlassen kann, wann man einen nochmaligen Anruf wünscht.

Mein Freund war ganz aufgeregt: Wer ist das überhaupt? Was will die? Von wo ist die? Wie kommt die überhaupt an meinen Namen und meine Telefonnummer? Ich stehe doch nirgends. Wer kann das wissen? Er ist ganz aufgelöst (siehe unten). Ich beruhige ihn und schlage vor, daß wir die angegebene Nummer anrufen. So erfahren wir am schnellsten, wer dahinter steckt. Der Anrufbeantworter am anderen Ende der Leitung informiert uns, daß es sich um einen „Pflegestützpunkt handelt. Jeder Berliner Bezirk hat einen solchen Pflegestützpunkt, der Betroffene und Angehörige über mögliche Hilfs- und Unterstützungsangebote beraten und auf Wunsch bei der Vermittlung behilflich sein soll. Ich gehe ins Internet: Träger ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte  und auf der Seite „Team“ ist keine Frau Ros… (wie auch immer) angegeben.

Liebe (Un-)Professionelle:
Ihr ruft nicht als Lieschen Müller Eure Freundin an, sondern als VertreterIN einer Institution. Wenn der Angerufene Euch nicht kennt, dann ist die Information enorm wichtig, was Euer institutioneller Hintergrund ist und wie Ihr an seine Daten gekommen seid und wer das in die Wege geleitet hat. Es kann Menschen tief verunsichern oder sogar verängstigen, wenn da auf einmal Frau oder Herr Unbekannt eine Nachricht hinterläßt: Merke: Im Jahr 2012 ist zwar die Nazizeit 62 Jahre und die DDR etwas über 20 Jahre vorbei. Wer aber ein Verfolgungsschicksal hat – sei es nun Nazizeit oder Stasi – oder beides, kann so eine Form der Kontaktaufnahme ganz schlecht ab. Solche Telefonate kann man auch in der Teambesprechung oder in der Praktikantenanleitung im Rollenspiel üben, weil es für ALLE sozialen Einrichtungen gilt.

Also langsam und deutlich etwa so wie auf dem 2. Anruf, der auch noch gespreichert war:

„Guten Tag Herr Müller-Meier. Hier spricht Lisa Mustermann. Ich bin Sozialarbeiterin bei der Volkssolidarität Berlin-Mitte. Sie hatten in unserer Geschäftsstelle angerufen und um einen Beratungstermin gebeten wegen häuslicher Pflege. Ich schlage Ihnen nächsten Dienstag 14. August um 11.00 Uhr bei Ihnen zuhause vor. Sie erreichen mich unter der Tel.nr. Sie können auch eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Nochmal mein Name: Lisa Mustermann von der Volkssolidarität. Auf Wiederhören“.

Mein Freund ist Mitglied in der evangelischen Kirche und war auch einige Jahre ehrenamtlich sehr aktiv. Die Beratung hat er bei der Volkssolidarität wahrgenommen. Die Sozialarbeiterin war sehr kompetent und hat umfassend informiert. Vom Medizinischen Dienst haben die ambulanten Pflegedienste der Volkssolidarität im letzten Jahr die Note 1,0 bekommen.

Zum Weiterleisen verlinke ich auf einen Beitrag aus meinem alten Weblog:
Die Gegenwärtigkeit des Vergangenen – oder: Wenn die Vergangenheit nicht (mehr) vergangen ist

Mehr zu den Berliner Pflegestützpunkten ist hier zu finden.

Die Last mit den Eltern …

hieß eine Dokumentation, die ich gerade in der ARD gesehen habe. Drei Familien, die versuchen, die Eltern oder einen Elternteil zuhause zu pflegen, wurden gezeigt. 1,6 Millionen Menschen werden derzeit zuhause gepflegt, meist von den Töchtern oder Schwiegertöchtern. Auch in der Doku war es so, dass Brüder – soweit vorhanden – im Hintergrund blieben. Bei einem Elternpaar – beide pflegebedürftig – sind drei Töchter neben ihrem Beruf rund um die Uhr für die Eltern da. Freizeit gibt es für sie nicht mehr. Schon der Vater allein braucht so viel Unterstützung, daß die Mutter zu kurz kommt.

Am meisten bewundere ich eine Frau, die sich allein um ihre Mutter kümmert. Die Geschwister haben sie im Stich gelassen. Zu ihrer Situation heißt es auf der Sendungshomepage:

Über 15 Jahre lang hat Sabine Zahntechniker in der ganzen Welt ausgebildet, in Manila und Los Angeles gelebt und sich dann mit einem Designladen in Holland niedergelassen. Gerade hatte sie eine Anfrage auf die Philippinen zurückzukehren erhalten, als der Anruf ihres Bruders kam, ihre Mutter sei mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Das war total überraschend, weil sie ja eben noch so ganz fit war. Sie ist einen Tag vorher noch Auto gefahren. Keiner hat damit gerechnet, dass sie von einem Tag auf den anderen ein Pflegefall ist. Man stellt es sich so vor, dass das so langsam kommt, dass man es sieht, dass man sich darauf vorbereiten kann, aber das war es halt nicht.
Sabines Mutter überlebt knapp, kann sich aber nicht mehr artikulieren und für Sabine ist klar, dass sie in einem Heim untergehen würde. Spontan beschließt sie, für vier Tage die Woche in ihr Heimatdorf Brake bei Oldenburg zurückzukehren und drei Tage in Holland weiter zu arbeiten. Doch die dafür nötige Unterstützung ihrer drei Geschwister bleibt aus. Sabine muss in Brake bleiben und wird von einer erfolgreichen Unternehmerin zur Hartz-IV-Empfängerin. Dennoch hat sie ihren Entschluss nicht bereut. Systematisch hat sich Sabine in den Bereich der Pflegestufen und Zusatzleistungen eingearbeitet und setzt zurzeit alles daran, die für die Mutter nötige Flüssigkeitsversorgung bei der Krankenkasse durchzusetzen.

Die Frau schafft es sogar noch, eine Ausbildung zur Masseurin zu beginnen – das einzige, was die Agentur für Arbeit bereit ist zu finanzieren. Sie weiß, dass sie nach dem Tod der Mutter für ihr Auskommen sorgen muß. Die drei Geschwister, die mit am Tisch sitzen, als darüber beraten werden soll, ob die Mutter mit einer Magensonde ernährt werden soll, sehen alle so aus, als ob ihre Situation abgesichert ist. Letztlich ist Sabine wieder allein in der Entscheidung, wie es mit der Mutter weitergeht.

Das Fazit der Sendung, das ich nur bestätigen kann:
Oft sind es weniger die kranken Eltern, sondern die Kämpfe mit Krankenkassen, Ärzten und Behörden, die die Pflege zur Last machen

Wiederholungen:
EinsExtra, 31. Oktober 2011, 05:30 Uhr
EinsExtra, 12./13. November 2011, 00:20 Uhr
SWR, 25. Januar 2012, 20:15 Uhr