Demenz und Gedächtnisprobleme in der Apotheke

Pharmama, eine Apothekerin aus der Schweiz, die regelmäßig über ihren beruflichen Alltag bloggt, hat alle ihre Blogposts zusammengestellt, in denen Gedächtnisprobleme eine Rolle spielen. Dicke Leseempfehlung!

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An den Grenzen des Lebens: aktive Sterbehilfe

Vor einigen Tagen hat Nikolaus Schneider seinen Rücktritt vom Amt des Ratsvorsitzenden der EKD (evangelische Kirche in Deutschland) bekannt gegeben und diesen mit der Krebserkrankung seiner Frau Anne begründet. Sowohl in der Wochenzeitung ZEIT (Seite 61) als auch im Stern – beide vom 17. Juli 2014 – sind ausführliche Interviews mit beiden nachzulesen.

Das Ehepaar Schneider hat vor einigen Jahren die Krebserkrankung und das Sterben ihrer damals 22jährigen Tochter durchlebt. Ich habe sie in einer Talkshow gesehen und war beeindruckt, wie sie mit den Fragen umgingen und Nikolaus Schneider dazu stand, daß für ihn Fragen an Gott offen blieben.

Die beiden sind – das geht aus den Interviews hervor – unterschiedlicher Ansicht, was die aktive Sterbehilfe bzw. den assistierten Suizid betrifft. Im Stern-Interview werden sie gefragt, darüber ihr letzter Streit ging: Soll in Deutschland organisierte Sterbehilfe erlaubt oder verboten sein?

Anne S.: Ich bin jedenfalls froh, daß ich weiß: Wenn ich es verlangen würde, würde er seine Überzeugung zurückstellen und bei mir sein.

Nikolaus S.: Die Liebe zu Anne ist wichtiger als meine ethische Überzeugung, ja.

Das heißt, Sie würden Ihre Frau auch in die Schweiz begleiten, dort eine Pille abzuholen?

Nikolaus S.: Für Anne würde ich auch etwas gegen meine Überzeugung tun. Aber ich würde alles versuchen, Anne für einen anderen Weg zu gewinnen.

Inzwischen ist das Interview der ZEIT auch online und zwar hier nachzulesen.

Auch ich bin mit der Frage nach aktiver Sterbhilfe konfrontiert gewesen. Mama litt nicht nur unter Demenz. Sie war auch chronische Schmerzpatientin und das 25 Jahre lang, also viel länger als ihre Demenzerkrankung. Immer wieder gab es Zeiten – meist im nasskalten November, wo von einem auf den anderen Tag die Einstellung der Schmerzmedikamente nicht mehr wirkte. Ihre Sätze höre ich auch heute noch immer wieder: „Ich will nicht mehr leben. Das ist doch kein Leben mehr. Diese Schmerzen wünsche ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind. Kannst Du mir nicht etwas besorgen um dem Ganzen ein Ende zu machen? Du kennst doch genug Leute aus dem medizinischen Bereich.“

Ich habe diese Bitte über Jahre immer wieder gehört. Die Pflegekräfte erzählten mir, daß meine Mutter am Abend immer wieder betete: „Lieber Gott, laß mich doch endlich sterben.“

Ich habe es nicht getan. Ich konnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, auch wenn ich wusste, daß meine Mutter, wenn sie die Möglichkeiten dazu hätte, ihrem Leben ein Ende setzen würde. Sie war sehr eingeschränkt in ihrem Bewegungsmöglichkeiten und saß die letzten Jahre im Rollstuhl. Sie war so schwach, daß sie sich nicht allein im Bett umdrehen konnte, sondern nachts alle vier Stunden gedreht wurde.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem ich an ihrem Bett stand. Sie lag müde und entkräftet da, hatte die Augen geschlossen. Wir hatten an diesem Tag nicht übers Sterben oder Sterbehilfe gesprochen. Ich sah sie in ihrer Hinfälligkeit und Schwäche, und ich glaubte in diesem Moment ihre Sehnsucht danach, daß das alles vorbei sein möge, zutiefst verstehen zu können. Und in meine Gedanken hinein, ob ich diesen über Jahre hinweg immer wieder geäußerten Wunsch ihr beim Sterben zu helfen nicht doch entsprechen solle, schlägt sie die Augen auf, schaut mich intensiv an und spricht mich mit meinem Kosenamen aus Kindertagen an und sagt: „Du darfst mich nicht tot machen“.

Ich habe für Mama getan, was ich konnte im Sinn der Quintessenz von Nikolaus Schneider: „Beim Sterben jede Hilfe aber nicht zum Sterben.“ (Stern Seite 51).

