Welttag der Suizidprävention

Seit 10 Jahren gibt es ihn: Den Welttag der Suizidprävention, der am 10. September begangen wird. Deshalb hat die heutige Ausgabe der taz sich dem Thema „Suizid bei alten Menschen“ gewidmet. Mehr als 10 000 Menschen sterben jedes Jahr durch Selbsttötung. Der Anteil der Menschen über 65 ist ein sehr hoher, und er steigt, weil der Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung steigt.

In der Printausgabe der taz ist der Artikel nicht bebildert. Die Überschrift ist etwas reißerisch geraten: „Lieber tot als im Pflegeheim„. In der Online-Ausgabe hat die taz folgende Bebilderung gewählt:

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Im Artikel heißt es, daß auch die Medien zu der Steigung der Suizidraten unter alten Menschen beitragen, weil dort das Leben im Heim oft als nicht mehr lebenswert dargestellt wird. Die Auswahl der Illustration des taz-Artikels unterstreicht das eindrücklich.

Man sieht keine Person auf dem Bild, sondern nur Hände, die sich an einem „Galgen“ festhalten. So heißt das Dreieck, mit dem Krankenhausbetten versehen werden, damit sich geschwächte Patienten daran hochziehen können. Dieses Bild eröffnet eine unendliche Projektionsfläche: Niemand da – Einsamkeit – allein gelassen ..

Liebe Bildredakteure: Bitte nachedenken bei der Auswahl der Illustrationen!

Suchworte: selbstmord ich habe demenns

Diese Anfrage führte jemand innerhalb der letzten Stunden auf dieses Blog und auf den Eintrag über eine Talkshow mit diesem Thema. Dieses Posting ist sicher nicht hilfreich, wenn jemand diese Frage bewegt.

Falls Sie noch einma auf dieses Weblog kommen, möchte ich Ihnen dazu Folgendes sagen: Meiner Ansicht nach hat jeder Mensch das Recht, über sein Leben und damit über sein Weiter-Leben zu entscheiden. Ich kann diese Gedanken auch nachvollziehen. Vor vielen Jahren, lange vor der Demenzerkrankung meiner Mutter, habe ich eine Freundin begleitet, die immer wieder schwere Depressionen hatte und deshalb alle paar Jahre in eine psychiatrische Klinik aufgenommen wurde. Wir haben lang über die Frage der Selbsttötung gesprochen. Für sie kam noch dazu, daß sie sehr religiös – Mitglied einer Freikirche war.

Falls Sie ohne ärztliche Diagnose zur Selbsteinschätzung gekommen sind, Sie hätten Demenz, empfehle ich Ihnen sehr, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine Reihe von Symptomen, die zu dem Schluß verleiten, es könne eine Demenz sein, können auch bei anderen Erkrankungen auftreten.

Suchen Sie sich Gesprächspartner. Wenn es die in Ihrem Umfeld nicht gibt, dann können Sie sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden, die bundesweit kostenlos unter der Nummer 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichbar. Dort wird man Ihr Anliegen ernst nehmen. Wenn Sie ein persönliches Gespräch bevorzugen, dann ist das bei manchen Telefonseelsorge-Stellen möglich. Sie können auch in eine Internetsuchmaschine „offene Tür“ oder „Krisenberatung“ oder „Krisenhilfe“ UND Ihren Wohnort oder die nächst größere Stadt eingeben.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren Weg und Ihre Entscheidung

Letzte Freiheit … oder was?

Gunter Sachs, Demenz, Alzheimer, Selbstmord, Selbsttötung, Stern, Reportage

Stern vom 12. Mai 2011

Der aktuelle Stern macht mit der Selbsttötung von Gunter Sachs auf und überschreibt sie mit „letzte Freiheit“. Ist es wirklich ein Zeichen von Freiheit oder von Unfreiheit, in dieser Situation aus dem Leben zu gehen? „Letzte Freiheit“ suggeriert etwas Heroisches. Und dieser Tod hat für mich nichts heldenhaftes. Ein Mensch, der nach gängigen gesellschaftlichen Maßstäben alles hatte, setzt seinem Leben ein Ende. Dieses Leben war ein nach außen inszeniertes Leben, und Gunter Sachs hatte die Kontrolle über diese Inszenierung. Alzheimer, wobei niemand weiß, ob er wirklich im Anfangsstadium dieser Krankheit war, bedeutet: Zunehmenden Kontrollverlust und zunehmendes Angewiesensein auf andere. Das konnte Gunter Sachs nicht ertragen – oder besser gesagt, diese Vorstellung konnte und wollte er er nicht ertragen. Er hatte materiell gesehen viel bessere Voraussetzungen als die meisten anderen: Er hätte sich Betreuung und Unterstützung nach seinen Bedürfnissen und Wünschen leisten können. Jemand, der eben mal zum Zahnarztbesuch nach Kalifornien jettet, scheitert an der Zukunftsperspektive Demenz. Die materielle Seite, die viele an den Rand der Verzweiflung treibt – neben allen möglichen anderen Schwierigkeiten, kann es nicht gewesen sein. Er wollte sich selber und anderen das nicht zumuten. Wobei noch die Frage wäre, wie die „anderen“, die jetzt mit dieser Selbsttötung leben müssen, dazu gestanden hätten.

Meine Mutter hat immer wieder geäußert, daß sie sterben will. Mehrmals dachten wir, es sei bald soweit, aber immer wieder kam sie ins Leben zurück. Und dann starb sie zu einem Zeitpunkt, an dem wir nicht damit gerechnet haben. Wobei ich denke, daß es weniger die Demenz war, die ihrem Todeswunsch zugrunde lag, sondern dass sie eben auch chronische Schmerzpatientin war und in ihrer Bewegungsfähigkeit immer mehr eingeschränkt war. Und trotzdem hat sie in ihrer Krankheit Seiten und Interessen entwickelt, die ihr in gesunden Tagen fern waren. Die ganzen Jahre hat sie bei der Beschäftigungstherapie das Tun der anderen Bewohnerinnen rege kommentiert. Das war ihr Beitrag zum Gruppengeschehen. Mit Basteln, Malen und kreativen Gestaltungsformen hatte sie es ihr ganzes Leben nicht. In der Pflegedokumentation in ihrer letzten Lebenswoche war zu lesen: Bewohnerin hat in der Beschäftigungstherapie ein Bild gemalt.

Ich finde es sehr bedenklich, daß der Selbstmord von Gunter Sachs so idealisiert wird. Das sagt viel über den Zustand unserer Gesellschaft. Müßten wir nicht viel mehr danach fragen, wie denn die Rahmenbedingungen für dementiell veränderte Menschen und ihre Angehörigen sein müßten, die ein Leben in Würde ermöglichen?