Diese letzte Grenze habe ich nicht überschritten, konnte und wollte ich nicht überschreiten. Für mich hatte das mit der Heiligkeit und der Unverfügbarkeit des Lebens zu tun. Was ich damit genau meine, ist einem zukünftigen Blogeintrag vorbehalten, weil es hier zu weit führen könnte.

Ich glaube den Wertekonflikt zu verstehen, in dem sich Nikolaus Schneider befindet. Er will aus Liebe zu seiner Frau im äußersten Fall, der – so hofft er – nicht eintreten möge, seine eigenen Überzeugungen, was die aktive Sterbehilfe betrifft, zurückstellen. Nur: Nikolaus Schneider ist nicht nur Ehemann von Anne und Privatperson, sondern er wird hier als oberster Repräsentant des deutschen Protestantismus befragt.

Erinnern wir uns: Auch andere Personen des öffentlichen Lebens gaben Ämter auf um ihren kranken Ehefrauen beizustehen. Diesen Politikern wurde nicht die Frage gestellt, ob sie eine mögliche Selbsttötung ihrer erkrankten Ehefrau unterstützen würden. Deshalb gehe ich davon aus, daß Nikolaus Schneider diese Frage als christlicher Repräsentant gestellt wurde und er sie als solcher auch beantwortet hat.

In den letzten 30 Jahren sind in Deutschland zahlreiche Hospize entstanden, in denen Menschen in der letzten Lebensphase Aufnahme finden und ihre Schmerzen gelindert werden auch wenn das mit einer Verkürzung der Lebenszeit einhergeht. Die Kirchen haben viel beigetragen zur Hospizkultur in Deutschland. Mein Lebenspartner Günter hat die beiden letzten Wochen seines Lebens in einem evangelischen Hospiz verbracht. Er hatte aufgrund seiner Krebserkrankung Metastasen im Gehirn. Er verlor seine kognitiven Fähigkeiten in rasender Geschwindigkeit. Manchmal schrei er minutenlang und schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Ich war an der Grenze dessen, was ich aushalten konnte. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte Günter in dieser Situation aktive Sterbehilfe in Anspruch genommen. Die behandelnde Ärztin machte deutlich, daß hier eine Grenze war, die sie nicht überschreiten würde.

Einige Wochen nach Günters Tod wurde bei meiner Freundin Ulrike, die viele Jahre ihren Ehepartner gepflegt hatte, unerwartet Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Über Monate war sie trotz großer Schmerzen nicht zum Arzt gegangen, weil die Pflege sie so in Anspruch nahm. Sie bekam einen Platz im gleichen Hospiz wie Günter. Ich habe sie bis zu ihrem Tod täglich besucht.

Sowohl Günter als auch Ulrike bekamen die bestmögliche Schmerztherapie: Schmerzpflaster, Tropfen oder Tabletten und Bedarfsmedikation. Ihre Schmerzen waren gelindert, jedoch schmerzfrei waren sie kaum. Es war immer die Frage nach mehr oder weniger Schmerzen. Das war anders als das, was in den Schriften über Hospizpflege publiziert oder auf Hospizwochen in Vorträgen gesagt wird.

Für Ulrike, die eine tiefgläubige Protestantin und selbst studierte Theologin war, im Pfarrhaus aufgewachsen und ihr ganzes Leben bis ins Rentenalter kirchlich sehr engagiert, stellte sich die Frage nach aktiver Sterbehilfe zu keiner Zeit. Was Ulrike hingegen sehr beschäftigte, hat sie einmal mir gegenüber so formuliert: „Jetzt wo mein Leben bald zu Ende geht, seid IHR, meine jüdischen Freundinnen an meiner Seite und diejenigen, die sich um mich kümmern. Von meiner evangelischen Gemeinde war außer der Sozialarbeiterin der Diakoniestation niemand da.“ Und so blieb es auch bis zu ihrem Tod. Für sie war das Hospiz ein guter Ort, an dem sie ihr Leben Revue passieren lassen konnte und noch einiges Unerledigte abschließen konnte.

Wenn die Frage nach aktiver Sterbehilfe diskutiert wird, dann geht es auch darum, für wen und unter welchen Umständen ein assistierter Suizid zugänglich ist. Es ist ja nicht so, wie es das Stern-Interview nahe legt, daß man in die Schweiz fährt und eine Tablette holt. Derzeit ist es auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten, wer den assistierten Suizid in Anspruch nehmen kann. Das Sterben findet in der Schweiz unter ärztlicher Aufsicht statt und es kostet 5000 Euro (fünftausend), wobei noch die Fahrtkosten sowie die Unterbringungskosten für Begleitpersonen und die Kosten für Einäscherung und Überführung der Urne dazukommen.

Ich weiß das aus zuverlässiger Quelle von einem Pfarrer, der das gerade bei einem Gemeindemitglied erlebt hat als das Sterben beim Beerdigungsgespräch thematisiert wurde. Als er dann auf den Internetseiten der EKD für sich nach Hilfen für den Umgang mit dieser Situation suchte, fand er nichts.

Die sind nicht bescheuert …

ist ein Interview in der Printausgabe des Spiegel von letzter Woche (10. März 2014) überschrieben, das online leider nicht kostenfrei zugänglich ist. Michael Schmieder, Heimleiter von Haus Sonnweid, einem Schweizer Heim, das Maßstäbe gesetzt hat und setzt in der Betreuung von Demenzkranken, verwahrt sich gegen den verstörenden Trend, Demenzkranke in Pseudowelten leben zu lassen, sei es das niederländische Heim De Hogeweyk bei Amsterdam oder daß man Demenzkranke in ein Zugabteil setzt und ihnen dann per Filmprojektion Landschaften vorführt, die an ihrem Abteilfenster vorbeifliegen.

Das Interview finde ich sehr empfehlenswert und hoffe, daß es bald kostenfrei zugänglich wird. Dann trage ich den Link hier nach. Leider verbleibt das Interview derzeit im kostenpflichtigen Bereich. Aber es gibt einen nicht weniger lesenswerten Artikel über das Haus Sonnweid und zwar unter dem Titel Endstation Wellness.

Inzwischen gibt es den Artikel doch online und zwar hier. Frau Snoopy hat’s gefunden. Vielen Dank!

Es ist unsere Aufgabe, die Demenz zuzulassen …

… ist ein Artikel in der Berner Zeitung überschrieben, in dem der Facharzt für Geriatrie Jean-Luc Moreau befragt wird, der seit 24 Jahren in einem Heim für dementiell veränderte Menschen arbeitet:

Herr Moreau, jeder sechste Deutschschweizer gibt an, mit Demenz nicht mehr weiterleben zu wollen. Lieber tot als dement – können Sie das nachvollziehen?
Jean-Luc Moreau: Ich verstehe die Angst dahinter. Wir sind alle dermassen ausgerichtet auf Autonomie und fürchten so sehr, die Kontrolle über unser Leben zu verlieren. Die Botschaft der Demenzkranken ist jedoch: Man kann auch leben, ohne alles im Griff zu haben. Eine Demenz ist nicht das Ende. Man kann noch viel für die Lebensqualität tun. Aber das Bild der Demenz in der Öffentlichkeit ist negativ geprägt, das treibt mich um. Es wird meist nur auf verheerenden Zerfall und schweres Leiden fokussiert…

Sind wir als Demenzkranke nicht nur noch Hüllen unserer selbst?
Nein, ganz und gar nicht. Auch wenn wir unser Erinnerungsvermögen verlieren, sind wir immer noch ganze Menschen. Die Tochter einer Heimbewohnerin hier im Oberried sagte mir einmal, ihre Mutter, die es im Leben nicht einfach hatte, wirke als Demenzkranke zum ersten Mal glücklich. Diese Mutter erkannte zwar niemanden mehr. Doch sie lebte ganz spontan und grüsste liebenswürdig jeden, der auf sie zuging…

Unbedingte Lese-Empfehlung!!!

Exportschlager Demenz?

… heißt eine Überschrift im Polit-Blog der Basler Zeitung von heute. Der Proffessor für politische Soziologie Walter Hollstein nimmt eine Entwicklung in den Blick, die nicht nur in der Schweiz zunehmend um sich greift. Demenzkranke Senioren werden – auch von Kommunen – in Pflegeeinrichtungen in Asien untergebracht auch im Blick darauf, wieviel Geld sich dadurch einsparen läßt:

Bei uns läuft der Demenzexport «diskreter» und vor allem schweizerisch pragmatisch. Es wird cool gerechnet und kalkuliert; moralische Bedenken und generationenübergreifende Verantwortung haben da keinen Platz. Der Aufenthalt für einen Demenzkranken in Asien kostet nur halb so viel wie in der Schweiz. Da kalkulieren viele Gemeindeverwalter schon, wie viel sie einsparen können und melden rasch ihr Interesse für solche Projekte an. Die Betreiber und Bauherren sind sowieso begeistert, weil sie mit einer hohen Rendite rechnen dürfen.

Auch die Leserkommentare sind lesenswert.